Incognito Bar

„Reklamorama“: Warum Werbung früher besser war

Mit „Reklamorama“ widmen sich Matthias Gerschwitz und Iris Wehner „alter“ Werbung. Texte und Melodien arrangieren sie neu.

Bei guter Werbung immer dabei: Iris Wehner und Matthias Gerschwitz sind Freunde von gepflegten Werbepausen. Alt bekannte Spots und Slogans neu arrangiert, präsentieren sie bei ihrem Reklamorama. 

Bei guter Werbung immer dabei: Iris Wehner und Matthias Gerschwitz sind Freunde von gepflegten Werbepausen. Alt bekannte Spots und Slogans neu arrangiert, präsentieren sie bei ihrem Reklamorama. 

Foto: Reklamorama

Berlin.  Werbung nervt und verbreitet Unwahrheiten, heißt es oft. Zwei, die sich der Werbung sogar verschworen haben, sind an diesem Donnerstagabend im Incognito Bar & Showpalast in Schöneberg zu Gast. In ihrem Bühnenprogramm „Reklamorama: Früher war alles besser – sogar die Werbung“ wollen Matthias Gerschwitz und Iris Wehner unter Beweis stellen, dass Werbung vor allem eins sein kann: witzig.

Zusammengestellt haben sie einen bunten Blumenstrauß alter Werbung voller Rollenklischees, unvergessener Texte und nicht zuletzt Melodien, die jeder kennt.

Matthias Gerschwitz und Iris Wehner verbindet nicht nur eine jahrelange Freundschaft. Die beiden lieben Werbung. Während er auch beruflich in der Werbebranche zuhause ist, ist sie es in der Musik. Gerschwitz betreibt eine Werbeagentur in Berlin, Wehner eine kleine Musikschule, an der die Instrumentalistin vor allem Tasteninstrumente lehrt. Drei Jahre lang begleitete sie Jürgen von der Lippe als Organistin auf seiner Tour. Musikalisch anspruchsvolle Stücke wie Melodien der Schokopraline „Merci“ oder der Kaffeemarke „Dallmayr“ finden den Weg in ihren Unterricht, sagt die 55-Jährige.

„Reklamorama“: Ein Mix aus Nostalgie und Faszination

Aus einer fixen Idee, etwas mit alten Werbetexten zu machen, ist eine gemeinsame Leidenschaft geworden – und ein Programm, das sie neben ihren Berufen immer mal wieder zeigen und erweitern. Ein Mix aus Nostalgie, Faszination für klug Gereimtes, Musik und Humor. Denn gerade die „alten“ Werbesprüche aus Funk und Fernsehen sind heute manchmal einfach nur ur-komisch, haben die beiden festgestellt. Auf die Bühne bringen sie also Werbung der 50er- bis 90er-Jahre, setzen aber Text und Melodie völlig neu zusammen. Unter die Allianz-Werbung aus den 80ern wird so beispielsweise die Melodie von Reinhard Mays „Über den Wolken“ gelegt. Er spricht die Texte, sie begleitet am Keyboard.

Im Publikum habe das oft fragende Gesichter bis hin zu Lachanfällen zur Folge, berichtet Iris Wehner. Das Verwirrspiel mit Text und Melodie haben Gerschwitz und Wehner zum Konzept erklärt. Dabei wirkt die Reklame von früher heute wie ein Fragment aus einer anderen Zeit. Eine Verschiebung von Werten und Ansichten wird deutlich spürbar. „Aktuelle Werbung interessiert eigentlich nie jemanden, die findet man eher lästig“, sagt Matthias Gerschwitz. Alte Werbung hingegen sei ein Stück Kultur, denn sie zeichne ein gesellschaftliches Bild, das meist so heute nicht mehr existiert. Die Folge: Wir lachen darüber, erklärt der Werbeexperte.

Matthias Gerschwitz: Werbung hat heute auch politische Funktion

„Wir lachen heute über die alte Spots, weil wir uns nicht vorstellen können, dass die Leute wirklich so gedacht haben“, so Gerschwitz. Werbungen von „Frauengold“ oder „Dr. Oetker“ machten ganz klar, wer „der Herr im Haus ist“ und wer hinter dem Herd steht. Für den 60-Jährigen hat Werbung eine politische Funktion hinzu gewonnen: Wenn man bedenke, dass heute politische Kräfte am Start sind, die ein Roleback in die 60er und 70er möchten, könne man sich anhand der in Werbung dargestellten Begebenheiten gut beantworten, ob man diese Zeit zurückwolle. „Da möchte ich sagen: nein“, sagt Gerschwitz.

