Kritik

CTM-Festival im Kunstquartier: Ausflug in die Zwischenwelten

Das CTM Festival ist gestartet - „Interstitial Spaces“ im Kunstquartier Bethanien beleuchtet die Zwischenräume unserer Existenz..

Das CTM Festival 2020 hat begonnen, neben Musik gibt es auch Workshops und Ausstellungen.

Das CTM Festival 2020 hat begonnen, neben Musik gibt es auch Workshops und Ausstellungen.

Foto: Vojd/CTM

Berlin. Es sind die kleinen Vibrationen, nicht wahrnehmbar, aber doch sichtbar geworden, in diesem pinken Zimmer, die die Lücken füllen. Immer wieder werden Leerräume in den Quarzsand gepinselt, aber sie bleiben nicht lange. Die Vibrationen schütteln die einzelnen Körnchen dorthin, wo nichts war, bis alles sich wieder dem unsichtbaren Rhythmus angleicht.

„Das Erscheinen eines freien Willen“ von Anke Eckardt im Kunstquartier Bethanien ist nicht nur hübsch pink illuminiert, sondern auch eine spannende, feine Auseinandersetzung mit Kippmomenten, der Unberechenbarkeit, die doch am Ende vorhersehbar wird. Jede Lücke wird gefüllt. Irgendwann. Bis dahin wird im kleinen Begleitheft neben Philosoph Thomas Metzinger und Klimaaktivistin Greta Thunberg Billie Eilish zitiert: „So lange du keinem wehtust, tue wonach zur Hölle dir ist.“ Aber am Ende sind eben doch alle Freiräume besetzt.

Die Auseinandersetzung mit Freiräumen, freiem Willen, vor allem aber den Zwischenräumen der Existenz – politisch, kulturell – ist das Leitmotiv der Ausstellung „Interstitial Spaces“. Sie ist der ergänzenden Unterbau zum vor allem (techno-)musikalisch geprägten CTM Festival, das seit 21 Jahren stattfindet und als Festival für „aufregende Musik“ begann, nun eben auch andere Kunstformen einbezieht.

Das Festival steht in diesem Jahr unter dem Motto „Liminals“ – „Übergangsphasen, in denen eine vertraute Ordnung ihre Werte und Symbole destabilisiert sieht“.

Struktur schaffen zwischen Gradlinigkeit und Chaos

Besonders intensiv wird die Destabilisierung, aber auch die Rückkehr in die geordnete Welt beim zur Eröffnung der Ausstellung am Freitagabend stattfindenden „Kick Off“ im Studio 1 des Kunstquartier dargestellt. Nach einem DJ-Set von Mo Chan (oder auch DJ Kohlrabi), das zwischen fast naiven Klangexperimenten und rauer Energie (schönes Beispiel: „Hototogisu von WaqWaq Kingdom) changiert, führen Peter Kim und Tad Ermitaño tiefer in die unberechenbare Berechenbarkeit des Sounds.

Während auf der Leinwand hinter dem DJ-Pult gleichförmige, aber zunehmend verwirrendere Linien und Formen die Musik visualisieren, ist es die Stimme Kirns, die Strukturen schafft, dem Hörer und Zuschauer eine Linie anbietet, ihn in diesem Zwischenraum auf Spur hält – zwischen Gradlinigkeit und Chaos.

„The Ceremony“ – ein Trip zwischen sanftem Rausch und niederem Verlangen

Höhepunkt ist aber „The Ceremony“ von Loïc Koutana, NSDOS Zorka Wollny. Zwischen tiefem, anhaltenden Bass und heftigem Beatgeflacker erwachen vier Menschen zum Leben, tanzen, kämpfen, aalen sich um einen Sandhaufen in der Mitte des Raumes.

Erst schmerzerfüllt wirkend, dann immer freier, enthemmter, am Ende wie auf Droge, kurz mal voguend durch den Rhythmus. Vielleicht auch als Ausdruck eben jener mal natürlich, mal synthetisch im Nachtleben herbeigeführter Aggregatzustände von Elend bis Liebe. Ein Trip. Schöne, sanfte Momente des Rausches treffen auf das niedere Verlangen, stark ausgefüllt vom brasilianischen Model, Künstler und Tänzer Koutana.

Die Geschlossenheit der Welt der Tanzenden, ihr Ausflug in den Grenzbereich, wirkt nur deswegen nicht völlig nachvollziehbar, weil gleichzeitig auf der Videoleinwand dahinter wie per Skype zugeschaltet ein weiterer Teilnehmer von außen auf das Geschehen schaut – ein Korrektiv, wie eine Fragestellung: Was macht ihr da eigentlich? Bei einem Festival wie CTM, progessiv, aber auch an die Wesen der Nacht gerichtet, eine berechtigte Frage.

Die Ausstellung selbst greift dieses Thema indirekt auch immer wieder auf, indem sie die Besucher zu neuen Erfahrungen treibt. Auch dem Empfinden von Leere, wie Calmspaces (Architektin Tena Lazarevic und Digitaldesigner Beer van Geer) im „Ademruimte“ (“Atemraum“) zeigt – einem „non-sakralen öffentlichen Raum für Ruhe“. Zehn Minuten durchatmen, auch das in einer Stadt wie Berlin eine Grenzerfahrung.

Arbeiten sind psychedelisch bis politisch

Sophia Bilgakova hat einen Raum gestaltet, in den Projektoren Textfragmente senden, die erst lesbar werden, wenn man eine kleine Leinwand in die Höhe hält. „Es ist der Versuch, das Verständnis des physischen Raums neu zu ordnen, um unendlich viele mögliche Kompositionen zu erschaffen, die es der Fantasie erlauben, die Wahrnehmung des Betrachters zu formen.“

Politisch ist „Safety Travelling“ von Nural Moser, die dokumentiert, wie sie mit Burka reist, wie sie am Flughafen wahrgenommen wird – das verschleiernde Kleidungsstück als Symbol der Mechanismen der Frauenunterdrückung, der Apartheid. Dass es neben psychedelischen Videos wie „Chute Libre/Free Fall“ stattfindet, ist es ein Beleg für die vielen Interpretationsmöglichkeiten, wie Räume gefüllt werden können.

Das offene Thema macht „Interstitial Spaces“ auch willkürlich in seiner Vielfalt, trotzdem funktioniert es erstaunlich gut.

CTM 2020 – Interstitial Spaces – Öffnungszeiten und Infos

Öffnungszeiten während des CTM Festivals: 25.1.–2.2.2020, täglich 10 bis 22 Uhr, nach dem CTM Festival vom 3.2. bis 15.3.2020 sonntags bis mittwochs 10 bis 20 Uhr und donnerstags bis samstags 10 bis 22 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Mit Arbeiten von: Sophia Bulgakova [UA/NL], Calmspaces [NL], Pau Delgado [UY], Anke Eckardt [DE], Richard Garet [US], Dana Gingras [CA], Wesley Goatley [UK], Loïc Koutana, NSDOS & Zorka Wollny [INT], Nural Moser [INT], Krista Belle Stewart [CA], Michael Wick [DE]

Kuratiert von CTM (Oliver Baurhenn, Jan Rohlf, Remco Schuurbiers) mit Unterstützung von Martin Craciun und Sara Smet.