Nachruf

„Der Sepp“ ist tot: Trauer um Joseph Vilsmaier

Bis zuletzt noch hat Joseph Vilsmaier an einem Film gearbeitet. Nun ist der ur-bayerische Regisseur im Alter von 81 Jahren gestorben.

Von ihm stammen Filmen wie „Herbstmilch“, „Schlafes Bruder“ oder „Comedian Harmonists“: der bayerische Filmregisseur Joseph Vilsmaier.

Von ihm stammen Filmen wie „Herbstmilch“, „Schlafes Bruder“ oder „Comedian Harmonists“: der bayerische Filmregisseur Joseph Vilsmaier.

Foto: Tobias Hase / dpa

Erst im Dezember hat Ben Becker noch in der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, die die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast veranstaltet, über Joseph Vilsmaier, über „seinen“ Regisseur geschwärmt. Der hat ihm in „Schlafes Bruder“ 1995 eine seiner ersten großen Kinorollen gegeben und dann zwei Jahre später in „Comedian Harmonists“ gleich noch eine.

Für „den Sepp“ hätte er auch das Telefonbuch gespielt, bekräftigte Becker. Ja, mehr noch: Wenn der gesagt hätte, er solle aus dem Fenster springen, Becker hätte es getan. Das sagt viel aus über den Regisseur. Und wie er geliebt wurde von seinen Stars.

Sein letzter Film kommt als sein Vermächtnis ins Kino

„Der Sepp“: So nannte ihn nicht nur Becker, so nannten ihn alle. „Ich bin der Sepp“, so hat er sich selber gern vorgestellt. Bodenständig, nahbar, geradeheraus, ohne jede Allüre. Auch wenn er ur-bayerisch granteln und sich manchmal sogar wie ein Gebirgsgewitter entladen konnte.

Nun ist der Filmregisseur am Dienstag, 16 Tage nach seinem 81. Geburtstag, friedlich in seinem Zuhause gestorben, im Beisein seiner Töchter Janina, Theresa und Josefina. „Wir vermissen unseren Vater und trauern gemeinsam mit unserer Familie und Freunden um einen ganz besonderen Menschen und einen großartigen Filmemacher“, ließen sie in einer Erklärung verlauten.

Auch die Filmwelt ist bestürzt. Gerade noch hat Vilsmaier einen letzten Film abgedreht, „Der Boandlkramer und die ewige Liebe“. Der soll erst am 5. November in die Kinos kommen, quasi als später Nachlass. Auch das passt irgendwie zu diesem ur-bayerischen Filmschaffenden. Denn als Spätzünder ist er ja auch erst zu seiner eigentlichen Berufung gekommen.

Vilsmaier, 1939 in München geboren, hatte nach der Schule erst mal am Münchner Konservatorium Klavier studiert. Dann erst kam der Film. Und auch hier diente er sich in den Bavaria-Studios langsam hinauf. Vom Materialassistenten zum Kameraassistenten zum Kameramann.

Bei fast all seinen Filmen stand er auch hinter der Kamera

Als solcher machte er sich schnell einen Namen, und drehte von „Nonstop Nonsens“ mit Didi Hallervorden über die Grimme-Preis-gekrönte Serie „Rote Erde“ bis zur Holocaust-Serie „Ein Stück Himmel“ alles. Aber er sollte erst 50 Jahre alt werden, bis er sein hochgelobtes Regie-Debüt gab: mit dem Film „Herbstmilch“ (1988), nach den Lebenserinnerungen der Bäuerin Anna Wimschneider, die sich in den Kriegsjahren ohne Mann behaupten muss.

Es war eine neue, moderne Form von Heimatfilm, die Vilsmaier damit maßgeblich mitbestimmt hat. Eine, die keine heile Kitschwelt mehr beschwor wie das Genre der 50er-Jahre, sondern die unverblümte Realität zeigte, hart und teils drastisch. Die Hauptrolle spielte Vilsmaiers Frau Dana Vávrová.

