Konzert in Berlin

Hatsune Miku in Berlin: Ein Hologramm als Superstar

Sie ist kein Mensch, und ihr Name bedeutet „Klang der Zukunft“: In der Verti Music Hall jubelten die Fans einem animierten Wesen zu

Bei den Konzerten sind nur bestimmte Leuchtstäbe zugelassen.

Bei den Konzerten sind nur bestimmte Leuchtstäbe zugelassen.

Foto: Aurelie Ladet / picture alliance/dpa

Wenn die Konzertbesuchermasse einen auffällig hohen Anteil neontürkiser Zopffrisuren aufweist, dann steht eine Show von Hatsune Miku bevor. Wie der Name vermuten lässt, kommt dieser Popstar aus Japan, wo verspielte Technikverliebtheit alltäglich ist. Hatsune Miku ist ein Produkt derselben. Nicht Mensch, sondern Hologramm. Eine Mangafigur, die zum Superstar wurde. Am Montagabend gab sie ein exklusives Deutschlandkonzert in der Verti Music Hall.

Hatsune Miku bedeutet in etwa „Klang der Zukunft“, was angesichts einer Softwarenatur nicht unpassend ist. Ursprünglich war sie als Gesicht einer Gesangssoftware entworfen worden. Die Figur wurde so beliebt, dass sie sich als Popstar quasi „selbstständig“ machte. Über Hunderttausend Songs haben Fans in aller Welt mit ihr erstellt, Youtube-Videos noch mehr. Das schrie förmlich nach professioneller Vermarktung.

Hatsune Mikus Fans sind nicht einmal blutjung

Das Phänomen Hatsune Miku gibt Feuilletonisten seitdem reichlich Anlass zu philosophischen Überlegungen über das Wesen und die Zukunft der Popmusik, den Rockstar im Zeitalter seiner digitalen Produzierbarkeit und die virtuelle Befriedigung menschlicher Sehnsüchte. Stoff für lange Essays, der eine Konzertkritik sprengen würde. Der konkrete Abend zunächst ist von der ausdauernden Feierlaune der jungen, nicht einmal blutjungen Fans geprägt.

Die sind zum pünktlichen Beginn in Sekundenbruchteilen von Null auf Hundert. Nicht nur hör-, sondern auch sichtbar. Typischer Weise ist man als Hatsune Miku-Fan nämlich mit zwei der offiziell erlaubten, fünfunddreißig Euro teuren Leuchtstäbe ausgerüstet. In jeder Hand einen, wird damit den gesamten Abend lang im Takt der Musik die Luft schräg über den eigenen Ohren durchpflügt.

Ein Ritual, das zum festen Bestandteil der Show gehört und für eine noch futuristischere Atmosphäre sorgt. Grün, gelb, blau, orange - welche der sieben möglichen Leuchtfarben jeweils eingeschaltet wird, gibt die Haarfarbe bzw. das Outfit in der Animation des jeweiligen Songs vor und das Publikum hält sich sklavisch daran. Offensichtlich ist das ein wichtiger Teil des Gemeinschaftserlebnisses.

Kulleraugen und Kniestrümpfe

Miku wird von einer exzellenten vierköpfigen Liveband begleitet, die größtenteils rockig-punkige Titel abfahren, nicht ohne einen handfesten, vor allem der leicht quäkigen Stimme geschuldeten Japan-Pop-Einschlag. Sie selbst erscheint auf einem unauffälligen transparenten Bildschirm in der Bühnenmitte. Miku hat natürlich einiges drauf, ist perfekt, Fehler praktisch ausgeschlossen. Mit ultrakurzen Röcken, großen Kulleraugen und langen, in Kniestrümpfen oder engen Stiefeln steckenden Beinen, bedient sie alle Sexyness-Klischees der Mangasorte.

Ob Moonwalk, Schuhplattler oder Kung Fu, japanisch, englisch oder spanisch, kurz- oder langhaarig - nichts ist unmöglich und alles geht auf Knopfdruck. Die perfekt auf die Musik abgestimmten Choreografien sind alles andere als eintönig. Nach einer erstaunlich kurzen Gewöhnungsphase schaut man Miku fasziniert zu. Und muss sich schließlich eingestehen, dass sie witziger ist, als manch ein abgearbeiteter Altrocker, zu dem sie nie werden kann.