Hauptrolle Berlin

„Nie wieder schlafen“: Odyssee durch eine Stadt im Umbruch

Am 3. März wird im Zoo Palast noch einmal „Nie wieder schlafen“ gezeigt. Und Regisseurin Pia Frankenberg erzählt von den Dreharbeiten.

Nie wieder schlafen

Nie wieder schlafen

Foto: Deutsche Kinemathek

In Roadmovies brechen Figuren zu neuen Ufern auf, weil sie in ihrem Leben festgefahren sind. In der Regel steigen die Protagonisten dafür ins Auto und müssen so weit wie möglich wegfahren und in der Fremde verlieren, um ganz bei sich anzukommen. Dabei sind es in der Regel Männer, die sich auf den Weg machen. Als sei das ein geschlechts-spezifischer Atavismus, ein männliches Ur-Gen, wie wir es aus dem Western kennen, wo der Cowboy in die einsame Prärie reitet. Nur dass er diese Reise beim Road Movie mit ein paar PS mehr antritt.

„Nie wieder schlafen“ von Pia Frankenberg ist ein kompletter Gegenentwurf zu diesem Genre. Hier sind es drei Frauen, die aus ihrem Alltag ausbrechen. Aber ihr Wagen bleibt liegen, sie gehen einfach so drauf los: ein Road Movie zu Fuß. Und dabei ziehen sie nicht genre-üblich durch weite, einsame Landschaften, sondern durch eine riesige Stadt: Berlin. Und die ist im Sommer 1991, als der Film gedreht wurde, kurz nach Mauerfall und Wiedervereinigung, ebenfalls im Um- und Aufbruch.

Ein Deutschland-Bild mit all seinen Widersprüchen

Wie die drei Frauen, die da durch das einstige Niemands-land zwischen Ost und West stolpern. „Nie wieder schlafen“ ist deshalb ein reizvolles Zeit-Bild. Und wird am 3. März noch einmal gezeigt in der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, in der die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast an jedem ersten Dienstag im Montag einen waschechten Berlin-Film zeigt.

Mit ihrem dritten Spielfilm, der im Vorspann den etwas längeren Titel „Nie wieder schlafen, nie mehr zurück“ trägt, wendete sich die damals in Hamburg lebende Filmemacherin Pia Frankenberg radikal vom klassischen Erzählkino ab. Sie könne „den Satz vom Geschichtenerzählen nicht mehr hören“, verkündete sie damals selbstbewusst, und mache lieber „einen Zwischendurchfilm, ohne Geschichte“.

Drei Freundinnen fahren anfangs zusammen nach Berlin. Um die Hochzeit einer weiteren Freundin zu feiern. Der Hafen der Ehe wird auf einem Spreedampfer angesteuert. Doch die Bootstour wird zum Reinfall. Rita (Lisa Kreuzer) begegnet ihrem Verflossenen, kann das nicht ertragen. Und geht von Bord. Lässt sich irgendwo im Nirgendwo aussetzen. Ihre Freundin-nen Roberta (Gaby Herz) und Lilian (Christiane Carstens) kommen mit. Sie stranden zwischen DDR-Altlasten und bundesdeutschem Sperrmüll und versinken da erstmal im märkischen Sand. Aber von da aus ziehen sie los. Ziellos durch die Stadt. Und wollen „nie wieder zurück“.

Blicke auf eine Stadt, die es so lange nicht mehr gibt

„Von der Wirklichkeit berichten. Außen: Deutschland, Berlin. Innen: das eigene Geschlecht. Zusammen ein subjektives Element.“ So lautete das Grundgerüst dieses in jeder Hinsicht offenen Films. Ein Reigen von Momentaufnahmen, die oft wie improvisiert wirken, wenn die drei Frauen, die alle die 30 hinter sich gelassen haben, da ziellos durch die Straßen laufen und sich einfach treiben lassen. Das könnte alles beliebig wirken. Wären da nicht die großartigen Ansichten auf die Stadt, die damals selbst im Umbruch war und so schon lange nicht mehr existiert.

Immer wieder zieht das Trio durch Straßen, wo der Putz noch von den Häuserfassaden bröckelt, aber auch schon Gerüste für künftige Neubauten stehen. Immer wieder ziehen sie durch das west-östliche Niemandsland, die noch offen klaffende Narbe der Teilung. Wo die Mauer teils noch steht, teils schon abgetragen ist. Oder am Checkpoint Charlie als Gedenkstätte wiederaufgebaut wird.

Sie werden auch Zeuge der Umbettung des Alten Fritz, dessen Gebeine erst nach der Wiedervereinigung in seiner märkischen Heimat beigesetzt werden konnten. Roberta, die Jüngste und Stillste der Drei, hat eine Videokamera dabei, hält manchmal einfach auf die Menschen und befragt sie. Da mischen sich dann Spielszenen mit Dokumentaraufnahmen. Dann wieder flaniert das Trio durch Brachen. Eine weite Öde, wo bald der Potsdamer Platz entstehen wird, und zugewachsenes Terrain, das mal zur Topographie des Terrors wird.

Manchmal setzen sie sich auch einfach in die S-Bahn und schauen auf diese Stadt. Und ihre Einwohner. Folgen sogar einigen von ihnen. Und nehmen doch Reißaus, wenn die Menschen sich ihnen öffnen und als noch kaputter erweisen als sie selbst.

Ein schön unorthodoxer mäandernder Film

Pia Frankenberg, die damals noch nicht in Berlin lebte, hatte zuvor mit zwei Filmen reüssiert, in denen sie auch selbst die Hauptrolle spielte. In „Nie wieder schlafen“, ihr letzter Film, bevor sie zur Schriftstellerei wechselte, stand sie erstmals nur hinter der Kamera. Wenn jemand im Kino abgerundete Geschichten suche oder vorgefasste Meinungen, dann sei er bei diesem Film natürlich falsch, postulierte sie damals selbstbewusst. Für eine Filmlänge dürfte man sich aber ruhig mal auf einen veränderten Blick einstellen.

Wie ihre Protagonistinnen ließ sich auch die Regisseurin durch die Stadt um Umbruch treiben. Und nahm sie mit dem interessierten Blick von außen ein. Mit ihrer Kamerafrau Judith Kaufmann fuhr sie auf dem Fahrrad durch die Stadt, um Schauplätze zu finden, und so ist der Film denn auch entstanden: als Wechselwirkung zwischen der Entwicklung der Figuren und der Aura der Locations.

Auch das Festhalten der Zeit war Frankenberg dabei wichtig. Ein Zeitbarometer, ein Deutschland-Bild mit all seinen Widersprüchen sollte ihr Film werden. Dass ihre drei Protagonistinnen am Ende auf dem Alexanderplatz stehen, unter der Weltzeituhr, wurde damals teils als Klischee kritisiert. Dabei bringt es diesen schön unorthodox mäandernden Film am Ende nur auf den Punkt: als Zeit-Bild.

Zoo Palast, 3. März, 20.30 Uhr in Anwesenheit der Regisseurin Pia Frankenberg. Einen Wertgutschein über zwei Euro finden Sie in Sonntagsausgabe der Berliner Morgenpost. Er wird beim Kauf einer Eintrittskarte verrechnet.