Er möchte bei dieser Gelegenheit auch mit der Werbung als Teufel und Lügenverbreiter aufräumen: „Jeder macht Werbung. Allein schon, wenn wir um jemand anderen werben.“ Dass sie Bedürfnisse erzeuge, sei indes schlichtweg nicht wahr. Aber sie sei in der Lage, Bedürfnisse zu wecken, erklärt Gerschwitz. Dabei glaube er nicht, dass in Werbung tatsächlich Lügen stecken, in jedem Fall aber Übertreibungen.

Werbung: Eine Kunst, Melodien und Bilder zu erzeugen, die im Kopf bleiben

Stattdessen verstehe er Werbung durchaus als Kunst. Eine Kunst, Melodien, Bilder und Texte zu erzeugen, die anderen im Kopf bleiben. Was die Reklame von früher außerdem so besonders mache, ist, dass etwa bis in die 70er vor allem gereimte Texte verwendet wurden. Heutzutage werde eher auf schnelle Bilder und Schnitte, Musik und Sounds Wert gelegt. Nicht nur aufgrund der Fülle an Werbung im Fernsehen, auf der Straße, im Radio und sozialen Medien sei es heute nicht mehr so leicht, gute Werbung zu machen, die auch auffällt, erklärt Gerschwitz. Auch darin steckt eine Besonderheit der Werbung von früher. Sie war seltener und viel detaillierter. Heutzutage in der Werbeindustrie Erfolg zu haben, sei gar nicht mehr so leicht, findet der Fachmann. Die Seh- und Hörgewohnheiten haben sich verändert und verändern sich immer wieder.

Da zu Beginn des Abends bei „Reklamorama“ viele Besucher behaupten, sie würden gar keine Werbung kennen, testen Iris Wehner und Matthias Gerschwitz diese Behauptung immer ganz gern und lassen ihr Publikum Melodien und Slogans raten. Gerschwitz gibt zudem Einblicke in die Entwicklung von Reklame. „Wir bieten quasi eine Informationsveranstaltung, nicht nur Comedy und Kabarett“, scherzt Wehner.

Investitionen in Werbung in Deutschland sind leicht gesunken

Laut dem Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft (ZAW) wurden im Jahr 2018 gut 26,8 Milliarden Euro in Werbung in Deutschland investiert. Das ist etwas weniger als im Jahr zuvor. Für 2019 rechne man mit 21 Milliarden Euro. Zu den Branchen, die 2018 am meisten Werbung schalteten zählen Pkw-Hersteller, Zeitungen und der Lebensmittel-Einzelhandel. Mit Blick auf die enorme Bedeutung des Internets und sozialer Medien wundert es kaum, dass die Ausgaben für Online-, aber auch für Außenwerbung steigen. Am meisten wird aber noch immer für Werbung im Fernsehen und Print ausgegeben.

Wer 2018 am meisten für Werbung ausgeben hat: Konsumgüterhersteller Procter & Gamble, Süßwarenhersteller Ferrero und der Automobilhersteller Volkswagen. Darauf folgen die Telekom und Kosmetikhersteller L´Oréal. Gerade im Kosmetik- und Livestyle-Bereich werden Influencer für große Konzerne immer interessanter. Unternehmen nutzen deren Bekanntheit, um ihre Produkte gezielt über deren Auftritte bei YouTube, Facebook oder Instagram anpreisen zu lassen. Für Influencer kann das ein lohnendes Geschäft sein.

Bei der Werbung für das eigene Programm sind Matthias Gerschwitz und Iris Wehner eher klassisch unterwegs. Rundbriefe per E-Mail oder Hinweise über die sozialen Medien, das sei alles. Und auf ihrer Internetseite www.reklamorama.de geben sie weitere Einblicke in die bunte Welt der Werbung.

„Reklamorama“, 27.02.2020, 19 Uhr, Incognito Bar & Showpalast, Hohenstaufenstraße 53, 10779 Schöneberg, Tickets: www.incognito-berlin.de/tickets