Oscars 2020

Sensation bei den Oscars: Triumph für Südkorea

Ein historischer Abend: Der südkoreanische Film „Parasite“ von Bong Joon-ho triumphiert bei den Oscars über Hollywood-Produktionen.

Wohin mit all den Preisen?  Bong Joon-ho mit all den Oscars, die er und seine Mitstreiter für „Parasite“ gewonnen haben.

Wohin mit all den Preisen? Bong Joon-ho mit all den Oscars, die er und seine Mitstreiter für „Parasite“ gewonnen haben.

Wenn man von Hollywood schon nichts mehr erwartet, überrascht einen die Traumfabrik dann doch wieder mit kühnen, epochalen Entscheidungen. Die letzten Verleihungen waren eher überlang und ereignisarm verlaufen, so dass der Fernsehzuschauer, der dies live verfolgte, gern gegen das Wegnicken ankämpfen musste. Bei der 92. Oscar-Verleihung in der Nacht zu Montag aber wurde Geschichte geschrieben.

Erstmals in der langen Geschichte des Preises hat ein nicht-englischsprachiger Film den Hauptpreis gewonnen. Es gab überhaupt erst zehn solcher Filme, die in dieser Kategorie nominiert worden sind. Aber nie haben sie letztlich reüssiert, weder Jean Renoirs „Große Illusion“, 1937 der Erste in dieser Runde, noch Alfonso Cuárons „Roma“ aus dem Vorjahr.

Kommentar: Warum die 92. Oscar-Nacht eine historische war

Das ist nun aber der schwarzen Gesellschaftssatire „Parasite“ des Südkoreaners Bong Joon Ho Nun gelungen. Sie hat schon von vornherein Geschichte geschrieben. „Parasite“ war der erste südkoreanische Film überhaupt, der je für einen Oscar nominiert worden ist. Aber dann hat er gleich vier Trophäen eingeheimst. Und war der Sieger des Abends.

Früher wäre eine solche Produktion maximal in der Kategorie Fremdsprachiger Film aufgeführt worden. Die wurde in diesem Jahr gerade umbenannt in „Internationaler Film“.

Weil man bei den Oscars in Zeiten von Vielfalt und Diversität, aber auch in Zeiten des Erstarkens von Fremdenhass das Wort „fremd“ vermeiden möchte. Bong erklärte, er sei stolz, als Erster den Preis unter dem neuen Namen entgegennehmen zu können.

Fast nur brave Dankesreden – mit einer Ausrede

Zuvor war Bong aber bereits für sein Drehbuch geehrt worden. Nach dem International-Oscar dachte er schon, das sei es für ihn gewesen, er könne jetzt entspannen. Da durfte er überraschend noch einmal auf die Bühne. Für die beste Regie. Und stach dabei die großen Konkurrenten Quentin Tarantino, Sam Mendes und vor allem Martin Scorsese aus, einen Mann, den Bong immer bewundert hat. Aber der historische Moment kam ganz zum Schluss, als der Südkoreaner dann auch noch in der Hauptkategorie triumphierte. Und die Sensation war perfekt.

Dass „Parasite“, der schon die Goldene Palme und einen Golden Globe gewonnen hat, beim Oscar in der Königskategorie reüssieren könnte, das hätte man bestenfalls heimlich gehofft, aber doch nie für möglich gehalten. Schließlich ist die Filmakademie von Hollywood, die über die Oscars entscheidet, ja oft in letzter Sekunde vor ihrem eigenen Mut zurückgeschreckt.

Man denke nur an den Schwulenwestern „Brokeback Mountain“, der alle Preise der Welt eingeheimst hat und auch alle wichtigen Oscars, nur eben den einen, den wichtigsten nicht. Damals hat sich die Akademie nicht getraut, einen Schwulenfilm die höchsten Weihen zu erteilen. Diesmal war es kühn genug, über den eigenen Tellerrand zu schauen.

