Musik

Huey Lewis & The News: Fast taub, aber tapfer

Huey Lewis ist gesundheitlich schwer angeschlagen. Doch mit seiner Band macht er auf dem neuen Album „Weather“ das Beste daraus.

Haben nach 19 Jahren wieder ein neues Album herausgebracht: Huey Lewis & The News.

Haben nach 19 Jahren wieder ein neues Album herausgebracht: Huey Lewis & The News.

Foto: Deanne Fitzmaurice / dpa

„Morbus Ménière“ – schon der Name klingt bedrohlich, und tatsächlich ist die Krankheit, an der Huey Lewis leidet, so tückisch wie scheußlich. Es handelt sich um eine Erkrankung des Innenohrs, die zu Schwindel und Übelkeit führt. Die Schwere der Krankheit ist praktisch nicht vorhersehbar. Und wenn es wirklich ganz schlecht läuft, verliert man sein Gehör.

Bei Huey Lewis lief es extrem schlecht. „Ich habe diese Krankheit seit 35 Jahren“, sagte er dem Magazin „The Whitefish Review“, deren Mitarbeiter er zum Interview auf seiner Fischfarm im US-Bundesstaat Montana empfing. Damals sei er unvermittelt zusammengeklappt, als das linke Ohr plötzlich ausfiel wie ein Flugzeugmotor und nicht wieder ansprang. „Ich sollte mich daran gewöhnen, rieten die Ärzte.“ Das tat er.

Doch vor ziemlich genau zwei Jahren holte sich Morbus Ménière auch sein linkes Ohr. „Es passierte unmittelbar vor einem Konzert in Dallas. Ich hörte nur einen Knall im Ohr, und das war es dann.“ Seitdem gebe es gute, schlechte und komplett beschissene Tage; manchmal könne er hören, was die Leute sagen, manchmal nicht; doch statt Musik nehme er nunmehr nur noch eine Art Fiepen war.

Huey Lewis verzichtet auf Koffein und Schokolade

Die Erwartungen an unser Telefonat mit Huey Lewis, das nach einer Verschiebung dann tatsächlich kurzfristig stattfinden soll, sind den Umständen entsprechend nicht sehr hoch. Doch Lewis überrascht. Ein paar Nachfragen hier und da, alles in allem indes scheint er seinen Gesprächspartner ganz ordentlich zu verstehen.

„Ich höre nicht sehr gut, aber ansonsten bin ich in Form.“ Die Umstände bringen es mit sich, dass Huey, der in New York geboren wurde und die meiste Zeit seines Lebens in San Francisco beheimatet war, zunächst einmal ausführlich über seine Krankheit und deren Behandlung spricht.

„Ich gehe nachher ins Fitnessstudio, so wie fast jeden Tag“, erzählt er. „Anschließend werde ich mir etwas zu essen einkaufen.“ Kein Koffein mehr, keine Schokolade, dafür möglichst viel Frisches - die Ernährungsumstellung habe auch ihre positiven Seiten. „Ich bin in wirklich guter Form, sieht man von meinem Gehör ab.“

Huey Lewis kann nie mehr auf der Bühne singen

Er sei, nach einer wahren Arzt-und-Klinik-Odyssee (“Ich habe wirklich alles durchprobiert, ganzheitliche Medizin, Akupunktur, Chiropraktik.“) jetzt bei einem Spezialisten in Harvard gelandet, experimentelle Therapie. „Ich nehme ein genetisches Puder ein. Mein Arzt sagt, dass Muskeln und Blut nicht mehr so gut miteinander kommunizieren, wenn man älter wird.“ Was sich auf alle Sinne auswirke, nicht zuletzt das Hören. „Das System muss stimuliert werden, mit dem Puder und mit den Fitnessübungen. In Mäusen hatten sie in Harvard schon recht überzeugende Resultate.“

Für Huey Lewis am schlimmsten: Während er an den meisten Tagen zumindest leidlich kommunizieren könne und das Hörvermögen schwanke, was zu „Episoden von zwei Tagen bis zu vier Wochen“ führe, an denen es etwas besser sei, ist an Singen nicht zu denken. Und somit auch nicht mehr ans Livespielen. „Wir haben im Schnitt 125 Shows pro Jahr gemacht, jetzt machen wir keine mehr. Ich war nie der tollste Sänger der Welt, aber ich war verlässlich, ein Arbeitspferd auf der Bühne. Nie fiel ich aus, doch jetzt kann ich auf meinen Körper nicht mehr vertrauen. ich muss damit leben. Was willst du sonst auch machen.“

Huey Lewis hatte 19 Top-Ten-Songs in den USA

Trotz der Widrigkeiten, und nun kommen wir also zum positiven Teil, veröffentlicht Huey Lewis mit seinen altbewährten Bandfreunden zehn Jahre nach einer Cover-Platte und 19 Jahre nach dem letzten Werk mit eigenen Songs mit „Weather“ wieder ein neues Album. Wie das?

