„Der Rosenkavalier“

Sopranistin Camilla Nylund: „Strauss liegt gut in der Kehle“

Die finnische Sopranistin Camilla Nylund singt die Feldmarschallin in der Staatsopern-Premiere des „Rosenkavaliers“. Ein Treffen.

Faible für Wagner und Strauss: Die dramatische Sopransängerin Camilla Nylund (51) aus Finnland.

Faible für Wagner und Strauss: Die dramatische Sopransängerin Camilla Nylund (51) aus Finnland.

Foto: Reto Klar

Camilla Nylund zählt zu den bedeutendsten dramatischen Sopranen, am liebsten tritt die finnische Sängerin in Opern von Richard Wagner und Richard Strauss auf sowie in Beethovens „Fidelio“. Am Sonntag wird sie in der Staatsoper in einer ihrer Paraderollen zu erleben sein: als Feldmarschallin in Strauss’ „Rosenkavalier“ in der Neuinszenierung des Wiener Multimediakünstlers André Heller.

Aufgewachsen ist Nylund in der dörflichen Umgebung der westfinnischen Hafenstadt Vaasa. Schon früh erhielt sie Gesangsunterricht. Als Sechsjährige hatte sie mit der Band vom Cousin ihres Vaters einen Auftritt: „Ich konnte damals noch nicht richtig lesen“, erinnert sich die Sängerin, „deshalb hat meine Mutter die Texte für mich in einer Art Lautschrift aufgeschrieben.“

Später gab es an ihrer Schule einen Musiklehrer, der mit seinen Schülern gerne Musicals erarbeitete: „Bei ihm durfte ich die Maria Magdalena in ,Jesus Christ Superstar’ singen, da habe ich gemerkt, dass es mir sehr viel Spaß macht, gleichzeitig zu singen und eine Rolle zu spielen. Irgendwann hatte ich den Gedanken, Opernsängerin zu werden, auch wenn ich damals nicht so richtig wusste, was das eigentlich heißt.“

Schon seit der Kindheit Fan von Abba

Während ihrer Schulzeit fuhr Camilla Nylund mehrmals wöchentlich zum Musikinstitut von Vaasa. „Ich habe dort Gesangsunterricht genommen, habe Musiktheorie gelernt und im Chor mitgesungen.“ Neben der Liebe zur Klassik hat die finnische Künstlerin auch ein Faible für Popmusik: „Ich war und bin immer noch ein Riesen-Abba-Fan. Mit neun Jahren bekam ich meine erste ABBA-Platte, und bald konnte ich alle ihre Lieder auswendig.“

Allerdings merkte sie, dass es schwierig ist, Pop zu singen, wenn man eine klassisch ausgebildete Stimme hat. „Das sind schon ganz verschiedene Techniken, die da verwendet werden.“ Deshalb verzichtete Camilla Nylund darauf, nebenher Popmusik zu singen, zumal ihre zahlreichen klassischen Projekte ihr bald keine Zeit mehr dafür ließen.

Die heute 51-Jährige studierte zunächst im südfinnischen Turku, anschließend wechselte sie ans Mozarteum nach Salzburg. 1995 wurde sie dort für ihre herausragenden künstlerischen Leistungen mit der Lilli-Lehman-Medaille ausgezeichnet. Von 1995 bis 1999 gehörte sie zum Ensemble der Niedersächsischen Staatsoper Hannover, in den Jahren 1999 bis 2001 wirkte sie im Ensemble der Semperoper Dresden mit, wo sie für ihre Darbietungen in Opern wie Mozarts „Cosí fan tutte“, Richard Strauss’ „Arabella“ und „Der Rosenkavalier“ den Christel-Goltz-Preis erhielt.

Lob für Libretti von Hofmannsthal

2008 verlieh ihr der Freistaat Sachsen den Titel „Kammersängerin“, 2013 erhielt sie den Schwedischen Kulturpreis für ihre herausragenden Leistungen sowie die Pro-Finlandia-Medaille vom Finnischen Staatspräsidenten, und 2019 wurde Camilla Nylund auch zur Österreichischen Kammersängerin ernannt.

Am meisten fasziniert Camilla Nylund am Beruf der Opernsängerin, dass sie dabei in verschiedene Rollen schlüpfen kann. Außerdem gebe es für sie immer wieder etwas zu entdecken: „Auch wenn man eine Partie schon oft gesungen hat, findet man darin immer wieder neue Facetten und neue Farben. Sie wird nie langweilig, vor allem, wenn man daran mit verschiedenen Dirigenten und Regisseuren arbeitet.“

Eine besondere Beziehung hat die finnische Sängerin zu Richard Strauss. An ihm bewundert sie „sein Gespür, mithilfe der Harmonik einen Höhepunkt zu setzen. Strauss war ein unglaublicher Musikdramatiker. Und seine Sopran-Partien sind eine Wohltat für die Stimme, sie liegen einfach sehr gut in der Kehle. Außerdem ist es absolut faszinierend, wie er die Stimme zusammen mit der Sprache anlegt.“ Die Texte seien auch immer auf einem hohen Niveau, insbesondere die von Hugo von Hofmannsthal, der die Libretti für „Elektra“, „Die Frau ohne Schatten“ und „Der Rosenkavalier“ verfasste.

Was Camilla Nylund an André Heller fasziniert

Auch André Heller ist Strauss-Fan, der „Rosenkavalier“ mit seinen Verwechslungs- und Liebesgeschichten hat es ihm angetan, weshalb er dieses Werk nun für sein erstes größeres Opernregie-Projekt auswählte. Für Camilla Nylund unterscheidet sich die Zusammenarbeit mit ihm deutlich von der mit anderen Opernregisseuren.

„Ich denke, dass für Herrn Heller das Gesamtkonzept sehr wichtig ist. Er hat sich zusammen mit seiner Bühnenbildnerin und seinem Ausstatter viele Gedanken gemacht, wie alles genau aussehen soll. Ich glaube, dass ihm die intimen Momente in dem Stück viel bedeuten, damit der Zuschauer auch wirklich berührt wird. Das Emotionale, das manchmal nur in einem einzigen Blick oder einer einzelnen Geste steckt, liegt ihm sehr am Herzen.“ Anders als viele moderne Regisseure möchte er das Stück auch „nicht umdeuten, sondern eher neue Facetten aufzeigen.“

Nackt beim Liederabend

Neben der Oper schätzt Camilla Nylund auch das Lied. Dabei kombiniert sie für ihre Liederabende gerne bekannte Werke der deutschen Romantik von Schubert bis Strauss mit Liedern von hierzulande unbekannten finnischen Spätromantikern wie Toivo Kuula (1883 – 1918) oder Armas Järnefelt (1869 – 1958), ihr Klavierpartner dabei ist der renommierte Liedbegleiter Helmut Deutsch.

„Seit ich mit klassischem Gesang angefangen habe, habe ich mich mit Liedgesang beschäftigt. Es ist gut, immer wieder zu dieser intimen Art des Musizierens zurückzukommen, wo man die Stimme ganz anders kontrollieren muss. Zwar steht man im Vergleich zur Oper, wo man geschminkt wird, eine Perücke trägt und sich in einem Bühnenbild bewegt, in einem Liederabend ziemlich nackt da. Aber ich genieße das.“

In den seltenen Momenten, in denen die finnische Sängerin mal nicht mit Musik befasst ist, zieht es sie hinaus in die Natur „Ich mache Nordic Walking, um den Kopf freizubekommen, außerdem arbeite ich mit einem Personal Trainer, um fit zu bleiben. Oder ich treffe mich mit Freunden und koche.“