Ausstellung

Anno Wilms: Entdeckung einer eigenwilligen Fotokünstlerin

Jahrzehntelang reiste das Werk von Anno Wilms um die Welt. Eine Ausstellung in der Collection Regard zeigt nun, wie vielseitig es ist

Das Bild ohne Titel aus dem Jahr 1977 zeigt eine Tänzerin des „Triadischen Balletts“.

Das Bild ohne Titel aus dem Jahr 1977 zeigt eine Tänzerin des „Triadischen Balletts“.

Foto: Anno Wilms

Die Fotogalerie Collection Regard in der Steinstraße hat einen Schatz gehoben: Das Werk der Berliner Fotografin Anno Wilms (1935-2016). Jahrzehntelang reiste diese um die Welt. Ihre Dokumentationen erschienen im „Stern“, in „Merian“-Reiseführern und in Buchform. Aber erst bei der Sichtung des Nachlasses trat zutage, was für eine exzessive Künstlerin Anno Wilms gewesen und wie eigenwillig ihre Handschrift ist.

Anno Wilms legte den Fokus auf die Randmilieus

Wilms interessierte sich für soziale, ethnische und sexuelle Randgruppen. Sie ging in gewisser Weise naiv an Gegenstände heran. Vielleicht erntete sie gerade deswegen entwaffnend offene Blicke: bei Rastafari in Jamaika ebenso wie bei palästinensischen Nomaden in Israel oder Nachtschwärmern im Berliner Underground.

In der „Lützower Lampe“ oder im „Chez Nous“ beobachtete Wilms Travestiekünstler hinter der Bühne. Sie erhaschte mit geduldiger Kamera Momente, in denen kurz vor Show-Auftritten bei prüfenden Blicken in den Spiegel die Masken ein paar Sekunden lang bröckelten und fragende Verletzlichkeit sichtbar wurde.

In der Dunkelkammer verstärkte die Fotografin Licht- und Schatteneffekte zusätzlich. Wilms erzielte in ihren Fotografien große Unmittelbarkeit durch ungewöhnlich harte Kontrastierungen und aufwendige Prozeduren der Rehalogenisierung. Sie war selbst eine kontrastreiche Erscheinung, meist schwarz gekleidet mit dunkel lackierten Fingernägeln.

Ein Fotobuch von ihr aus den frühen 70er-Jahren war „Zigeuner“ betitelt. Das durfte man damals noch sagen. Über 20 Jahre hinweg besuchte sie Sinti und Roma in ganz Europa. Sie fotografierte in Wohnwagensiedlungen in Südfrankreich und am Balkan, in Darmstadt und Kiel, im Wallfahrtsort Illingen, in Istanbul und Berlin. Den Fokus legte sie auf markante Gesichter, aber auch auf Unterschiede einzelner Gruppierungen.

Die Werke der „Identität und Kontrast“ betitelten Ausstellung führen teilweise zurück hinter Debatten um trans-, cis- oder queere Identitäten und politisch-korrekte Herangehensweisen. Wilms, eine weiße Frau aus dem Berliner Bohèmebezirk Charlottenburg, fotografierte in Randmilieus, ohne ihren privilegierten Beobachterstandpunkt zu reflektieren. Aus heutiger Sicht kann ihr das den Exotismus-Vorwurf einbringen. Dagegenhalten lässt sich vielleicht der in jeder Aufnahme spürbare Respekt vor den Menschen.

40.000 Abzüge lagern im Nachlassarchiv

Außer Negativen und Kontaktabzügen lagern rund 40.000 eigenhändige Abzüge im Nachlassarchiv, das sich in Wilms früherer Wohnung in Charlottenburg befindet. „Ich kenne keinen Fotografen auf der Welt, der so viele Abzüge hergestellt hat wie sie“, sagt der Galerist Marc Barbey. Diesen Sommer stellt er Anno Wilms mit seiner Collection Regard auf dem renommierten Fotofestival Rencontres d’Arles der internationalen Sammlerschaft vor.

Collection Regard, Steinstraße 12, Berlin-Mitte, 24.1.-17.4, freitags 14-18 Uhr. Eröffnung Donnerstag 23.01. von 18-21 Uhr.