Filmpreis

Countdown zum Oscar: Ärger über den Männer-Preis

Am 9. Januar wird in Hollywood zum 92. Mal der Oscar verliehen. Auch diesmal wieder ohne Moderator- und wohl auch ohne Überraschung.

Der Oscar ist eine männliche Figur. Und wird viel zu selten an Frauen vergeben. Darüber gibt es in diesem Jahr einigen Unmut.

Der Oscar ist eine männliche Figur. Und wird viel zu selten an Frauen vergeben. Darüber gibt es in diesem Jahr einigen Unmut.

Foto: Chris Pizzello / dpa

Der Hollywood Boulevard ist bereits abgesperrt, der rote Teppich ausgerollt. Hollywood rüstet sich für die 92. Verleihung des noch immer wichtigsten Filmpreises der Welt. Aber wenn die Oscars am Sonntagabend (Ortszeit) vergeben werden, bleibt doch die bange Frage, ob der Preis wieder an Glamour gewinnt oder weiter an Bedeutung verliert. In den vergangenen Jahren hat das Interesse an dem weltweit übertragenen Gala-Abend merklich nachgelassen, die Quoten werden immer schlechter.

Und das liegt gar nicht an den Empörungswellen um die #MeToo-Debatte vor zwei Jahren oder die #OscarSoWhite-Aufregung vor vier Jahren, als Afroamerikaner sich bei den Nominierungen zu Recht übergangen fühlten.

In diesem Jahr lautet der Vorwurf #OscarsSoMale

Es liegt eher, so absurd das klingt, am Gegenteil. Der Oscar gibt sich politisch immer korrekter, immer diverser. Achtet auf eine höhere Frauen- und Minderheitenquote. Und will jede Aufregung im Keim ersticken. Zum zweiten Mal in Folge wird deshalb auf einen Moderator verzichtet, der durch den Abend leitet.

Vor einem Jahr war das noch eine Notlösung, weil der Komiker Kevin Hart nach Protesten über seine homophobe Witze wieder abgesagt hat. In diesem Jahr hat man sich gleich von vornherein gegen eine Moderation entschieden. Vielleicht auch, weil Ricky Gervais es vor einem Monat bei der Golden-Globe-Verleihung mit der Prominentenbeschimpfung im Publikum doch zu weit getrieben hat.

Die Verleihungen werden immer langweiliger

Vor allem aber seit nicht mehr nur fünf, sondern gleich zehn Titel in der Hauptkategorie Bester Film nominiert sind, die alle im Laufe des Abends vorgestellt werden, ist der Oscar mehr und mehr zu einer überlangen Werbeveranstaltung verkommen, bei dem sich obendrein alle in viel zu langen Dankesreden bei Produktion, Familie und Agenten bedanken. Und der Zuschauer vor dem Fernseher langsam wegnickt, wenn er nicht gleich zu einem Streamingdienst wechselt.

Wobei es auch dieses Jahr wieder eine kleine Empörungswelle gab. Weil einmal mehr keine einzige Frau unter den fünf Nominierten in der Sparte Regie zu finden ist. Dabei ist Greta Gerwigs Historienfilm „Little Women“ in sechs Kategorien nominiert, Gerwig selbst aber nicht. Prompt steht Hollywoods Film Academy, die die Oscars verleiht, erneut unter Beschuss. Diesmal unter dem Hashtag #OscarsSoMale.

Vor zwei Jahren war Gerwig noch für ihr Jugenddrama „Ladybird“ als überhaupt erst fünfte Frau ins Rennen um den Regiepreis gegangen. Bislang hat aber nur eine, Kathrin Bigleow 2010, die begehrte Trophäe entgegennehmen müssen. Und noch nie hat die Akademie eine Frau im Regiestuhl zwei Mal nominiert. „Glückwunsch diesen Männern“: Mit dieser spitzen Bemerkung hat Issa Rae diesen Fakt im Januar beim Verlesen der Nominierungen kommentiert. Hier bleibt also noch viel zu tun.

Netflix ist jetzt schon heimlicher Sieger

Dass nun aus Protest mehr der 9000 stimmberechtigten Filmschaffenden für „Little Women“ abstimmen oder gar für „Bombshell“, der erste echte Film der #MeToo-Bewegung, der Missbrauch und Sexismus in der Medienwelt geißelt, ist eher unwahrscheinlich. Und wäre wirklich ein Bombshell, ein Knalleffekt also.

Geschichte schreiben könnte der Abend gleichwohl. Der Favorit mit elf Nominierungen ist der Comicfilm „Joker“ mit River Phoenix, der den Rekord des Batman-Films „The Dark Knight“ (mit acht Nominierungen) übertrumpft. „Joker“ ist überhaupt erst der zweite Comicfilm (nach „Black Panther“ im Vorjahr), der in der Königskategorie Bester Film gelistet ist.

Jeweils zehn Mal nominiert sind Sam Mendes’ unkonventioneller Kriegsfilm „1917“, Quentin Tarantinos Traumfabrik-Satire „One Upon a Time… in Hollywood“ und Martin Scorseses Mafia-Epos „The Irishman“. Letzterer ist eine Netflix-Produktion. Wie schon 2019 mit „Roman“ könnte sich also wieder ein Film Hoffnungen machen, der explizit nicht für die große Leinwand, sondern für einen Streamingdienst produziert wurde.

Das wäre der Worst Case für die Filmbranche, muss aber wohl nicht ernstlich befürchtet werden. Die meisten Chancen werden „1917“ eingeräumt, der schon beim Golden Globe und anderen Preisen der „Award Season“ reüssierte. Netflix darf sich dennoch schon als großer Gewinner sehen. Konnte das Studio doch gleich 24 Nominierungen einstreichen: mehr als jedes andere traditionelle Filmstudio.

Die Schauspieler-Preise gelten als sicher

Bei den Schauspielern sind ebenfalls keine Überraschungen zu erwarten. Renée Zellweger wird mit ziemlicher Sicherheit für ihre atemberaubende Performance als späte Judy Garland in „Judy“ triumphieren und „Joker“-Darsteller Joaquin Phoenix mit seiner vierten Oscar-Nominierung wohl endlich triumphieren. Dem unorthodoxen Phoenix wäre es immerhin zuzutrauen, den politisch korrekten Kurs etwas zu durchbrechen und doch ein paar kritische Seitenhiebe zu verteilen.

Die Wahl ist bereits gelaufen. bis zum Dienstag mussten die Stimmzettel online abgegeben werden. Bleibt bloß zu hoffen, dass es nicht zu einem Auszähl-Desaster wie jüngst bei der ersten Vorwahl der US-Demokraten in Iowa kommt. Auch beim Oscar, man erinnere sich, wurde vor drei Jahren ausgerechnet in der Hauptdisziplin Bester Film zunächst der falsche Sieger verkündet. Als die Panne offenbar wurde, waren die Fernsehzuschauer immerhin alle wieder hellwach.