Gerade in den letzten Jahren ist die einst so star-trächtige Oscar-Show immer mehr zur reinen Werbeplattform für Hollywood geworden. Auch mit einem gewissen Trotz gegen den großen Konkurrenten des Hollywoodsystems, dem Streamingplattform-Riesen Netflix. Eine Versicherung der Hausmacht, wenn man so will.

Verneigung vor dem klassischen Hollywood

Auch wenn Netflix im vergangenen Jahr die Oscars mit „Roma“ fast gekapert hätte. Auch diesmal hat man Netflix klein gehalten. Trat der Streamingdienst zwar mit insgesamt 24 Nominierungen an, gab es für ihn am Ende nur einen Oscar – Laura Dern als beste Nebendarstellerin in „Marriage Story“.

Die Schauspielerpreise durfte Hollywood unter sich ausmachen. Als beste Hauptdarstellerin reüssierte wie erwartet Renée Zellweger als Judy Garland in „Judy“. Eine Verneigung auch vor dem klassischen Hollywood – und einem Star, der selbst nie den Oscar gewonnen hat. Brad Pitt wurde als Nebendarsteller für „Once upon a Time… in Hollywood“ ausgezeichnet, auch das ein Film, der der alten Traumfabrik huldigt. Es war Pitts vierte Nominierung als Schauspieler. Und endlich hat er einmal reüssiert. Auch wenn er schon einen Oscar als einer der Produzenten von „12 Years A Slave“ im Schrank stehen hat.

Auch für Joaquin Phoenix war es die vierte Nominierung, auch er war mal „an der Reihe“ und hat nun endlich mit dem Comicfilm „Joker“ die letzte Weihe als Hauptdarsteller erhalten. So weit, so vorhersehbar. Aber „Joker“ war als großer Favorit mit elf Nominierungen ins Rennen gegangen – und gewann am Ende nur zwei Trophäen, die zweite, fast ein Trostpreis, für die Musik.

Die Favoriten sehen alt aus

Auch die anderen Favoriten sahen alt aus. Am ärgsten traf es Martin Scorsese, dessen für Netflix produziertes Spätwerk „The Irishman“ zehn Mal nominiert war, aber nicht eine einzige Trophäe ergattern konnte. Tarantinos „Hollywood“, ebenfalls zehn Mal nominiert, brachte es immerhin auf zwei Oscars, neben Pitt auch für das Production Design. Und Sam Mendes‘ unkonventionelles Kriegsdrama „1917“, der Dritte der Zehnfachnominierten, brachte es immerhin auf drei Oscars, für Kamera, Tonmischung und Visuelle Effekte.

Aber während dieser Film gerade in der sogenannten Award Season überall als bester Film triumphiert, angefangen bei den Globes, unterlag er nun in Hollywoods hauseigener Preisverleihung dem Südkoreaner, dem man lediglich Außenseiterchancen eingeräumt hat. Der „nur“ sechs Mal nominiert war, aber vier Mal gewann, darin in den drei wichtigsten Kategorien. Durchaus ein historischer, ein epochaler Abend.

Die Weltgemeinschaft ist an diesem Abend noch etwas enger zusammengerückt. Er passt zu Hollywood, das sich die Branche nach den #OscarsSoWhite- und #MeToo-Debatten der letzten Jahre noch offener, weltumfassender und diverser geben will. Und da ist dann auch fast vergessen, dass man im Vorfeld der diesjährigen Oscar-Verleihung bekrittelte, dass zu viele weiße Männer nominiert waren.

Brave Dankesreden – mit einer Ausnahme

Nach den vielen Erfolgen für mexikanische Regisseure in den Vorjahren, nach den drei Oscars 2019 für den mexikanischen Film „Roma“ und nun den vieren für „Parasite“ zeichnet sich eine Kehrtwende in Hollywood ab, das der Fokus nicht mehr ausschließlich auf dem US-Kino liegt.

Mit diesem Votum kann sich Hollywood feiern als das bessere, weltoffene Amerika, als klare Phalanx und Antithese auf den isolationistischen Kurs eines Donald Trump. Aber so weit geht Hollywood dann wieder nicht, dies auch offen anzusprechen. Vorbei die Zeiten, wo man sich auf der Bühne klar politisch geäußert hat.

