Ausstellung

Der Pflanzenflüsterer

Der niederländische Naturkünstler Herman de Vries fragt im Kolbe Museum: „how green is the grass?“ Eine inspirierende Ausstellung.

„wintervegetation“ heißt diese Collage von Herman de Vries aus dem Jahr  2009.

„wintervegetation“ heißt diese Collage von Herman de Vries aus dem Jahr 2009.

Foto: FS Art Berlin, Foto: Bruno Schneyer, Zeil am Main / FS Art Berlin

Der Besuch von Kunstgalerien kann unterschiedlich nachwirken. Manchmal bleibt ein Gedanke übrig, häufig ein Bild, mitunter gar nichts. Aber nur höchst selten kommt es vor, dass man auf der Stelle in den Wald laufen, über Farne springen oder sich nackt ins Moos legen möchte. Herman de Vries ist ein Ausnahmekünstler, der diesen Effekt auslösen kann. Und er scheint es mit Sammlungen aus gepressten Kirschbaumblättern, duftender Rinde und handschriftlichen Botschaften genau darauf anzulegen.

Das Georg Kolbe Museum in Berlin stellt in einer für ein Kunstmuseum ungewöhnlichen Partnerschaft mit dem Umweltbundesamt den niederländischen Naturkünstler vor. Die „how green is the grass?“ betitelte Retrospektive gibt einen Einblick in 50 Schaffensjahre. „Der Geruch des Waldes, an einem Morgen im Mai, nach einer regnerischen Nacht“, lautet eine kleine Zettelbotschaft. In einer Vitrine liegen verschiedenfarbige Erdproben aus: orangefarbene Pigmente aus Spanien, grünspanfarbene Proben aus Zypern und weiße Erde von der Insel Samos.

Tanz der Halme und Ähren

In einem Frühwerk Ende der 70er-Jahre hat der Botaniker, Naturphilosoph und Wanderer auf einem Bogen Papier festgehalten, in welchen Formationen ein Kirschbaum im Herbst Blätter verstreut hat. Jüngeren Datums ist eine Hommage an Albrecht Dürer und sein „Großes Rasenstück“ von 1503. Auch de Vries hat ein Rasenstück geschaffen. Er hat ein Rasenbüschel am Ursprungsort zwischen zwei Platten gepresst und dabei einen bestimmten Moment im Tanz der Halme und Ähren festgehalten.

Die Schönheit der Natur, so lässt sich de Vries’ Kunst lesen, übertrifft die Kunst. Seine Lebensphilosophie beschreibt der inzwischen 88-Jährige als „staunen und verehren an den rändern der wald- und feldwege“. Wie kein zweiter Künstler habe sich de Vries frühzeitig „der in Schieflage geratenen Beziehung von Mensch und Natur“ zugewendet und ein stringentes Werk geschaffen, „das in der heutigen Zeit – nicht nur durch die ‘Fridays for Future-Bewegung’ und die spürbaren Auswirkungen der Klimakrise – brandaktuell ist“, steht im Museumsflyer.

Herman de Vries ist der Eremit aus dem Steigerwald

Vor 40 Jahren hat sich der Holländer in den Steigerwald zurückgezogen, den er als sein „Atelier“ bezeichnet. Mit Abstraktionen aus Erdpigmenten (“from earth, europe“) und Materialaufschüttungen in Kreisform lässt sich sein Werk dem Minimalismus, der Land Art und der Arte Povera zuordnen, der Kunst aus einfachen und natürlichen Materialien. In seiner Jugend stand de Vries der „ZERO“-Gruppe nahe. Prominenz wie Otto Piene, Mario Merz oder Janis Kounellis hat der weißbärtige Eremit aus dem Steigerwald aber nicht erlangt.

Immerhin ist ihm ein erfreulicher Spätest-Ruhm beschieden. Vorläufiger Höhepunkt war die Kunstbiennale in Venedig vor fünf Jahren, als Herman de Vries im holländischen Pavillon mit der Ausstellung „to be all ways to be“ vertreten war. Die Fundstücke aus Naturmaterialien in seinem Werk sind als Spuren des Lebendigen zu lesen. Die Bilder und Installationen zeugen von besonderer Achtsamkeit im Umgang mit der Natur und von der Einsicht, dass die eigentliche, die wahre Kunst die Lebenskunst ist.

Georg Kolbe Museum, Sensburger Allee 25, Berlin-Westend, täglich 10-18 Uhr. Bis 3. Mai 2020.