Porträt

Die Lady Gaga der Barockmusik

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Mario-Felix Vogt
Simone Kermes ist Sopranistin. Sie überrascht gerne mit rockigen Anleihen.

Simone Kermes ist Sopranistin. Sie überrascht gerne mit rockigen Anleihen.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Die Sopranistin Simone Kermes singt nicht nur gerne Barock, sondern hat auch eine Schwäche für die Musik von Sting und Lady Gaga.

Berlin. Sopranistin Simone Kermes singt am liebsten die Barockmusik der italienischen Meister. Auf ihrer neuen CD „Inferno e Paradiso“ interpretiert die Wahlberlinerin neben Werken von Caldara, Albinoni und Vivaldi auch Songs von Led Zeppelin, Sting und Lady Gaga. Mit diesem Programm gastiert sie im März auch in der Philharmonie. Ganz zu Beginn drehte sich bei ihr allerdings alles um ASDF und JKLÖ – was jeder kennt, der sich eine Computertastatur erobern will –, denn bevor die Sängerin mit der blonden Mähne sich in barocken Koloraturen austobte, wirkte sie als Facharbeiterin für Schreibtechnik. Damit wurde sie jedoch auf Dauer nicht glücklich. Sie entschloss sich dazu, in ihrer Heimatstadt Leipzig Gesang zu studieren und kam in die Klasse von Helga Forner, die zu den bekanntesten Gesangspädagogen der DDR zählte.

Später besuchte sie Meisterkurse von Elisabeth Schwarzkopf, die aufgrund der enormen Ansprüche der Starsopranistin und dem bisweilen demütigenden Umgang mit Nachwuchssängern gefürchtet waren. Schwarzkopf konnte jedoch mit der eigenwilligen Simone Kermes nicht viel anfangen, und auch Kermes hat sie „nicht als nette Frau erlebt. Ich habe damals ihr Repertoire gesungen und das ging für sie gar nicht. Ich habe mich jedoch von ihr nicht aus der Form bringen lassen“. Schließlich nimmt sie Privatunterricht im Berliner Westend beim großen Dietrich Fischer-Dieskau. Bald trägt die hochklassige Ausbildung Früchte: 1993 gewinnt Kermes den 1. Preis beim Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Wettbewerb Berlin, 1996 folgt ein 3. Preis beim Leipziger Bach-Wettbewerb.

2009 erscheint ihr erstes Soloalbum

Nun öffnen sich der temperamentvollen Sächsin die Opern- und Konzertbühnen der Welt. Ihr Rollenrepertoire umfasst neben den Titelpartien in „Alcina“, „Lucia di Lammermoor“ und „Orpheus und Eurydike“ auch die Konstanze in Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ oder die Gilda in Verdis „Rigoletto“. 1996 nimmt sie für drei Jahre ein festes Engagement an der Oper in Koblenz an. Mehrere Jahre lebt sie in der Stadt zwischen Rhein und Mosel mit ihrem Mann Andreas Dommenz, einem Gitarristen, und singt sich durch das Opernrepertoire. Parallel dazu baut sie ihre solistische Karriere auf: 2009 erscheint ihr erstes Soloalbum beim Label Berlin Classics, später wechselt sie zu Sony Classical, wo seither ihre CDs erscheinen.

Von Anfang an hat sie der feierlich steifen Musizierhaltung, die viele Menschen mit Barockmusik verbinden, den Kampf angesagt. Sicherlich gibt es Sängerinnen, die bestimmte technische Details in den aberwitzigen Koloraturen noch perfekter umsetzen als die exzentrische Sächsin, doch so emotional durchglüht und so mitreißend wie sie singen nur wenige. Simone Kermes zeigt, dass sich in „Barock“ auch das Wort „Rock“ versteckt. In der Tat erinnert ihr temperamentvoll-direkter Zugang zu Vivaldi und Co bisweilen an Künstlerinnen wie Janis Joplin oder Cyndi Lauper.

Was Pop und Rock angeht, hat Kermes auch keinerlei Berührungsängste. Als sie an der Oper von Kopenhagen gastiert, besucht sie mit ihren Kollegen gerne mal die Karaoke-Bars der dänischen Hauptstadt, um dort Hits von Céline Dion und Abba zum Besten zu geben. 2014 wagt Simone Kermes privat wie beruflich einen Neuanfang. Sie trennt sich von Mann und Mosel und zieht aus Koblenz in die Hauptstadt.

Unweit des Rosenthaler Platzes bewohnt sie nun eine großzügige Gartenhauswohnung mit zwei Terrassen, einem großen Flügel und einer verspielten Einrichtung. So steht auf dem Esstisch etwa ein raffinierter Kerzenleuchter, der aus gebogenen Silberlöffeln gefertigt ist. Von Berlin aus verfolgt die Sängerin weiter ihre musikalischen Projekte, die ein breites Spektrum abdecken: So tritt sie 2017 gemeinsam mit Schlagerlegende Roland Kaiser bei dessen Geburtstagskonzert auf, wirkt aber auch in München beim experimentellen Liederabend-Projekt „Henker und Jäger“ mit, an dem Musiker der Undergroundszene wie der Schlagzeuger FM Einheit von der Band „Einstürzende Neubauten“ und die Punksängerin Mona Mur beteiligt sind.

Kermes’ neues Album hingegen hat wieder die Barockmusik im Fokus. „Inferno e Paradiso“ (zu Deutsch: Himmel und Hölle) heißt es und umfasst 14 Titel von Komponisten wie Bach, Händel, Vivaldi oder Albinoni, die sich um Tugenden und Todsünden drehen. Als echte Kermes-CD enthält es natürlich auch eine Überraschung. So beauftragte sie den finnischen Arrangeur Jarkko Riihimäki damit, einige Pophits für das Album in Barockstücke zu verwandeln. Lady Gagas Song „Poker Face“ ist dabei, ebenso der Udo-Jürgens-Schlager „Aber bitte mit Sahne“, sogar die Altrocker von Led Zeppelin sind mit ihrem Hit „Stairway to Heaven“ vertreten.

Das Ergebnis ist frappierend. Wenn man es nicht besser wüsste, würde man Stings Ballade „Fields of Gold“ glatt für ein Lautenlied von John Download und „Aber bitte mit Sahne“ für eine waschechte Vivaldi-Arie halten. Das ist witzig und originell und vom verkitschten Barock-Pop à la Rondo Veneziano meilenweit entfernt, da Riihimäki Pop und Klassik nicht mischt, sondern sich bei seinen Bearbeitungen ganz in der barocken Sprache bewegt. Die Sopranistin und ihr Ensemble Amici Veneziani interpretieren sowohl die barocken Originale wie auch Riihimäkis Neufassungen farbenreich und schwungvoll und bereiten damit viel Hörvergnügen.