Ehrung

Timm Ulrichs wird für sein Lebenswerk ausgezeichnet

Der Totalkünstler Timm Ulrichs erhielt in seiner Geburtsstadt Berlin den Käthe-Kollwitz-Preis für sein Lebenswerk.

Der Künstler Timm Ulrichs spricht bei der Inbetriebnahme seiner Installation "wir-kl-ich" im Sprengel Museum.

Der Künstler Timm Ulrichs spricht bei der Inbetriebnahme seiner Installation "wir-kl-ich" im Sprengel Museum.

Foto: Ole Spata / dpa

Die Ausstellung eines frühen Schlüsselwerks kam vor einem halben Jahrhundert nicht zustande, weil die Berliner Kunstwelt damals noch nicht so weit war wie Timm Ulrichs. Der Autodidakt hatte sich 1965 bei der Juryfreien Kunstausstellung Berlin als „erstes lebendes Kunstwerk“ eingereicht, noch vor den Selbstausstellungen von Gilbert & George.

Dass er damals bei der juryfreien Kunstausstellung ausjuriert worden war, mit fadenscheinigen Argumenten, erzählt der Künstler noch heute mit Kopfschütteln. Angeblich ließ sich das lebende Kunstwerk nicht ordentlich beschriften und hängen. Auch dass es nicht handgemacht war, wurde moniert.

Inzwischen ist Timm Ulrichs ein lebender Klassiker. Am Donnerstag erhielt er von der Akademie der Künste hochverdient den Käthe-Kollwitz-Preis für sein Lebenswerk. Die Juroren, zu denen mit Gregor Schneider ein früherer Schüler zählt, beeindruckt neben der „schieren Masse und Vielfältigkeit unterschiedlichster Einfälle“, dass Ulrichs „für nachfolgende Künstlergenerationen bis heute Fundgrube und Inspirationsquelle“ ist.

Widersprüchlich erscheint, dass der exzeptionelle Ideenreichtum eigens hervorgehoben wird, die mit der Preisverleihung verbundene Ausstellung sich jedoch auf einen einzigen Raum im Akademiegebäude im Hansaviertel beschränkt. Im Jahr seines 80. Geburtstags hätte Timm Ulrichs einen größeren Aufschlag verdient, mindestens eine Ausstellung am Pariser Platz.

Bei Gewitter lief er nackt mit einer Eisenstange über einen Acker

Immerhin erhält man einen kleinen Einblick in frühe, textzentrierte Arbeiten im Stil der Konkreten Poesie. Eine weitere Ausstellung wird in wenigen Tagen im Haus am Lützowplatz eröffnet. „AM ANFANG WAR DAS WORT AM“ – von solcher Art sprachphilosophischer Zuspitzung ist Ulrichs Konzeptkunst. „Ich kann keine Kunst mehr sehen!“ schrieb er 1975 auf eine Tafel und tappte mit Armbinde und Blindenstock über die Kölner Kunstmesse.

Er agierte auch als Body-Artist, lief bei Gewitter nackt mit einer Eisenstange über einen Acker (“Timm Ulrichs, den Blitz auf sich lenkend“) oder ließ sich zum „Lied vom Tod“ von einem professionellen Messerwerfer namens Jonny King bewerfen. Lange bevor Klonen und Biopolitik Modethemen wurden, bot er sich einer Samenbank als Spender an. Als Zweck gab er an: „Meine Multiplizierung“.

Timm Ulrichs ist geistesverwandt mit Kurt Schwitters und dem Aufklärer Georg Christoph Lichtenberg (der über „Gewitterfurcht und Blitzeableitung“ geschrieben hat). Sein Antipode ist der rheinische Mystiker Joseph Beuys. Dieser hatte in den 60er-Jahren den „erweiterten Kunstbegriff“ proklamiert. Ulrichs versuchte Beuys durch Totalerweiterung zu überbieten. Entsprechend nannte er sich „Totalkünstler“, was für ihn gleichbedeutend mit „Universaldilettant“ ist. Mit dem Käthe-Kollwitz-Preis, sagte der gebürtige Berliner am Mittwoch, schließe sich für ihn „nach 79 Jahren im Exil ein Kreis“.

Akademie der Künste, Hanseatenweg, Tiergarten. 24. Januar bis 1. März. Di.–So. 11–19 Uhr.

Haus am Lützowplatz, Lützowplatz 9, Tiergarten. 7. März bis 14. Juni. Täglich 11–18 Uhr.