Deutsches Theater

Sophie Rois überzeugt auf einem Stück Erdbeertorte

Ein großes Vergnügen: Sophie Rois interpretiert im Deutschen Theater Marlen Haushofers Roman „Die Wand“

„Sophie Rois fährt gegen die Wand im Deutschen Theater“. Bühnenbild und Regie: Clemens Maria Schönborn.

„Sophie Rois fährt gegen die Wand im Deutschen Theater“. Bühnenbild und Regie: Clemens Maria Schönborn.

Foto: ARNO DECLAIR

Mit dieser Torte war nicht zu rechnen, vor allem nicht in dieser Dimension. Zunächst nämlich scheint es, als mache es sich Sophie Rois zu einer gemütlichen Lesestunde bequem. Senffarbener Pulli, Pepita-Rock, die Füße in hochhackigen Schuhen, eine Frau, die sich auf einem zartgrünen Sitzmöbel eine kleine Auszeit aus ihrem vermutlich eleganten Leben nimmt. Ab und an nippt sie an der Teetasse, die vor ihr auf dem Bistrotischchen steht, steckt sich eine Zigarette an. Sie nimmt ein Buch zur Hand. Darauf steht „Die Wand“, geschrieben wurde es von Marlen Haushofer. Sophie Rois liest laut den Klappentext vor. Dieses Buch handelt also von einer Frau, die eines Morgens in einer Jagdhütte in den Alpen aufwacht und sich eingeschlossen findet von einer unsichtbaren Wand, hinter der kein Leben mehr existiert. Eine utopische Robinsonade, die von existenzieller Isolation erzählt, vom Dasein als Mensch ohne andere Menschen.

Das Backwerk als unbekanntes Terrain

Wir hören kurz von den Beschwerlichkeiten der ungewohnten Verrichtungen: Holz sägen, melken, Kartoffeln pflanzen. Und dann senkt sich gemächlich dieses absurd große Stück Erdbeertorte vom Bühnenhimmel des Deutschen Theaters. Mehrere Schichten Bisquit und rosa Erdbeercreme, überzogen mit Sahne und garniert mit Schokosplittern, ein gigantische, bonbonbunte Zivilisationsreliquie aus Schaumstoff. Und was macht Sophie Rois? Die guckt nicht mal verwundert. Die Frau, die vorhin am Bistrotisch saß, trägt inzwischen ein Kopftuch, ein derber Rucksack ist aufgetaucht, Wanderstiefel. Sie schreitet das Unbekannte ab, das jetzt ihre Welt ist.

„Ein Gedankenspiel“ nennt Clemens Maria Schönborn, der das Ganze fürs Deutsche Theater in Szene setzte, den Abend im Programmheft und spricht außerdem von „Pop, Pulp und Science Fiction“. So wahnsinnig viel Pop hat der in durchweg kargem, emotionslosen Berichtsstil verfasste Roman Haushofers eigentlich nicht, dafür aber eine ungewöhnliche Rezeptionsgeschichte in diversen Wellen. Seit seiner Erstveröffentlichung im Jahr 1963 wurde er je nach aktueller gesellschaftlicher Stimmungslage zum Beispiel schon von Feministinnen als Entwurf einer radikalen emanzipatorischen Befreiung, von Apokalyptikern und Zivilisationskritikern vereinnahmt. Im Jahr 2012 verfilmte Regisseur und Drehbuchautor Julian Pölsler den Stoff mit einer herausragend brüchigen Martina Gedeck in der Rolle der Übriggebliebenen.