Die 28 Jahre jüngere tschechische Schauspielerin war dem Publikum aus „Ein Stück Himmel“ bekannt, Vilsmaier hatte sie dort bei den Dreharbeiten kennengelernt, und ihre Popularität garantierte seinem Debüt große Aufmerksamkeit.

Kleine Projekte waren seine Sache nicht

Vávrová wirkte in fast all seinen Filmen mit, in „Rama Dama“ (1991) etwa, der Literaturverfilmung „Schlafes Bruder“ (1996) oder dem Holocaust-Drama „Der letzte Zug“ (2006). Und selbst in Filmen, die vor allem in Männerwelten spielten wie „Stalingrad“ (1992) über die vernichtende Schlacht in Russland oder „Comedian Harmonists“ (1997) über das berühmte Vokalensemble der Weimarer Republik.

Vávrovás Tod hat ihn schwer getroffen

Kleine Filme waren Vilsmaiers Sache nicht, er suchte immer die Herausforderung in ambitionierten Großprojekten. Mit ihnen verstand sich der Regisseur immer auch als Chronist der Zeitgeschichte, auch wenn ihm dabei eine teils reduzierte historische Sichtweise vorgeworfen wurde.

Bei fast all seinen Filmen stand Vilsmaier auch hinter der Kamera. Und konnte immer die Crème de la Crème davor vereinen. Weil er sie meist einfach machen ließ, aber dabei buchstäblich ins rechte Licht rückte und ein Gespür für Timing und Stimmung hatte. Meist blieb Vilsmaier dabei seiner bayerischen Heimat treu.

Einige seiner größten Erfolge feierte er zwar mit „Comedian Harmonists“ und „Marlene“, dem Biopic über Marlene Dietrich, die in Berlin spielten. Aber mit der Hauptstadt konnte Vilsmaier nie recht warm werden, auch nach dem Mauerfall nicht, als der Großteil der Filmbranche nach Berlin zog.

Zwei Mal den Tod filmisch verarbeitet

Einen schweren Schicksalsschlag erlitt Vilsmaier vor elf Jahren, als Dana Vávrová mit nur 41 Jahren starb. Der Witwer war untröstlich. Bis zuletzt habe sie gegen ihren Krebs gekämpft, meinte Vilsmaier damals: „Mit ihrer Lebensfreude hat sie uns so viel Kraft gegeben, diese schwierige Zeit zu überstehen.“

Nur vier Monate vor ihrem Tod kam sein Film „Die Geschichte vom Brandner Kasper“ ins Kino in dem der Tod (gespielt von Michael Bully Herbig) zu einem Wilderer kommt, der ihn aber mittels Kartenspiel und Kirschgeist austrickst und ein paar zusätzliche Lebensjahre herausschindet. Nach Vávrovás Tod hat man diese Komödie durchaus ganz anders und melancholisch gesehen. Und auch nach ihrem Tod stürzte sich Vilsmaier wieder in die Arbeit. Wohl auch um zu verdrängen.

„Ich werde Dich so sehr vermissen“

An den „Brandner Kasper“ schließt nun auch sein letzter Film an, „Der Boandlkramer und die ewige Liebe“. Auch da tritt der Tod, erneut gespielt von Herbig, wieder auf, der sich diesmal verliebt. Und es scheint, als ob Vilsmaier damit diesmal seine eigene Vergänglichkeit verarbeitet hat. Die Töchter, die er hinterlässt, erklärten, es sei der große Herzenswunsch ihres Vaters gewesen, die Regiearbeit an diesem Film noch abzuschließen. Eine Komödie als letzter Wille und als Vermächtnis.

Stellvertretend für viele brachte Bully Herbig, Vilsmaiers Väterchen Hein, den Schmerz vieler seiner Kollegen auf den Punkt. „Joseph, mein lieber Freund, ich werde Dich so sehr vermissen“, schrieb er auf Instagram und Facebook: „Dein mitreißendes Lachen, Dein herrliches Schimpfen, Deine einzigartigen Geschichten, Deine schier endlose Energie, Deine Spitzbübigkeit, Dein großes Herz, einfach alles!“