Hauptrolle Berlin

Ein keines Würstchen bringt ein ganzes System zu Fall

Am 4. Februar wird im Zoo Palast noch einmal „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ gezeigt. Und Sylvester Groth erzählt von dem Dreh.

In Zeiten des abnehmenden Lichts

In Zeiten des abnehmenden Lichts

Foto: X Filme

Vorsicht vor den kleinen Würstchen. Den alten Tisch darf eigentlich nur einer aufstellen und ausziehen. Aber der Enkel, er kommt eben nicht, er ist in den Westen geflohen. Deshalb macht sich der Großvater, ein stalinistischer SED-Funktionär, selbst daran. Und hämmert mit der Wut eines Mannes, der sein Weltbild dahinbröseln sieht, Nägel in den „Nazitisch“, der – wie sein ganzes Heim – zuvor einem Nazi-Bonzen gehört hat.

Auf dieser Tafel wird zum 90. Geburtstag des Großvaters ein üppiges Büffet aufgetragen. Bei dem Versuch, sich ein Würstchen zu angeln, wird sich aber ausgerechnet der Urenkel – Spross des abwesenden Enkels – so unglücklich über den Tisch lehnen, dass dieser ächzend zusammenbricht. Und die ganzen Leckereien auf den Boden klatschen.

Ein ganzes Land in Auflösung

Ein kleines Würstchen bringt ein ganzes Gefüge zu Fall. Eine fast schon grobe Metapher. Denn als so brüchig und anfällig wie der Tisch erweist sich auch die Familie, die hier noch einmal zusammenkommt. Erweist sich auch der Staat, in dem sie lebt. Es ist der 1. Oktober 1989, an dem dieser 90. Geburtstag gefeiert wird. Sechs Tage später wird ein anderes Jubiläum anstehen, der 40. Jahrestag der DDR. Und bald schon wird dieses Land real nicht mehr existieren.

Wie viel Stadt muss man zeigen, damit ein Film ein echter Berlin-Film ist? In der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, in der die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast immer am ersten Dienstag im Monat einen genuinen Film dieses Genres zeigt, wird diese Frage immer wieder gestellt. Und es sind eben gerade nicht die Werke, die möglichst viele bekannte Ecken ins Bild rücken, die dazu zählen. Sie behaupten ihre Verortung nur – und könnten doch meist an beliebigen Orten spielen.

Fünf Dekaden in einen einzigen Tag gebrannt

Matti Geschonnecks Film „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ dagegen zeigt kaum Außenansichten der Stadt. Und spielt zum Großteil in einem einzigen Haus, noch in Berlin, aber schon weit draußen, im Grünen. Und doch wird alles hier wie in einem Brennglas komprimiert.

Schon Eugen Ruges 2011 veröffentlichter Roman hat den Makrokosmos DDR über den Mikrokosmos Familie erzählt. Während sein Epos sich aber über vier Generationen und fünf Dekaden erstreckte, hat Regisseur Geschonneck den Mikrokosmos noch weiter verengt und die Handlung auf einen einzigen Tag komprimiert.

Der 90. Geburtstag bildete auch in der Buchvorlage die Rahmenhandlung. Doch während Ruge immer wieder in frühere Zeitebenen und von Mexiko bis in die Sowjetunion sprang, bleibt der Film ganz auf diesen einen Herbsttag in Ost-Berlin beschränkt.

„In Zeiten des abnehmenden Lichts“ handelt von einer DDR in Auflösung. Und vom Bruch der Generationen. Da ist der Großvater Wilhelm Powileit (Bruno Ganz), ein strammer Altkader, der noch einmal Hof hält. Vor dem zahllose Kreisleiter und Parteifunktionäre defilieren, auch wenn der alte Grantler sie alle zusammenstaucht: weil sie zu weich sind.

Eine Familie aus Kadern, Mitläufern und Opponenten

Da ist der Sohn Kurt Umnitzer (Sylvester Groth), ein Opportunist, der einst an den Sozialismus glaubte, aber dann in ein russisches Arbeitslager kam und seither von Zweifeln zerfressen ist. Da ist außerdem der Enkel, Sascha (Alexander Fehling), der es in diesem Staat nicht mehr aushält und schließlich rübermacht.

