Der Rekord-Halter

Rosa von Praunheim über seinen Berlinale-Rekord

Rosa von Praunheim war mit 25 Filmen auf der Berlinale. Hier spricht er über das Festival und war er von den neuen Chefs erwartet.

„Dieter Kosslick werde ich natürlich vermissen“, sagt Rosa von Praunheim. Aber Carlo Chatrian muss man nun eine Chance geben.

„Dieter Kosslick werde ich natürlich vermissen“, sagt Rosa von Praunheim. Aber Carlo Chatrian muss man nun eine Chance geben.

Foto: Reto Klar

Kein Regisseur hat mehr Filme auf der Berlinale gezeigt als Rosa von Praunheim. Gleich sein erster führte hier 1971 schon zu Tumulten. Seither ist er ein Dauergast des Festivals. gern auch in grellen Outfits. Auf das neue Team ist der alte Hase (77) sehr gespannt.

Berliner Morgenpost: Sie halten auf der Berlinale den Rekord mit den meisten Filmen, die je ein Regisseur vorgestellt hat.

Rosa von Praunheim: Ich war, glaube ich, 25 Mal im Panorama. Und das Forum begann ja mit meinem Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“, der jetzt zum 50-Jährigen der Sektion noch mal gezeigt wird. Das war immer wieder eine Ehre, auf der Berlinale zu laufen. Ich hatte das Glück, dass ich vor allem unter Ägide des langjährigen Panorama-Leiters Wieland Speck sehr viele Filme in seiner Sektion zeigen durfte. Das hat viel bedeutet, auch international, dass dem schwullesbischen Film da so ein großer Raum eingeräumt wurde. Ich wurde dann ja auch auf viele internationale Festivals eingeladen. Kann also sein, dass ich da einen Rekord halte. Aber es kommen ja noch andere nach. Die haben auch noch die Chance.

Wie war das damals, als „Nicht der Homosexuelle...“ das Forum eröffnet hat? Die Fernsehausstrahlung hatte danach ja eine heftige Debatte ausgelöst, der Bayerische Rundfunk hat sich sogar ausgeklinkt

Das Kino blieb erst mal leer. Erst als das Licht ausging, strömten die Massen rein. Die Schwulen hatten damals noch Angst, einen Schwulenfilm zu sehen, weil sie fürchteten, danach als schwul identifiziert zu werden. Nun war der Film so provokativ, dass die sich unfreiwillig outeten, weil sie danach aufstanden und meinten, wir sind nicht so, so kann man uns nicht darstellen. Ich wollte , dass sie wütend sind. Und sich damit zugleich bekennen. Und politisch aktiv werden und für ihre Rechte kämpfen. Der Paragraph 175 ist ja erst 1994 gesamtdeutsch abgeschafft worden, es gab damals also noch viel zu tun.

Gibt es spezielle Momente der Berlinale, an die Sie sich besonders gern erinnern?

Das ist natürlich ein weites Feld. Die Berlinale hat sich sehr verändert, nachdem die Mauer fiel. Da tauchten plötzlich unübersichtliche Massen von Leuten auf, die man noch nicht kannte. Und die man natürlich kennenlernen wollte. Einige behaupten sogar, ich hätte sie an die Hand genommen und Leuten vorgestellt. Ich finde das sehr schön, dass die sich heute noch daran erinnern. Ich hatte hier auch einen schwullesbischen Salon, da war auch sehr schnell ein Kontakt mit Künstlern von drüben. Aber auf der Berlinale wurde das immer unüberschaubarer. Inzwischen laufen so viele Filme, das schafft man nicht. Ich bin da schon am zweiten Tag so erschöpft, dass ich nur noch sehr ausgewählte Termine wahrnehme. Das ist schade. Diese Kommunikation, die für mich sehr wichtig war, das ist sehr schwierig geworden. Wenn man da Max Ophüls in Saarbrücken oder die Hofer Filmtage nimmt, das sind überschaubare Festivals. Wenn du da auf dem Flughafen ankommst, ist da ein riesiges leeres Feld. Da sind mehr Polizisten als Passagiere.

Sie haben alle Festivalleiter erlebt. Wie würden Sie die nachträglich einstufen?

Kosslick ragt schon sehr heraus. Ich fand ihn wunderbar, kommunikativ, witzig, entertaining. Er war unheimlich agil, hat auch viele Leute miteinander vernetzt. Und er hat viel für den deutschen Film bewirkt. Das war sehr einmalig. Das Einzige, war mir selten gefallen hat, waren seine Eröffnungsfilme.

Ist das Festival zu groß geworden?

Tja, das war ja einer der Vorwürfe, die Kosslick immer zu hören bekam. Und einer der Gründe, warum sich viele gegen ihn gewandt haben. Aber kann jemand ernsthaft wollen, dass ein großes Festival wieder kleiner wird? Gerade in Konkurrenz zu Cannes oder Venedig? Es zieht doch ganz offenbar viele Leute aus aller Welt an. Das ist doch erst mal gut.

Was erwarten Sie von dem neuen Team?

Der neue Leiter Carlo Chatrian ist ja experimenteller orientiert. Es gibt ja auch einen zweiten Wettbewerb, da bin ich sehr gespannt, inwieweit sich da eine neue Formsprache abzeichnet. Und er ist ja offen schwul. Das finde ich angenehm, dass er zu dem Thema eine Offenheit hat. Ich gebe dem erst mal eine Chance. Man sollte ihm den Raum geben, etwas zu machen. Dieter Kosslick werde ich natürlich vermissen.

Wo sehen Sie das Festival heute? Ist es noch ein A-Festival neben Cannes oder Venedig? Oder hat es diese Wichtigkeit verloren?

Das kann ich schwer beurteilen. Mit Filmpolitik und Kaufmännischem habe ich es ja nicht so. Ich glaube dennoch immer, dass die Berlinale ein sehr wichtiges Festival ist. Und eins der größten. Und Wieland Speck hat die großartige Arbeit geleistet, dass schwullesbischtrans-Filme hier gezeigt werden und der erste Preis dafür vergeben wurde. Das ist eine Großtat. Cannes war mir zu viel. Ich war nur einmal dort, als Gast. Da bin ich fast gestorben. Das war irrsinnig hektisch und teuer. Aber Festivals werden gerade in der Krise des Kinos immer wichtiger. Jetzt, wo alle nur noch streamen und es gerade Arthousefilme sehr schwer haben.

Sehen Sie denn noch eine Chance im Kino? Oder ist das eine Kunst, die über die Streamingportale verloren geht?

Es ist auf jeden Fall gerade ein großer Umbruch. Aber das Theater hat sich ja auch gegen den Film gehalten. Und Hörspiele, eine verloren geglaubte Kunstform, feiern durch Podcasts eine Renaissance. So wie sich Oper und Theater gehalten haben, wird sich auch das Kino immer halten. Die Tendenz ist halt nur, dass Arthouse es immer schwerer hat und nur noch die Blockbuster als großer Event bleiben. Aber vielleicht tut sich da auch wieder etwas im Arthouse-Bereich. Dass man neue Formen findet, um Leute wieder gemeinschaftlich einzuladen.