Neu im Kino

„Russland von oben“: Ein Traum von einem Überblick

Die Russland-Auskoppellung der „...von oben“-Reihe sieht manchmal wie ein touristischer Imagefilm aus, macht aber dennoch Spaß.

Malerisch: Zwiebeltürme auf den Kirchdächern der Stadt Solowezki.

Malerisch: Zwiebeltürme auf den Kirchdächern der Stadt Solowezki.

Foto: Filmwelt

Wenn uns gut vernetzten, bestens informierten Menschlein etwas fehlt, dann ja wohl der Überblick. Über unsere eigene Kleinheit auf diesem Planeten, über das Wiesoweshalbwarum gefühlt ewig schwelender politischer Konflikte. Nicht mal über die Dimensionen, Farben und Schattierungen, aus denen der Globus jenseits des zweidimensionalen Smartphone-Bildschirms besteht, sind wir uns im Klaren. Als lebten wir alle hinterm Wald.

Dagegen hilft schon seit einigen Jahren die Doku-Reihe „…von oben“: Auch der jetzt fürs Kino neu bearbeitete Film „Russland von oben“ zielt dabei ganz auf Überwältigung. Ursprünglich als fünfteilige TV-Reihe produziert, mehrfach wiederholt und auf DVD ausgewertet, wurde das Werk um gut 100 Minuten gekürzt und auf ein zweistündiges Poem verdichtet. Zwei Stunden für das mit 17 Millionen Quadratkilometern größte Land der Erde. Ein Traum von einem Überblick.

Wie inzwischen gewohnt, fliegen und schweben wir mit Drohnen und Helikoptern im immer gleichen, sanften Tempo über Flussdeltas und Vulkane, glitzernde Millionenstädte und winzige Nomadensiedlungen. Wir sehen Eisbären, Antilopen und Rentiere, das ganze klimatische Spektrum zwischen glitzerndem Eis und südlichen Palmen. Dazu klimpern und säuseln emotionalisierend gemeinte, in ihrer Dauerpräsenz ziemlich überflüssige Filmmusik-Klöppeleien.

Schlichtes Bekenntnis zum Schönen

Zahlen und Maße kommen zwar vor („höchstes Dorf der Welt“, „tiefstes Loch“, „Insel mit der höchsten Eisbär-Babyrate“), aber nur, um das Staunen noch zu erhöhen. Anders als zuletzt im Selfmade-Film „Besser Welt als nie“, eine Reise vom Fahrrad aus, also eher die Welt „von unten“, erinnert die Ästhetik von „Russland von oben“ (mitfinanziert von Gazprom) an einen Imagefilm.

Auch wenn das Ehepaar Petra Höfer und Freddie Röckenhaus für sein Werk mit Preisen für den besten Wissenschaftsfilm überhäuft wurde, besteht „Russland von oben“ nicht in erster Linie aus der Bebilderung wissenschaftlicher Erkenntnisse, sondern aus dem schlichten Bekenntnis zum Schönen und Weglassen alles Politischen und Kritischen.

Das mag in dieser gleichmäßig ausgebreiteten Fülle einlullen, ist aber auch ein legitimes und bewusstes Gegengewicht zum alltäglichen, blind machenden Meinungs-Rauschen.

Dokumentarfilm D 2020 127 min., von Petra Höfer u. Freddie Röckenhaus