Kultur

Öhman und Waltz beenden vorzeitig Staatsballett-Intendanz

Nach nur 17 Monaten an der Spitze des Staatsballetts Berlin gehen Sasha Waltz und Johannes Öhman getrennte Wege.

Johannes Öhman und Sasha Waltz.

Johannes Öhman und Sasha Waltz.

Foto: dpa

Berlin. Auch für die Tänzer kam die Mitteilung überraschend. Kurzfristig war am Mittwoch früh um 10 Uhr zu einer Personalversammlung eingeladen worden, wo die Berliner Choreografin Sasha Waltz mitteilte, dass Johannes Öhman und sie die gemeinsame Intendanz des Staatsballetts Berlin zum Ende des Jahres 2020 aufgeben werden. Was ein überraschend schnelles Ende ist, denn die Chefverträge waren ursprünglich bis zum Ende der Spielzeit 2024/25 geschlossen worden.

Die Tänzer wunderten sich schon, dass Öhman bei dem Termin nicht dabei war, aber der hatte in seiner Heimatstadt Stockholm seine neue Position zu verkünden. Als Grund für das vorzeitige Ende der Berliner Doppelintendanz wird Öhmans Entscheidung angegeben, in Stockholm die Position des Künstlerischen Leiters und Managing Directors am renommierten „Dansenhus“ – dem Schwedischen Haus für Tanz – anzunehmen. Der 52-Jährige kehrt in seine Heimat zurück.

Sasha Waltz will wieder mehr als Choreografin arbeiten

Sasha Waltz habe sich daraufhin entschieden, heißt es in der Erklärung vom Mittwoch, die Intendanz ebenfalls zu beenden, weil sie das gemeinsame Projekt nicht alleine fortsetzen möchte. Offenbar hat die Intendantin für sich auch die Variante verworfen, einen neuen Partner für die Doppelspitze zu suchen. Was sie in gewisser Weise ehrt, weil sie sich damit rückblickend als Teamplayer verstanden hat. Sasha Waltz werde sich, heißt es weiter, nach ihrer Tätigkeit als Intendantin und nach einigen Jahren der konzeptionellen Arbeit für das Staatsballett ab 2021/22 wieder voll und ganz auf ihre künstlerische Arbeit als Choreografin konzentrieren.

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Der ganze Vorgang schreit nach Spekulationen, denn in der Vergangenheit gab es immer wieder Querelen rund um die Intendanz von Sasha Waltz und deren Ankündigung, im Repertoire Klassisches und Modernes mischen zu wollen. Dissonanzen zwischen Kompagnie und Intendanz oder zwischen den beiden Leitern liegen nahe. Aber aus der Kompagnie ist auf Nachfrage nichts davon zu hören. Im Gegenteil. Die gemeinsamen Kraftanstrengungen und Reibungen richten sich auf die bevorstehende Uraufführung von „Symphonie 2020“ für Tanz, Licht und Orchester, die Musik stammt von Georg Friedrich Haas. Damit will Sasha Waltz ihren großen Einstand als Choreografin beim Staatsballett geben. Und Weiteres sollte mal folgen. Die Uraufführung von „Symphonie 2020“ am 25. April in der Staatsoper Unter den Linden soll stattfinden, hieß es am Mittwoch. Die Pläne für die Saison 2020/21 werden – obwohl die Leitung mittendrin aufhört – am 4. März bei der Jahrespressekonferenz verkündet.

Kultursenator Klaus Lederer (Linke) zeigte am Mittwoch Verständnis für die Entscheidung von Öhman und dem daraus folgenden Schritt von Waltz. „Aber natürlich bin ich darüber traurig, denn die beiden haben den Tanz in Berlin regelrecht wachgerüttelt.“ Das Duo habe gezeigt, dass es nicht vermessen sei, „dass das Staatsballett mit seinen großartigen Tänzerinnen und Tänzern europaweit Maßstäbe setzt“. Lederer und sein kulturpolitisches Team hatten nach Amtsantritt im Dezember 2016 einiges zu tun, um die Wogen zu glätten. Die Berufung von Waltz und Öhman im September war noch unter Kulturstaatssekretär Tim Renner (SPD) erfolgt. Es folgte ein Aufschrei der klassischen Tänzer und dem Stammpublikum gegen Sasha Waltz, die man als zeitgenössische Choreographin zunächst ablehnte.

Unter Klaus Lederer erhielt das Staatsballett plötzlich deutlich mehr Planstellen, was ermöglichte, auch zeitgenössische Tänzer zu binden. Es war auch eine kluge Strategie, Johannes Öhman ein Jahr vorher als Intendanten antreten zu lassen, der in seiner ruhigen Art die Umstrukturierungen vorbereitete. Als Sasha Waltz vor fünf Monaten ihr Amt antrat, herrschte bereits geschäftiger Alltag, ja eine Aufbruchstimmung mit vielen neuen Tänzern.

Tänzer bekommen Mitsprache bei der Nachfolgersuche

„Es war uns dabei von Anfang an wichtig, über das bisherige Stammpublikum hinaus ein neues Publikum für den Tanz zu begeistern“, heißt es in einer Erklärung von Waltz und Öhman. „Entsprechend groß ist unsere Freude über die sehr positiven Auslastungszahlen in unserer Amtszeit, die seit Gründung des Staatsballetts Berlin im Jahre 2004 die höchste Resonanz widerspiegeln.“

Das Doppelteam klopft sich zum Abschied noch einmal kräftig auf die Schultern. „Wir haben den Auftrag als eine historisch wichtige Aufgabe verstanden, das Staatsballett als Institution in das 21. Jahrhundert zu überführen und gleichermaßen Tradition und Innovation als die beiden Stärken des Balletts miteinander zu verbinden.“ In der Kompagnie sorgt man sich schon darum, wie es in der nächsten Saison weiter geht. Lederer hat den Tänzern bereits mitteilen lassen, dass er bei der Nachfolgersuche ihre Mitsprache sucht.