Erstmals mit Frauenquote

Theatertreffen Berlin: Diese zehn Inszenierungen sind dabei

Ein spannender Blick auf das deutschsprachige Theater der Gegenwart: Die Nominierungen für das Theatertreffen stehen fest.

Unter der Regie von Johan Simons spielt Sandra Hüller am Schauspielhaus Bochum den „Hamlet“. Im Mai kommt die Inszenierung nach Berlin.

Unter der Regie von Johan Simons spielt Sandra Hüller am Schauspielhaus Bochum den „Hamlet“. Im Mai kommt die Inszenierung nach Berlin.

Foto: JU Bochum

432 Inszenierungen hat die siebenköpfige Jury des Theatertreffens im vergangenen Jahr gesichtet, um die zehn bemerkenswertesten Produktionen des Jahres auszuwählen die zwischen dem 1. und den 17. Mai in Berlin gezeigt werden sollen. Dabei wurde erstmals eine Frauenquote berücksichtigt – sechs der zehn Stücke stammen von Regisseurinnen. Die Jury ließ zudem das Bemühen erkennen, auch Debütanten eine Chance beim Theatertreffen zu geben: Fünf der zehn Nominierten sind zum ersten Mal dabei.

1. „Anatomie eines Suizids“, Deutsches Schauspielhaus Hamburg, Regie: Katie Mitchell. Das Stück nach einem Text der britischen Theaterautorin Alice Birch feierte 2017 im Royal Court Theatre seine Uraufführung, die deutschsprachige Erstaufführung fand im Oktober 2019 in Hamburg statt. Synchron erzählt wird die Geschichte dreier Frauen – Mutter, Tochter und Enkelin –, die mit den Dämonen einer Depression zu kämpfen haben. Sie werden von den Schauspielerinnen Julia Wieninger, Gala Othero Winter und Sandra Gerling verkörpert. Die Jury lobt einen „psychologisch komplexen Abend, der die Frage nach dem gelingenden Leben aufregend neu verhandelt.“ Die britische Regisseurin Katie Mitchell, Jahrgang 1964, wurde bereits 2009 und 2013 zum Theatertreffen eingeladen.

2. „Chinchilla Arschloch, waswas. Nachrichten aus dem Zwischenhirn“, Schauspiel Frankfurt, Regie: Helgard Haug. Die 1969 geborene Regisseurin Helgard Haug gehört mit Stefan Kaegie und Daniel Wetzel zur Gruppe Rimini Protokoll, die auf dem Wege szenischer Interventionen und experimentellen Abenden gern mit den erprobten Konventionen des Theaterabends bricht. Der von Haug konzipierte Abend, der das Publikum aktiv einbindet und so immer wieder neu entsteht, kreist um das Tourette-Syndrom, stellt aber auch die Frage nach den Darstellungsmöglichkeiten des Theaters. Die Jury: „Alles kann passieren, weil sich Tourette kaum kontrollieren lässt.“

3. „Der Mensch erscheint im Holozän“, Schauspielhaus Zürich, Regie: Alexander Giesche. Die 1979 erschienene Erzählung von Max Frisch handelt von dem isoliert im Tessin lebenden, 73-jährigen Herrn Geiser, der durch tagelanges Unwetter vom Rest der Welt abgeschnitten wird. Während die Hänge ins Rutschen geraten, kämpft Herr Geiser gegen den Verlust des eigenen Gedächtnisses an. Für den 1982 geborenen Regisseur Alexander Giesche ist es die erste Einladung zum Theatertreffen.

4. „Der Menschenfeind“, Deutsches Theater Berlin, Regie: Anne Lenk. Molières 1666 uraufgeführte Komödie in der Übersetzung von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens sei „eine Klassiker-Inszenierung, die ihren Stoff ernst nimmt, historische Bezüge herstellt und ihn zugleich entschieden ins Heute holt“, schreibt die Jury. Regisseurin Anne Lenk konzentriert die Geschichte des adligen Alceste (Ulrich Matthes), der um jeden Preis Heuchelei leben will, auf dessen Geliebte Célimène (Franziska Machens).

