Theater

Eine Familie wie aus dem DDR-Nostalgiemuseum

| Lesedauer: 3 Minuten
Reinhard Wengierek
Jon-Kaare Koppe, René Schwittay und Kristin Muthwill (v.l.) auf der Bühne des Hans-Otto-Theaters.

Jon-Kaare Koppe, René Schwittay und Kristin Muthwill (v.l.) auf der Bühne des Hans-Otto-Theaters.

Foto: thomas m. jauk / Thomas M. Jauk

Jurek Beckers „Wir sind auch nur ein Volk“ bekommt viel Beifall. Doch ein wirklich starkes Bild ergibt sich nicht.

Da hat die Dramaturgie tief in Archiven gewühlt – ihr Fundstück: Ein Script von Jurek Becker fürs Fernsehen Anfang der 1990er Jahre „Wir sind auch nur ein Volk“. Schon der Titel stellt klar: Es geht ums Deutsch-Deutsche, und es geht lustig zu. Beckers skizzenhafter Text war wohl die Vorstufe für Größeres, nämlich einer Familienserie, die gesellschaftspolitische Friktionen mit Witz ins Persönlich-Intime übersetzt und in Wohnküchen krachen lässt. Immerhin sendete das Erste 1994/95, drei Jahre vor Jurek Beckers frühem Tod, einige Folgen – längst vergessen. Und jetzt in Potsdam wieder ausgegraben. Passt ins Jubiläum 30 Jahre Wiedervereinigung; die entsprechenden Konflikte sind ja bis heute nicht kleiner geworden.

Zum Gerüst der Story: Die ARD plant eine Serie übers Zusammenkommen von Ost und West, chartert den Autor Steinheim (Reneé Schwittay), der sich eine typische Ex-DDR-Familie suchen soll zur Grundlagenforschung. Das Säckel für Honorare ist prall gefüllt, und auch Familie Grimm kann Geld gut gebrauchen.

Papa Grimm (Jon-Kaare Koppe), früher Dispatcher und SED, jetzt langzeitarbeitslos; Mutter Grimm (Kristin Muthwill) war und ist Lehrerin; SohnTheo (David Hörning) ist abgebrochener Philosophiestudent und sein Opa (Joachim Berger) ist Rentner. Desweiteren geistern Schwäger und Schwägerinnen, Freunde und Freundinnen in grotesk komischen, albernen oder traurigen Auftritten durchs Grimmsche Gehäuse. Dafür baute Bühnenbildnerin Susanne Maier-Staufen einen wie im DDR-Nostalgiemuseum zu bestaunenden Wohnturm, aus dem sich immerzu neue Kemenaten wundersam heraus klappen lassen.

Unser mit Tonband, Stift und Fotoapparat bewaffneter ARD-Forscher hat also unentwegt zu tun, den leicht prekären, von diversem allgemeinmenschlichen Zwist überlagerten Grimmschen Alltag zu beobachten. Er entdeckt erquickliches Material wie der Osten, aber auch wie der Westen tickt. Findet jede Menge Vorurteile, aber auch jede Menge Wahrheiten – schöne und schlimme.

Doch Papa Grimm meint – Jon-Kaare Koppe als lakonischer Komödienkönig im Spiel , alles noch drastisch aufmotzen zu müssen. Auch, um die öffentlich-rechtliche Geldquelle am Sprudeln zu halten. So engagiert er einen Kumpel, der den Ex-Schlapphut mimt, um gehörig Stasi-Geruch, Altlast-Frust und Widerstands-Geist zu verbreiten.

Dem Genre der Serie gemäß könnte man das erhellende Spielchen zwischen den liebenswert schlitzohrigen Grimms und dem netten naiven ARD-Autor unendlich fortschreiben. Doch da stoppt die TV-Zentrale das Projekt. Kein Geld mehr für Grimms. Keinen Job für Steinheim. Schluss mit lustig, gerade als man anfing, einander freundschaftlich näher zu kommen.

Das alles klingt nach großer Komödie, bleibt aber vom Autor bloß angedeutet. Also strengt sich Regisseur Maik Priebe mächtig an, die auf Brettel-Höhe kabarettistisch angesiedelten Szenen aufs große Format zu wuchten und mit langem Atem hingebungsvoll auszumalen. Aber: Viel Gepinsel macht noch kein starkes Bild. Hätte er doch nur die Chose als grellen schnellen Comic hingeblättert! Trotzdem viel Beifall.