Ausgerechnet am Ehrentag des Großvaters, der noch poltert über all die Defätisten, die in den Westen abhauen. Da ist schließlich auch noch der achtjährige Urenkel, den Sascha bei seiner Mutter gelassen hat und der sich später wohl kaum noch an die DDR erinnern wird. Und auch an diesen Tag vielleicht nur, weil er da den Tisch zerlegt hat.

Ruge hat mit dieser Familienchronik auch seine eigene – sein Vater war der DDR-Historiker Wolfgang Ruge – rekapituliert. Man darf es einen Glücksfall nennen, dass Matti Geschonneck diesen Bestseller, der 2011 den Deutschen Buchpreis erhielt, adaptiert hat.

Lauter eigene Erfahrungen flossen in den Stoff

Geschonneck kannte diesen DDR-typischen Generationenkonflikt. Sein Vater, der Schauspieler Erwin Geschonneck, war überzeugter Kommunist bis über das Ende der DDR hinweg, während ihm selbst das Filmstudium verboten wurde, als dieser sich nach Wolf Biermanns Ausbürgerung 1976 nicht von ihm distanziert hatte. Zwei Jahre später zog der Sohn resigniert in den Westen.

Mit Filmen wie „Die Nachrichten“ (2005) und „Boxhagener Platz“ (2010) hat der Filmemacher später seine DDR-Vergangenheit reflektiert. Bei „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, der 2017 auf der Berlinale uraufgeführt wurde, schrieb kein Geringerer als Wolfgang Kohlhaase das Drehbuch, einst einer der wichtigsten Filmautoren der DDR.

Aber obwohl Matti Geschonneck mit dessen Filmen aufgewachsen ist und sein Vater in einem von ihnen, „Berlin um die Ecke“ (1966), die Hauptrolle gespielt hat und obwohl beide, Kohlhaase wie Geschonneck Junior, Meister sind in der präzisen Zeichnung von Figuren und Milieus, war dies die erste gemeinsame Arbeit. Kohlhaase war damals schon 85.

Wohlfeile, feingeschliffene Dialoge

Früh war klar, die Verfilmung des vielschichtigen und voluminösen Werkes konnte nur gelingen in der absoluten Verdichtung. Daher der kühne Kunstgriff auf einen einzigen Tag, der viele Liebhaber des Buchs enttäuscht haben dürfte, aber den Film wirklich zu etwas ganz anderem, ganz Eigenem machte.

Der 90. Geburtstag wird zur letzten großen Huldigung, aber auch schon zum leeren Ritual lauter mittelalter Herren, die das Ende ihres Systems noch trotzig verdrängen, während die Jugend schon in Scharen das Land flieht.

In wohlfeilen, feingeschliffenen Dialogen wird hier eine heiße Schlacht am kalten Büffet ausgetragen. Wobei sich die Frauen am Ende alle als die Stärkeren erweisen. Und bei Bruno Ganz (der hier eine seiner letzten großen Rollen spielte) nicht zufällig, mag er auch noch so sehr gegen den „Nazi-Tisch“ wettern, immer etwas von seinem Hitler im „Untergang“ mitschwingt.

Eine fast schon aufdringliche Metapher

Um die historischen Linien, die vom Dritten Reich direkt in den Sozialismus der DDR führten, handelte ja schon das Buch. Ein weiterer veritabler Akteur des Films aber ist seine Ausstattung. Szenenbildner Bernd Lepel gelang es, bis in Tapeten und zersprungene Fliesen hinein die DDR immer etwas verbraucht und abgenutzt wirken zu lassen.

Ein stimmiger und sorgfältig rekonstruierter Mief für die Parteischranzendämmerung. Für die es am Ende den zerbrechenden Tisch als fast schon zu aufdringliche Metapher gar nicht mehr gebraucht hätte. So kluge Literaturverfilmungen wie diese finden sich heute leider nur noch selten.

„In Zeiten des abnehmenden Lichts“: Zoo Palast, 4. Februar, 20.30 Uhr in Anwesenheit des Hauptdarstellers Sylvester Groth.