„Ganz einfach deshalb, weil es schon vorher fertig war. Wir haben über Jahre gesammelt, mal hier einen Song aufgenommen, sind mal da ins Studio gegangen. im reifen Alter noch neue Geschichten zu erzählen, wird ja auch nicht leichter. Wir sind die Arbeit sehr entspannt angegangen, auch, weil ja nun kein Mensch ernsthaft auf neue Musik von uns wartet.“ Naja, das stimmt jetzt nur so halb.

Schließlich hat Huey die Achtziger mit lässig aus dem Ärmel geschüttelten melodischen Rock-Hits wie „The Power Of Love“ (aus dem Film „Zurück in die Zukunft“), „Stuck With You“, „I Want A New Drug“ oder „Hip To Be Square“ mächtig mitgeprägt, insbesondere seine Alben „Sports“ und „Fore!“ stecken voller Klassiker, insgesamt seien es 19 Top-Ten-Songs in den USA gewesen, weiß Huey, der jetzt geradezu ins Plaudern kommt.

Huey Lewis hat einen deutschen Schwiegersohn

Sein Schwiegersohn, so erzählt er, sei Deutscher, und er, Huey, liebe die deutsche, speziell die bayrische, Küche. „Die Brezel, die Schnitzel. Und das helle Bier ist so gut. Einmalig.“ Er schweift gern ein bisschen ab. Schwärmt von seiner großen Passion, dem Fliegenfischen, der er gerade beim Salzwasserfischen auf Kuba gefrönt habe.

„Ich liebe es, draußen zu sein, beim Angeln fühle ich mich Mutter Natur und meiner Spiritualität, meinetwegen nennen wir sie Gott, am nächsten.“ Seit er seinen Beruf nicht mehr ausüben kann, sei er umso häufiger an der frischen Luft, immerhin ein positiver Aspekt.

Das krankheitsbedingt aus nur sieben Liedern bestehende „Weather“ (“Wir wollten zehn machen, doch vorher zerschoss es mir das Gehör“) jedenfalls knüpft gekonnt an die alten Rock-Soul-Blues-R&B-Zeiten der Band an.

Huey Lewis bekam eine Anregung von Aaron Neville

„Her Love Is Killin’ Me“ klingt nicht nur wie früher, sondern ist tatsächlich auch schon 25 Jahre alt. „I Am There For You“ ist eine hübsche Ballade, „One Of The Boys“ flirtet mit Country-Einflüssen. Besonders berührend und zum Heulen schön: „While We’re Young“, in dessen Text Huey Lewis daran erinnert, das Leben agil bei den Hörnern zu packen, „denn es ist so kurz.“

Wirklich Spaß macht diese kleine Platte, sie klingt leichtfüßig und gänzlich befreit von Druck und Erwartungen. Wenn Lewis und seine Kumpels sich beispielsweise „Pretty Girls Everywhere“ widmen, dem alten Boogie-Soul-Klassiker von Eugene Church aus dem Jahr 1959, den er auf Empfehlung des Kollegen Aaron Neville von den Neville Brothers ausgebuddelt habe, wie Huey erzählt, hört man dieses für seine Songs so typische verschmitzte Lächeln, diese sanfte Selbstironie, förmlich durch.

Huey Lewis genießt noch die Aufmerksamkeit

Huey Lewis war keiner dieser arroganten, koksenden 80er-Jahre-Poprock-Säcke. Er war immer der Bursche, mit dem man ein Bier trinken wollte, der sympathische, zugängliche Huey. „Ja, so bin ich wirklich“, sagt er lachend am Ende der Leitung.

„Ich mag Menschen. Heute, wo ich älter bin, werde ich am Flughafen meist noch von genau einer Person erkannt. Wir machen dann ein Selfie, und ich freue mich. Ein kleines bisschen nämlich genieße ich die Aufmerksamkeit, und die Zuneigung der Leute bedeutet mir sogar richtig viel.“

Trotz allem, so Huey Lewis, „habe ich nur einen großen Grund, um frustriert zu sein und viel, viel mehr Gründe, um Glück und Dankbarkeit über dieses Leben zu empfinden.“