Konzertkritik

Jeanette Biedermann in Berlin: Alles lieb, alles beliebig

Jeanette Biedermann ist das erste Mal seit 14 Jahren auf Solo-Tour. In Huxleys Neuer Welt bemüht sie die Nostalgiekeule - ein bisschen.

Jeanette Biedermann bei einem Konzert ihrer 'DNA'-Tour in Erfurt.

Jeanette Biedermann bei einem Konzert ihrer 'DNA'-Tour in Erfurt.

Foto: pa

Es ist ein bisschen wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Alles kommt irgendwann wieder, dass wissen nicht nur Modemagazine, sondern auch einige der Musiker, die in den vergangenen Jahrzehnten große Erfolge feierten. Und nun noch einmal gut mit dem früheren Ruhm verdienen können.

Jeanette Biedermann zum Beispiel, am Sonntagabend in ihrer Heimatstadt im Huxleys Neue Welt, mit ihrer DNA-Tour hat sie einige, aber nicht alle Tickets für den Abend verkauft. Drinnen gemütliche Vorfreude, während draußen Sturmtief Sabine Schwung holt.

Und zum Start, wenn auch nicht ganz freiwillig, singt die 39-Jährige in ihrem Opener „Wie ein offenes Buch“ ihre eigene Prophezeiung, die sich, auch nicht überraschend, über zwei Stunden erfüllen wird: „Komm, lies dich fest und lies mich aus/Denn was da drin steht, steht auch drauf/Du musst nicht zwischen Zeilen lesen.“

Tatsächlich ist an diesem Abend wenig, dass tief geht und kaum etwas, das einen zweiten Gedanken benötigt. Biedermann im Jahr 2020? Kein Netz, aber auch kein doppelter Boden.

Jeanette Biedermann ist die nahbare Frau des Volkes

Auf der Bühne gibt sich Biedermann nahbar, beginnt im Ledermini und Glitzerjäckchen ihre Show, passt sich immer weiter ihrem Publikum an: Jeans, Shirt, einfach, praktisch gut. „Jeany“ war trotz aufwendiger Image-Kreationen immer irgendwie eine Frau des Volks.

Als sie ihre Karriere begann, wurde sie zur deutschen Britney Spears stilisiert, als nächstes die Neuerfindung als deutsche Pink, bisschen Niete, bisschen Gitarre. Als Madonna „Confessions of a Dancefloor“ zum Standardwerk der modernen Popdisko machte, rief Jeanette ihrem Publikum „Undress to the Beat“ entgegen.

Jeanette Biedermann und die Suche nach einer Identität

Und nun? Sarah Connor hat extrem erfolgreich auf Deutsch umgestellt, Jeanette zieht mit, nachdem sie wie die Kollegin in „Sing meinen Song“ die Werke anderer coverte? Dass sie nun „ganz plötzlich“ Deutsch singe, was häufig behauptet werde, stimme ja gar nicht, berichtet sie dem Publikum. „Nein, ich mach das seit zehn Jahren“, sagt sie, und meint ihre Band Ewig. Die so ein bisschen silbermondig war.

So richtig hat Biedermann ihre Identität in der Popwelt nie finden können, und im Huxleys zeigt sich ein bisschen, warum: Die Texte sind schlicht, aber gefühlsbetont, viele Sprachbilder ein ganz klein bisschen schief. Die Stimmung ist höflich akzeptierend, die Stimme stark.

„Mit jedem Lachen stirbt irgendwie ein Problem“, sagt sie, und vergleichbare Lehren zieht man auch aus ihren Songs. Sie geht dann auf Tuchfühlung und läuft durchs Publikum auf eine kleine Extrabühne, ganz nah dran im ohnehin kleinen Saal. Grüßt Fans und die Mutter, alles irgendwie lieb, aber irgendwie beliebig.

Die beste Stimmung kommt immer dann auf, wenn sie sich ihrer eigenen Vergangenheit widmet. „Rock My Life“ gibt es zwei Mal, einmal in ihrer, einmal in der Johannes-Oerding-„Sing meinen Song“-Variante. „We Got Tonight“ bildet das große Finale, „Run With Me“ wird etwas rockiger, das war es dann auch leider schon weitestgehend an Nostalgie.

Nostalgiekeule: „Wir waren dabei und es wird immer so sein“

Die Nostalgiekeule schwingt Biedermann lieber indirekt, bezieht sich im Lied „In den 90ern“ auf alles von „Wonderwal“ über Tamagotchi bis Kurt Cobain und bilanziert „Hey, wir waren dabei/Und es wird immer so sein.“ Das ist nicht neu, nicht mal sonderlich gewitzt verkauft, aber funktioniert dann doch recht gut zwischen den vielen anderen deutschen Songs, die oft offensiv persönlich (Toter Vater, Aufwachsen in der DDR, die schlechten Phasen im Leben), aber einen Tick zu wenig eingängig sind für die viel größere Bühne.

14 Jahre nach ihrer letzten Solo-Tour ist Jeanette Biedermann ein durchaus unterhaltsamer Abend gelungen, der irgendwie genauso war, wie man es erwartet hätte. Manchmal so eingängig wie ihre besseren englischen Lieder. Aber irgendwie auch genauso unentschieden und nachhaltig wie ihre Karriere im Ganzen. Das ist nicht schlimm, und Jeanette scheint ihr kleines Comeback durchaus zu genießen. Ob aus dem „alles kommt wieder“ nun ein „dieses Mal bleibt es auch“ wird? Diese Prophezeiung sei dem Publikum überlassen.