Theater

Der „Hamlet“ am Gorki: „Es ist was faul im Staate Germany“

| Lesedauer: 3 Minuten
Katrin Pauly
Kenda Hmeidan, Svenja Liesau und Catherine Stoyan im „Hamlet“

Kenda Hmeidan, Svenja Liesau und Catherine Stoyan im „Hamlet“

Foto: Ute Langkafel MAIFOTO

In einer windschiefen Pappkulissen-Welt gelingt Regisseur Christian Weise ein überbordender, unterhaltsamer Abend im Gorki-Container.

Die Welt ist aus den Fugen und das steht ihr enorm gut. Für Christian Weises „Hamlet“-Inszenierung im Container auf dem Vorplatz des Maxim Gorki Theaters hat die Künstlerin Julia Oschatz eine windschiefe Pappkulissen-Welt gebaut, die so einfallsreich, so detailbewusst, so liebevoll gestaltet ist, dass man sich gar nicht sattgucken kann. Wir sehen schräge Zimmerfluchten, perspektivisch verrückte Stühle, Tische und Türen, wir erliegen wehrlos und staunend immer wieder den optischen Täuschungen, die sie in diesem verrutschen Königsschloss allerorten eingebaut hat. Die Königsfamilie samt Entourage, die sich darin bewegt, trägt bizarre Strickwaren (Kostüme: Paula Wellmann), die Anzüge, die Brillen, die Frisuren und selbst das reichlich fließende Blut, alles wahre Wunderwerke der Faden- und Maschenkunst. Per Video werden die Live-Bilder aus dieser comichaft bepinselten Welt auf den Bühnenvorhang projiziert, der sich nur gelegentlich für ein Spiel jenseits der Kamera öffnet.

Svenja Liesau mit rotzigem Berliner Charme

Setting und Ausstattung sind fraglos die Hauptattraktionen dieses inhaltlich und optisch vielfach verschachtelten, in jeder Hinsicht überbordenden und höchst unterhaltsamen Abends. Neben Svenja Liesau natürlich. Sie spielt den Hamlet und macht das phänomenal, ist enorm präsent und bewältigt ganz leicht und selbstverständlich die Gratwanderung zwischen grotesker Überzeichnung und Klassiker-Ernst, die den gesamten Abend grundiert. In der Kameragroßaufnahme sieht man ihre Lippen vor innerem Zorn zittern, der Blick ist bohrend, immer wieder aber fällt sie auch aus der Rolle, reflektiert dann mit rotzigem Berliner Charme die Erwartungen des Publikums und überhaupt alles, was gerade so abgeht. Dass hier nämlich ein Film gedreht werde. Spiel-im-Spiel also, wie auch im Shakespearschen Original, allerdings aufgepeppt mit moderner Technik.

Horatio gibt den New Yorker Jungfilmmacher mit Meta-Movie-Ambitionen, Güldenstern und Rosencrantz assistieren als Bild- und Tontechniker. Und Hamlet mittendrin, auf der Suche nach seiner Rolle in diesem mörderischen Spiel und in der neuen Ordnung, die er bei seiner Heimkehr vorfindet. Das Neue und das Alte, das macht Regisseur Weise mehrfach zum Thema. Um Deutschland soll es dabei auch irgendwie gehen („Es ist was faul im Staate Germany“), doch die Spur verliert sich schnell, wie auch manche andere an diesem Abend, der auf der Bedeutungsebene bisweilen ein wenig ziellos wirkt, weil jeder zarte Ansatz sofort wieder ironisch gebrochen und durch die vielen Spielebenen gejagt wird. Die neue Ordnung, sie ist halt komplex.

Der Geist hat einen besonderen Auftritt

Im Schlosskeller lagern derweil die Überreste der alten Zeiten, (gezeichnete) Büsten von Denkern der Vergangenheit und ein waschechter Geist ist auch vor Ort: Der von Hamlets Vater, in Gestalt von Ruth Reinecke. Seit 1979 ist sie Mitglied des Gorki-Ensembles, dies ist ihre letzte Premiere am Haus. Mit grauem Karl-Marx-Bart geistert sie durch die Kulissen und erzählt von alten Theater-Zeiten, als dereinst Thomas Langhoff von ihr einforderte, sie solle auf der Bühne um ihr Leben spielen. Das funktioniert, wenn sich ein Ensemble mit so viel Lust und Verve in die Rollen wirft wie an diesem Abend, bis heute so. Es sieht halt nur ein bisschen anders aus.

Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Mitte. Kartentelefon: 20 221 115. Nächste Termine: 8.2., 10.2., 3.3., 20 Uhr im Container auf dem Vorplatz.