Bären-Rennen

Wir lachen uns kaputt: Filmsatire über unser Netz-Verhalten

Zum Handy drängt, am Handy hängt doch alles. Davon handelt die böse französische Satire „Effacer l’historique“ im Wettbewerb.

Jeder hat so seine Probleme, und alle haben mit dem Handy zu tun.

Jeder hat so seine Probleme, und alle haben mit dem Handy zu tun.

Foto: © Les films du Worso / © Les films du Worso -

Gott ist übrigens gar nicht tot, er haust laut Benoît Delépines und Gustave Kerverns satirischem Wettbewerbsbeitrag zauselig in einem Windrad irgendwo in der EU-subventionierten Agrarsteppe. Dort hackt er sich in Accounts, nur wenige finden Zugang zu ihm und bitten ihn, Leid von ihnen abzuwenden. Sextapes zu löschen zum Beispiel. Doch seine Macht ist begrenzt, auf die Cloud hat er keinen Zugriff.

Dabei sind die Probleme des Antihelden-Trios Christine (Corinne Masiero), Marie (Blanche Gardin) und Bertrand (Denis Podalydès) dringlich. Die herbe Christine, einst Aufseherin in einer Atombehörde, verlor ihren Job, weil sie wegen ihrer Serien-Sucht ein radioaktives Leck übersah. Nun steht auch ihre Existenz als Uber-Fahrerin wegen schlechter Kundenbewertungen auf dem Spiel.

Cyber-Mobbing, Erpressung, Klickgier

Die chaotische Marie hat auch kein Geld, wird aber mit einem Sextape erpresst, wofür sie sich vor ihrem Sohn schämt. Und der naive Bertrand verliebt sich in Künstliche Intelligenz, ohne es zu wissen. Dabei er hält sich für besonders aufgeklärt und legt sich sogar mit Facebook an, weil seine Tochter dort gemobbt wird.

„Effacer l’Historique“, im Französischen ein Titel geschichtsphilosophischen Ausmaßes, heißt auf deutsch schlicht „Verlauf löschen“. Es geht um jene Art Vorhölle, in der wir uns alle längst scheinbar unwiderruflich befinden, weil wir im Internet so bereitwillig unsere Daten hinterlassen. Oder, wie Bertrand sagen würde: „Scheiß drauf, ich hab’ sowieso kein Privatleben“.

Kampfansage an die Daten-Riesen

Nicht jeder von uns würde so weit gehen wie Marie, die zum Google-Konzern reist, sich an der Security vorbeidrängelt und laut „Ich will meine Muschi zurück!“ schreit. Oder wie die übermüdete Christine, die noch eine alte Gelbweste im Auto hat („haha, daran haben wir mal geglaubt“), auf die Verkehrsinsel fährt und vom Dach ihres Autos aus Urschreie loslässt. Oder wie Bertrand, der zu Facebook nach Irland fliegt. Halt, doch nicht, kurzfristig entscheidet er sich um und reist nach Mauritius, zur Callcenter-Angebeteten. Endlich gibt es jemanden, der alles von ihm weiß – das muss Liebe sein! Und weil hier alles lustig auf den Weltuntergang zuläuft, hat auch der Schriftsteller Michel Houellebecq einen freundlichen, wenn auch suizidalen Kürzestauftritt.

Das Regie-Duo Benoît Delépine und Gustave Kervern ist zum dritten Mal auf der Berlinale vertreten, manche erinnern sich vielleicht noch an die ebenfalls mit viel Handkamera gefilmte Dramödie „Mammuth“ mit Gérard Depardieu von 2010. Auch dort hielten sich ein sezierender Blick für die Deformationen des Einzelnen durch die Zumutungen des (Berufs-) Lebens und ein überbordender Witz die Waage.

Zum Heulen und doch so lustig

„Effacer l’Historique“ wäre eigentlich zum Heulen, wären die Gags nicht so lustig. Und so wahr. Wieviel Lebenszeit geht dadurch drauf, dass wir Passwörter suchen und neu erstellen, „alle Bilder mit Ampeln“ auswählen und doch für Roboter gehalten werden? In welches Ritterheer der traurigen Gestalt haben wir uns nur verwandeln lassen? Tag fünf im Wettbewerb, und schon lachen wir uns kaputt.

Termine: Friedrichstadtpalast, heute , 10 Uhr und 1.3., 14.15 Uhr; Haus der Berliner Festspiele, heute, 20.30 Uhr; CinemaxX 3, 29.2., 11 Uhr.