Theater

Wenn plötzlich Harald Juhnke mitspielt

In Alan Ayckbourns „Ab jetzt“ in der Komödie am Kurfürstendamm gibt es mehrere Cameo-Auftritte des verstorbenen Entertainers.

Jerome (Oliver Mommsen) ist es halbwegs gelungen, den Haushaltsroboter (Zoe Moore) als seine Verlobte umzuprogrammieren.

Jerome (Oliver Mommsen) ist es halbwegs gelungen, den Haushaltsroboter (Zoe Moore) als seine Verlobte umzuprogrammieren.

Foto: Franziska Strauss

Berlin. Die Pflastersteine krachen gegen die vergitterten Fenster, und Jerome geht nie unbewaffnet an die Tür. Seine Wohnung gleicht einer Festung in einer No-go-Area, aus der sich die Polizei längst zurückgezogen hat. Die paramilitärischen „Töchter der Finsternis“ haben den Job übernommen und treiben mit harter Hand Gegenleistungen ein. Kein Ort, an dem ein Kind aufwachsen sollte. Und doch will Jerome um das Sorgerecht für seine Tochter kämpfen. Er hat sie vor Jahren das letzte Mal gesehen, als sie und seine Frau Corinna ausgezogen sind. Seither lebt er mit dem Roboter Gou 300 F zusammen, der fehlerhaft programmiert ist. Um vor der gehassten Ex zu glänzen, engagiert Jerome die Schauspielerin Zoe, die seine Verlobte mimen soll.

Schon bei der Uraufführung 1987 spielte Alan Ayckbourns Science-Fiction-Farce „Ab jetzt“ irgendwann in einer näheren Zukunft. Auch jetzt bei der Premiere in der Komödie am Kurfürstendamm im Schiller Theater wirkt die Szenerie wie eine Dystopie von Übermorgen. Vor allem durch die Schutzkleidung und Gasmasken, die jeder trägt, der von draußen in Jeromes abgerockte Wohnung kommt. Die ist vollgestellt mit technischen Geräten.

Martin Woelffer inszeniert die slapstickhafte Komödie

Dann wäre da noch der Gou 300 F. Eigentlich eine futuristische Maschine, doch Jerome hat sie nach seiner Frau gestaltet, ihr den Look einer Fifties-Hausfrau verpasst. Eine vorgestrige Männerfantasie, der Nicola Ransom als rumpelnde, steifbeinige Roboter-Corinna ironisch die Spitze nimmt.

Vor 31 Jahren hat Peter Zadek die deutsche Erstaufführung am Theater am Kurfürstendamm inszeniert. Martin Woelffer war damals sein Assistent. Heute bekanntlich der Direktor des Hauses, hat er Ayckbourns slapstickhafte Komödie nun selbst inszeniert. Der Clou ist seine Reminiszenz an Zadeks Aufführung. Der Anrufbeantworter der nahen Zukunft zeichnet Videos auf. Als einer der Anrufer hat der verstorbene Harald Juhnke gleich mehrere Cameo-Auftritte. Mit seiner lässig-humorigen Art spielt der Berliner Volksschauspieler und Entertainer einen Trinker. Was sonst?!

Zunächst aber stellt sich Zoe bei Jerome vor. Sie sieht klasse aus, ist nicht allzu helle und ein bisschen zickig. Zoe Moore spielt sie ohne Punkt und Komma dampfplaudernd. Sie ist ebenso bravourös wie Oliver Mommsen als Jerome. Der Ex-„Tatort“-Kommissar gibt den schroffen Komponisten mit Schreibblockade. Sein Traum ist ein Werk namens Liebe. Eine Collage aus Geräuschen, die er alle in seiner mit Mikrofonen verwanzten Wohnung aufnimmt. Auch den Sex mit Zoe, woraufhin sie wütend abhaut.

Oliver Mommsen macht die Tragik seiner Figur sichtbar

Macht nichts. Jerome hat nämlich genug Aufnahmen von ihr, um den Gou 300 F nun nach ihrem Ebenbild zu gestalten und mit ihr beim Besuch von Corinna heile Welt zu spielen. Begleitet wird die von Marvin (Joachim Paul Assboeck), dem Mann vom Jugendamt. Während der das Glück zwischen Zoe und Jerome förmlich greifen kann, ist Corinna erst misstrauisch, dann eifersüchtig. Denn als ihre mittlerweile schwer gestörte Tochter (Nellie Thalbach) auftaucht, bekommt ausgerechnet Zoe sie in den Griff.

Eine Situation voller irrwitziger Komik. Jerome jongliert dabei hyperaktiv an allen Fronten, damit der Spuk nicht auffliegt. Erstaunlich, dass Corinna ihn dennoch zurückhaben möchte. Er will eigentlich kein echtes Leben, denn das virtuelle aus zweiter Hand liegt ihm mehr. Es ist das Material für seine Kunst. Ayckbourns Stück bleibt leider stets an der komödiantischen Oberfläche. Doch Oliver Mommsen macht die Tragik seiner Figur in den letzten Minuten sichtbar.