Interview

Willem Dafoe: „Wir jagen uns wie Kinder im Sandkasten“

Auf der Berlinale haben sie ihren neuen Film „Siberia“ vorgestellt: Willem Dafoe über seine lange Freundschaft mit Abel Ferrara.

Regisseur Abel Ferrara (l.) und Schauspieler Willem Dafoe.

Regisseur Abel Ferrara (l.) und Schauspieler Willem Dafoe.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Für ein Interview eine ungewohnte Situation. Abel Ferrara und Willem Dafoe wollen eigentlich gemeinsam über ihren Wettbewerbsfilm „Siberia“ reden. Aber Ferrara ist abgelenkt. Ein Filmteam mit zwei Kameras springt um ihn herum, filmt die beiden beim Interview. Ferrara selbst hat sein Iphone in der Hand und filmt seinen Freund und Kollegen. Er dreht gerade einen Dokumentarfilm über sich selbst und lässt seinen Freund Willem Dafoe die Arbeit machen, die Fragen zu beantworten.

Mister Dafoe, was reizt Sie immer wieder an der Arbeit mit Abel Ferrarra?

Willem Dafoe: Ich arbeite gerne mit Abel. Da ist mir die Geschichte eigentlich egal. Die verstehe ich – wenn überhaupt – sowieso erst bei den Dreharbeiten. „Siberia“ klang nach Abenteuer. Was mich aber wohl am meisten begeistert hat, war überhaupt nicht zu wissen, was am Ende dabei rauskommen wird.

Sie haben quasi die Katze im Sack gekauft?

Irgendwie schon. Aber ich mochte die Körperlichkeit meiner Rolle, die Drehorte, die Hunde, die Beziehungssachen.

Abel Ferrara und Sie verbindet eine lange Freundschaft. Sind die Dreharbeiten eine Art Familientreffen?

Ich bin gerne in seiner Nähe. Er inspiriert mich. Und er heuert mich immer wieder an. Wir sind beide starke Persönlichkeiten, wissen, was wir wollen. Ich mag, wie er mich in die Arbeit einbindet. Wir drehen schnell und zügig. Das Filmteam ist wirklich wie eine Familie. Jeder hat seinen Aufgabenbereich. Und auf eins ist Verlass. Bei ihm am Set gibt es immer guten Espresso. Je besser der Espresso, desto besser am Ende der Film.

Streiten Sie manchmal?

Oh ja. Manchmal sind wir wie die Kinder, die sich im Sandkasten mit der Schippe jagen. Wir streiten uns immer nur vor Zeugen. Die größten Meinungsverschiedenheiten haben wir über Kleinigkeiten. Und bei den großen Sachen sind wir ein Herz und eine Seele. Ich werde auch einfach nicht gern angeschrien. Er weiß, welche Knöpfe er bei mir drücken muss.

Sie sprachen die Körperlichkeit an. Die zieht sich wie ein roter Faden durch Ihre Karriere. Was gibt Ihnen das physische Spiel?

In der Körperlichkeit fühle ich mich zuhause, daraus ziehe ich mein schauspielerisches Vergnügen. Eine absolute Horrorvorstellung für mich ist es, in einem Familiendrama mitzuspielen, bei dem alle nur um den Küchentisch sitzen und reden. Figuren definieren sich über ihre Handlungen. Die muss ich als Schauspieler sichtbar machen. Und das erreiche ich nur, wenn ich mich richtig reinhänge und an meine Grenzen komme.

Was treibt Sie an?

Ich lese das Drehbuch und frage mich selbst, ob ich mich für die nächsten Monate damit beschäftigen will. Je konventioneller ein Film ist, desto unwahrscheinlicher ist es, dass ich zusage.

Vermeiden Sie Risiken?

Ja. Wenn ich das Feuer nicht spüre. Die Leidenschaft, dann sage ich Dinge auch wieder ab. Ich brauche kein Set, an dem alle total nett zueinander sind. Auch wenn ich solche Filme natürlich auch schon gedreht habe. Ich will mich voll und ganz in meinen Filmen verlieren, ich will am Ende etwas gelernt haben. Vielleicht bin ich da das lebende Klischee, aber ich will aus der Balance geworfen werden.

Sie suchen also die Abgründe?

Nicht unbedingt Abgründe. Aber ich suche eben die Rollen, die mich zum Umdenken zwingen. Die mich herausfordern. Ich bin nicht mutiger als die anderen, aber ich versuche eben größer zu denken. Und das gelingt nur, wenn ich mich regelmäßig meinen Ängsten stelle.

Haben Sie Angst, sich in ihrer Arbeit zu langweilen?

Ja. Wobei ich gar nicht abstreiten würde, dass mir das schon einmal passiert ist. Aber Langeweile bedeutet für einen Schauspieler den Tod.