5. „Eine göttliche Komödie. Dante <> Pasolini“, Residenztheater München, Regie: Antonio Latella. Die Ermordung des italienischen Filmemachers Pier Paolo Pasolini 1975 in Ostia gibt bis heute Rätsel auf. Regisseur Antonio Latella führt sein politisch engagiertes Leben mit dem Gang durch die Höllenkreise zusammen, wie er in Dantes im Jahr 1321 vollendeter „Göttlichen Komödie“ beschrieben wird. „Die Beziehungen und Materialverflechtungen“, schreibt die Jury, „die er so herstellen kann, sind frappant und bis ins Detail thematisch abgestützt, und dies ganz ohne Auftrumpfen, sondern mit großem Ernst aus dem Material heraus gedacht.“

6. „Die Kränkungen der Menschheit“. Münchner Kammerspiele, Regie: Anta Helena Recke. Sigmund Freud, Begründer der Psychoanalyse, hielt als Kränkungen der Menschheit fest, dass der Mensch erstens vom Affen abstamme, zweitens die Sonne der Mittelpunkt des Universums sei und der Mensch drittens seinem Unbewussten ausgeliefert sei. Anta Helena Recke, geboren 1989, spürt in ihrer Performance, die in einem imaginierten Kunstmuseum spielt, einer möglichen vierten Kränkung nach: dass nämlich der europäische, weiße Mann möglicherweise „doch nicht der Inbegriff des Menschen“ sei, wie die Jury schreibt.

7. „Hamlet“, Schauspielhaus Bochum, Regie: Johan Simons. Den 1946 in den Niederlanden geborenen Johan Simons kann man problemlos einen Veteranen des Theatertreffens nennen. Mit seiner Bochumer „Hamlet“-Inszenierung hat er seine inzwischen siebte Einladung erhalten. Mit Sandra Hüller hat er die Hauptrolle weiblich besetzt und ihr Gina Haller als Ophelia in Personalunion mit Horatio an die Seite gestellt. „Anstelle des handelsüblichen Blutbads wird hier sauber und mit feiner Ironie aufgeräumt“, heißt es in der Begründung der Jury.

8. „Süßer Vogel Jugend“, Schauspiel Leipzig, Regie: Claudia Bauer. Für Claudia Bauer, Jahrgang 1966, ist es die dritte Einladung zum Theatertreffen. Tennessee Williams’ 1959 uraufgeführtes (und im selben Jahr im Berliner Schiller-Theater aufgeführtes) Drama handelt von den falschen Verheißungen des amerikanischen Traums und den engen Grenzen menschlicher Kommunikation. Die Jury lobt die „furchtlose Performance unter zwischendurch mitleidloser Analyse der eigenen Fakes und Verbrechen“.

9. „Tanz. Eine sylphidische Träumerei in Stunts“, div. Spielstätten, Konzept, Performance und Choreographie: Florentina Holzinger.

Florentina Holzinger unternimmt einen lustvollen Spaziergang durch die Motivgeschichte des klassischen Balletts in Gestalt einer ausartenden Tanzunterrichtsstunde – sieht sich aber auch in den Bildwelten von Slideshows, Stunts und Martial Arts um. Sie sei, schreibt die Jury, „bekannt für einen markerschütternden Einsatz des Körpers“.

10. „The Vacuum Cleaner“, Münchner Kammerspiele, Regie: Toshiki Okada. Wie nimmt sich die Geschichte einer westlichen Wohlstandsfamilie aus der Perspektive ihres Staubsaugers aus? Mit dieser originellen Fragestellung kommt Toshiki Okada unserem Leben sehr nahe. „Ein Panorama aus Wohlstandblase, Sozialphobie, Durchschnittsarbeitsbiografie, Perspektivlosigkeit, Depression und McJob-Elend“, so die Jury.