Sophie Rois nimmt die Sicht einer Kaffeehausleserin ein

An Erdbeertorte jedenfalls hatte man weder beim Lesen noch im Kino bei diesem Stoff je einen Gedanken verschwendet. In der kurzen und kurzweiligen Version von Clemens Maria Schönborn und Sophie Rois funktioniert das trotzdem, eben weil sie den Ansatz des Gedankenspiels, des Nur-Vorgestellten, der Träumerei als Grundlage nehmen und weil Rois deshalb gar nicht den Anspruch erhebt, zu der Frau zu werden, die diese Isolation tatsächlich erlebt, sondern im Grunde immer die Kaffeehausleserin bleibt, die sich in die Frau in den Bergen nur hineindenkt. Wobei das „nur“ keinesfalls als Einschränkung zu verstehen ist, schon gar nicht bei einer wie Sophie Rois mit ihrer markanten, rauen Stimme und dem stets leicht spöttelnden Tonfall, der sich bei anderen Gelegenheiten auch schon in herrlichste Hysterien geschraubt hat.

Sehr viele Jahre war diese Stimme vorwiegend in der Berliner Volksbühne zu hören. Bis, im Rahmen der unschönen Querelen um den Intendantenwechsel am Rosa-Luxemburg-Platz, der DT-Intendant Ulrich Khuon die Schauspielerin in sein Ensemble holte. Im Herbst 2018 gab sie dort sehr umjubelt ihren Einstand mit „Cry Baby“. Inszeniert von René Pollesch, man kennt sich gut aus der Volksbühnen-Castorf-Ära. Und wenn Pollesch Mitte nächsten Jahres drüben am Rosa-Luxemburg-Platz die Intendanz übernimmt, wird Rois ihm nachfolgen. So richtig geschmeidig ins DT-Ensemble eingefügt hat sie sich bislang ohnehin nicht. Bei ihrem Einstand mit „Cry Baby“ gab es einen gemeinsamen Auftritt mit dem Ensemble, danach folgten Solo-Abende, der aktuelle, der mit vollem Titel „Sophie Rois fährt gegen die Wand im Deutschen Theater“ heißt, ist bereits ihr dritter. Das ist ein bisschen schade, man würde sie eigentlich gern zum Beispiel mal in einem Klassiker oder einem von Regisseur Sebastian Hartmann zerlegten Ensemble-Stück sehen. Aber gut, es ist andererseits ja nicht so, dass ihre Solo-Abende keinen Spaß machen würden. Dieser aktuelle sogar ganz besonders.

Von kindlicher Verzückung zu echter Verblüffung

Natürlich verliert der Text dabei ein gehöriges Maß seiner existenziellen Tiefe, aber es ist schon sehr virtuos, wie Sophie Rois sich die ausgewählten Themen und Textstellen in perfektem Ton aneignet, wie sie von distanzierter Ironie zu kindlicher Verzückung wechselt, wie ein fragendes In-Sich-Hineinhorchen zu echter Verblüffung führt. Es sind dabei vor allem die genussvollen Momente der Einsamkeit, die sie auskostet: Die Stille, der plötzlich so ruhige, tiefe Schlaf. Dazu turnt sie sehr dekorativ über das Tortenmassiv, das mal Jagdhütte, mal Felswand ist, sie kriecht hinein, knabbert es an, benutzt eine große halbe Erdbeere als Kopfkissen. Die Nahrungsbeschaffung erledigt sie nebenbei mit ein paar nicht gerade sehr zielgerichteten Schüssen aus dem Jagdgewehr, zu ihren größten Sorgen dagegen gehört, dass ihr die Zigaretten ausgehen. Das alles ist schon ganz herrlich anzusehen. Und dann singt sie auch noch, immer mal wieder und mit wunderbarem Wiener Schmäh, ganz zum Schluss zum Beispiel „Allan wia a stan“, die österreichische Version von Bob Dylans „Like a Rolling Stone“, ein echter „Hach“-Moment, an den sich ein einigermaßen verliebter und vor allem sehr üppiger Schlussapplaus anschließt.

Deutsches Theater, Schumannstr. 13a, Mitte. Kartentelefon: 28 441 225. Nächste Termine: 7.11., 17.11., 25.11., jeweils 19.00 Uhr.