Theater

„Ubu Rex“ am Berliner Ensemble: Zugekleistert mit Klamauk

Stef Lernous inszeniert Alfred Jarrys Horror-Posse „Ubu Rex“ mit Stefanie Reinsperger im Neuen Haus. Leider überzeugt nur die Musik.

Owen Peter Read, Tilo Nest und Paul Zichner in „Ubu Rex“.

Owen Peter Read, Tilo Nest und Paul Zichner in „Ubu Rex“.

Foto: © JR Berliner Ensemble

Der Mensch ist ein Ungeheuer und die Welt ein Schlachthaus. Diese uralten Tatsachen hatte der genialische Franzose Alfred Jarry (1873-1907) früh begriffen. Schon als Gymnasiast sah er im Sadismus eines Lehrers das unausrottbar urmenschliche Prinzip Ego-Monster. Einzige Waffe gegen seine Verzweiflung: Das unverschämt zynische Ausstellen der Menschenmonströsität in der Erfindung eines extrem bösartigen, säuischen Hanswursts namens Ubu, der sich aus Dreck zum gottgleichen König der Welt empor mordet und mit seinem Weib alle Welt terroristisch ausbeutet.

Die rabenschwarze Horror-Posse „Ubu Roi“ (1896), ein Frühchen der Moderne (surreal, expressiv, absurd), ist seither eine beliebte Vorlage für grotesk kabarettistische Adaptionen, jeweils angereichert mit Aktualitäten. Schließlich geht es nicht nur ums maßlose Fressen, Ausrauben, Morden, sondern um Weltherrschaft, gar Weltvernichtung. Um die uralte „große Scheiße“.

„Ubu Rex“ am Berliner Ensemble: Die Stars rackern sich ab

Diese kredenzt uns jetzt – „Uraufführung nach Alfred Jarry“ – im Neuen Haus des Berliner Ensembles der, so die Reklame, aufs „Schauerliche und Poppige“ orientierte belgische Autor und Regisseur Stef Lernous. Doch in seinem „Ubu Rex“ wird der zum Himmel stinkenden Kot bloß mit Remmidemmi klein gehackt und breit getrampelt im düster versifften Wohnloch von Pa Ubu und Ma Ubu (Tilo Nest, Stefanie Reinsperger; Bühne: Sven van Kuijk).

Da rackern sich die beiden BE-Stars wie im Deppen-Stadel ab als pervers machtgeiles Diktatoren-Duo, in dem ein kreischend gefährliches Spießer-Par wohl stecken mag. Doch mit gefährlich, mit Perversion und Machtgeilheit ist nicht viel. Es bleibt beim Kreischen, Kloppen, Saufen, Motzen, Chips-Tüten-Schmeißen. Selbst die Geilheit liegt im Argen: Mama Ubu stöhnt in dauernder Erregung, weil Papa, der eklige Fettsack, außer Kacke nix in der Hose hat.

Die Stichworte Trump und Fake News dürfen auch nicht fehlen

Man suhlt sich – im Beisein von drei schikanierten und verstörten Randfiguren (der Doktor: Owen Peter Read; das Gewissen: Cynthia Micas; der Kellner: Paul Zichner) – 100 lange Minuten so genüsslich wie harmlos in der Gosse. Die Monstrosität des verbrecherisch Bösen, die entsetzlich auf Vernichtung zielende Egomanie, das exzessiv Dämonische, Ungeheuerliche wird zugepappt mit Klamauk.

Um der Posse noch einen sagen wir politischen Anstrich zu geben, fallen Stichworte wie Atomkrieg, Klima, Fake News, Trump, Internet, Staatspleite, Flüchtlinge und noch dazu einige Vokabeln AfD-Sprech. Das meiste davon, wie auch Ubus ewiger Hunger aufs Böse, seine Lust auf Ausgrenzen oder Erniedrigen sowie die ewigen Hilflosigkeiten des beständig schikanierten Domestiken-Trios Doktor-Gewissen-Kellner, das kommt als Gesang. Es ist das Beste im Getöse. Jörg Gollasch komponierte, Hanns Eisler grüßend, eine kleine feine Reihe von Songs (Live-Band: Lukas Fröhlich, Peer Neumann, Tilo Weber). An diesen Sound hätte sich die auf kraftmeierndes Allotria erpichte Regie halten sollen.

„Die Welt soll sich mir beugen oder zerbrechen“, sagt – so sein furchtbares Credo – König Ubu als Ahnherr und immergrüner Gründergeist aller theatralischen Schreck-, Schock- und Schrottmomente. Schreck und Schock waren nicht, dafür viel Schrott.

Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte. Kartentel.: 284 08 115. Nächste Termine: 21., 22., 26., 27. Februar.