Bären-Rennen

„Rizi“ im Wettbewerb: Die Entdeckung der Langatmigkeit

| Lesedauer: 3 Minuten
Peter Zander
Am Ende bleibt nur eine kleine Musikwalze als Erinnerung: Anong Houngheuangsy als Masseur Non.

Am Ende bleibt nur eine kleine Musikwalze als Erinnerung: Anong Houngheuangsy als Masseur Non.

Foto: Homegreen Films

Zum Ende hin droht das Festival wegzunicken: Mit dem Wettbewerbsfilm „Rizi“ von Tsai Ming-Liang, in dem zwei Stunden lang fast nichts passiert

Immer wenn man schon glaubte, den Tiefpunkt dieser Berlinale erreicht zu haben, weiß das Festival das noch mal zu unterbieten, die Latte noch tiefer zu senken. Nachdem der Festivalbesucher am Mittwoch mit gleich drei Wettbewerbsbeiträgen überfordert wurde, von denen einer drei und ein anderer zweieinhalb Stunden lang war (wer programmiert sowas eigentlich?), wurde er am Donnerstag auf ganze andere Weise herausgefordert: mit nur einem Film fast ohne Handlung. Ohne Musik. Und laut Berlinale-Heft auch ohne Dialog.

Minimalismus? Minimalstismus!

Im taiwanesischen Beitrag „Rizi (Rainy Days) schaut ein älterer Mann (Lee Kang-Sheng) zehn Minuten lang in einer einzigen, reglosen Einstellung auf den Regen vor dem Fenster. Dazu muss man eigentlich nichts ins Kino gehen, das hätte man auch zuhause machen können. Dann sind man einen jüngeren Mann (Anong Houngheuangsy ) ebenso lang Salat waschen. Die Entdeckung der Langsamkeit, mögen Wohlgesonnene sagen. Es ist aber doch eher die Entdeckung der Langatmigkeit.

Man kennt das ähnlich aus Philipp Grönings Dreistünder „Die große Stille“: Da aber kam man als Zuschauer in ein Kloster mit Schweigegelübde und tauchte in eine reizvoll fremde Welt ein. Der in Malaysien geborene, aber in Taiwan arbeitende Regisseur Tsai Ming-Liang dagegen erzählt alle Filme in dieser meditativen Ereignisarmut, immerzu mit Lee Kang-Sheng als Dauerdarsteller. In „Rizi“ treibt er diesen Minimalismus nun ins Extrem. Quasi in Minimalstimus.

Rückenschmerzen? Kriegt man selbst

Bei all den banalen Alltagsverrichtungen erfährt man nicht mal, womit Kang, der Ältere, all sein Geld verdient. Nur dass er chronische Rückenschmerzen hat. Eines Tages fährt er nach Bangkok und bestellt sich einen Masseur aufs Zimmer. Da erst begegnet er Non. Da ist aber schon eine ganze Stunde, die Hälfte des Films verstrichen. Bis es zu einer Nacktmassage in Echtzeit kommt. Mit Happy End.

Klar: Verlorene Seelen. Leere Herzen. Und das alles in unheimlich langen, unheimlich handlungsarmen Einstellungen. „Emanationen der Langsamkeit“, wie es im Pressetext heißt. Zwei Männer, die sich kurz in einer erotischen Begegnung treffen und über die käufliche Abmachung hinaus noch eine Nacht zusammenbleiben. Um danach wieder in ihre Einsamkeit zurückfallen.

Als Erinnerung bleibt nur eine Musikwalze, die buchstäblich ausgewalzt wird. Das traurigste Happy End der Filmgeschichte. Aber das klingt fast schon nach mehr Inhalt, als zu sehen ist. Und der besondere Thrill, dass der Film ohne Dialoge ist, trifft gar nicht zu. Es werden durchaus ein paar Sätze gewechselt, nur sind sie nicht untertitelt. Was aber keinen Unterschied macht.

Vertane Lebenszeit

Die Zeit wird lang im Kino. Sehr lang. Vom Rumhängen im Sitz glaubt man selbst schon Rückenschmerzen zu spüren. Und wiederholte Blicke in den Kinosaal verraten: Ein Gutteil des Publikums ist in einen gerechten, friedlichen Schlaf gesunken. Man schaut bei diesem langen, leisen Film ja vor allem dem Verstreichen von Zeit zu. Auch der eigenen Lebenszeit. Und statt über das Geräusch von Regenprasseln in Verzückung zu geraten, könnte man einfach rausgehen und selbst dem Regen lauschen. Die Berlinale nickt mit „Rizi“ jedenfalls in einen Dämmerschlaf weg, von dem wir nicht sicher sind, ob man wieder wach wird.

Termine Friedrichstadtpalast, 28.2., 10 Uhr und 29.2., 21.30 Uhr; Haus der Berliner
Festspiele, 29.2., 13.15 Uhr