Einen Moderator hat man sich bei den Oscars gleich zum zweiten Mal in Folge gespart, damit auch da keiner böse Seitenhiebe verteilt. Das trauen sich Hollywoodstars derzeit vielleicht auf anderen Preisverleihungen, beim Golden Globe etwa, aber nicht bei der Hausfete. Da haben sie alle Kreide gefressen. Selbst ein Elton John, der für den besten Filmsong ausgezeichnet wurde, dankte brav seinen Mitarbeitern und grüßt seine Kinder zuhause.

Aber dann kam Joaquin Phoenix, als vorletzter Preisträger. Er war schon immer als unkonventionell, als anpassungsunfähig verschrien. Und er durchbrach dankenswerterweise die doch sehr weichgespülte Wir-haben-uns-alle-lieb-Show, in dem er ein paar Wahrheiten aussprach. Er sei in der glücklichen Lage, um den Stimmlosen eine Stimme zu geben.

Botschaft an alle: „Rettet die Welt mit Liebe“

Es müsse einen Kampf geben gegen den Glauben, dass eine Nation, ein Volk, eine Rasse, ein Geschlecht oder eine Spezies das Recht habe, eine andere ungestraft zu beherrschen, zu kontrollieren zu benutzen oder auszubeuten, forderte er.

Er selbst sei der „Skandal seines Lebens“ gewesen, selbstsüchtig, grausam und bei der Arbeit schwer zu ertragen. Aber so viele in diesem Raum hätten ihm eine zweite Chance gegeben. Genau das sei der Moment, wenn die Menschen am besten seien, beschwor er mit Tränen in den Augen: „wenn wir uns gegenseitig helfen zu wachsen“. Er endete mit Versen seines früh gestorbenen Bruders River Phoenix: „Rettet die Welt mit Liebe und der Frieden wird folgen.“

Alle Preisträger im Überblick:

Bester Film: „Parasite“ von Bong Joon Ho (Südkorea)

Regie: Bong Joon Ho für „Parasite“

Original-Drehbuch: Bong Joon Ho und Han Jin Won für „Parasite“

Adaptiertes Drehbuch: Taika Waititi für „Jojo Rabbit“

Hauptdarstellerin: Renée Zellweger in „Judy“

Hauptdarsteller: Joaquin Phoenix in „Joker“

Nebendarstellerin: Laura Dern in „Marriage Story“

Nebendarsteller: Brad Pitt in „Once Upon a Time... in Hollywood“

Internationaler Film: „Parasite“ von Bong Joon Ho

Kamera: Roger Deakins für „1917“

Schnitt: Michael McCusker und Andrew Buckland für „Le Mans 66: Gegen jede Chance“

Filmmusik: Hildur Gudnadóttir für „Joker“

Filmsong: „(I’m Gonna) Love Me Again“ von Elton John und Bernie Taupin (für „Rocketman“)

Produktionsdesign: Barbara Ling und Nancy Haigh für „Once Upon a Time... in Hollywood“

Kostümdesign: Jacqueline Durran für „Little Women“

Visuelle Effekte: Guillaume Rocheron, Greg Butler und Dominic Tuohy für „1917“

Tonschnitt: Donald Sylvester für „Le Mans 66 – Gegen jede Chance“

Tonmischung: Mark Taylor und Stuart Wilson für „1917“

Make-up/Frisur: Kazu Hiro, Anne Morgan und Vivian Baker für „Bombshell - Das Ende des Schweigens“

Animationsfilm: „A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando“ von Josh Cooley

Animations-Kurzfilm: „Hair Love“ von Matthew A. Cherry, Everett Downing Jr. und Bruce W. Smith

Dokumentarfilm: „American Factory“ von Steven Bognar und Julia Reichert

Dokumentar-Kurzfilm: „Learning to Skateboard in a Warzone (if you’re a Girl) von Carol Dysinger

Kurzfilm: „The Neighbors’ Window“ von Marshall Curry