Konzertkritik

Bei Devendra Banhart trifft Flower Power Online-Shopping

Sänger Devendra Banhart bringt in bester Neohippie-Manier obskuren Folk in das Astra Kulturhaus.

Sänger Devendra Banhart bei einem Konzert 2017 in der Columbiahalle in Berlin.

Sänger Devendra Banhart bei einem Konzert 2017 in der Columbiahalle in Berlin.

Foto: Eventpress Hoensch / picture alliance

Es kommt nicht häufig vor, dass bei einem Konzert die Pausen zwischen den Songs so kurzweilig sind wie am Freitagabend im Astra Kulturhaus. Doch Folk-Barde Devendra Banhart schafft es, den ausverkauften Saal nicht bloß musikalisch, sondern auch mit seinen Anekdoten zu unterhalten. So kommen die Fans nicht nur in den Genuss seiner obskuren Texte, sondern erfahren auch, wie es dazu kam, dass er einst Danny DeVito einen Frappuccino zubereitete.

Allerdings darf bei all der Plauderlaune die Musik nicht zu kurz kommen. Freak Folk nennen manche das ambivalente Genre, in dem seine Melodien stattfinden. Da treffen fernöstliche Klänge auf Jazz oder Disco – und über allem schwebt Banharts Stimme mit ihrem markanten Tremolo.

Optisch passt der Musiker gut in die Friedrichshainer Nachbarschaft des Astra. Mit seinem schwarzen Vollbart und der kalifornischen Bohème würde er unter den Hipstern der Warschauer Straße wohl kaum auffallen. Und auch im Publikum glaubt man mehrmals, seinen Doppelgänger zu erblicken.

Devendra Banhart trägt den Zweitnamen Obi

Begleitet wird der 38-jährige, der in Anlehnung an einen berühmten Star-Wars-Charakter den Zweitnamen Obi trägt, von einer vierköpfigen Band. Seine Texte sind mal auf Englisch, mal auf Spanisch wie die verträumte Nummer „Mi Negrita“. Getanzt wird dazu auf dem Parkett des Astra sehr rücksichtsvoll, während der Sänger selbst ausladend über die Bühne scherbelt. Dabei bewegt er sich so ungezwungen, als stünde er vor dem heimischen Spiegel und nicht vor einer ausverkauften Konzerthalle.

Zwischen den Songs erzählt Banhart Anekdoten, vor allem aus seiner Zeit als Barista bei Starbucks, wo er nicht nur Danny DeVito einen Frappuccino kredenzte, sondern auch Rick Springfield bediente, was ihn von einer transzendentalen Erfahrung sprechen lässt.

„Love Song“ als Hymne an die Mikroorganismen

Seine Zweisprachigkeit verdankt der Songwriter seiner Mutter, mit der er einen Teil seiner Kindheit in Venezuela verbrachte. Die Texte, die er in seinen Folk-Songs verbaut, sind meist ominös bis surreal. Da trifft es sich gut, dass er sie gleich auf der Bühne deutet. „Love Song“, eine Nummer seines aktuellen Albums „Ma“, sei zum Beispiel eine Hymne an die Mikroorganismen in unseren Körpern.

Ebenfalls auf der aktuellen Platte findet sich der Song „Kantori Ongaku“ (Japanisch für „Country Music“), in dem Banhart in bester Neohippie-Manier die Themen Flower Power und Onlineshopping vermengt. Und während er singend die Hände von der Gitarre nimmt, um damit ausgiebig in der Luft zu gestikulieren, üben sich die Fans weiter in ihrem gemäßigten Hüftschwung.

Generell lebt das Konzert von Banharts spleeniger Art. Wie ein selbstironischer Guru läuft er schmunzelnd über die Bühne. Und so täuscht seine charmante Extravaganz darüber hinweg, dass seine reservierten Songs eigentlich eine kleinere Location bräuchten, um ihre volle Wirkung zu entfalten.