Konzerthaus Berlin

Der paradoxe Pianist Víkingur Ólafsson

Klaviervirtuose Víkingur Ólafsson begeistert sein Publikum beim Soloabend im Konzerthaus Berlin mit kindlicher Spielfreude.

Vikingur Ólafsson im Konzerthaus

Vikingur Ólafsson im Konzerthaus

Foto: Markus Werner / Konzerthaus/Markus Werner

Der Isländer Víkingur Ólafsson ist ein paradoxer Pianist: Das Kleinformatige liebt er ebenso wie lange Klavierabende. Die typischen Zugaben-Stücke verlegt der 35-Jährige deshalb bereits ins Hauptprogramm. Und dies in einer solchen Fülle, dass bereits die erste Konzerthälfte 65 Minuten dauert. Oder auch mehr – man weiß es hinterher nicht so genau. Denn das Zeitgefühl verschwimmt an diesem Abend im Konzerthaus. Ähnlich wie auch das Gefühl für die Epochen: Debussy und Rameau gibt es im ständigen Wechsel, eigentlich eine Kombination aus Impressionismus und Spätbarock. Doch bei Ólafsson rücken diese zwei französischen Komponisten jetzt so dicht zusammen, dass beide wie elegante, filigrane Spätromantiker anmuten. Verbunden durch ätherische Pianissimo-Kultur, intensiven Pedalgenuss und zärtlich-intime Gesänge der rechten Hand.

Okay, es gibt auch Ausnahmen: Rameaus „La Poule“ (Das Huhn) zum Beispiel, ein Stückchen, das auch der Russe Grigory Sokolov gern spielt. Bei Ólafsson ist dieses Huhn nun ganz besonders gierig. Manisch-aggressiv pickt es nach jedem Korn – und hält dabei die wild gackernden Konkurrentinnen auf Abstand. Spätestens hier wird klar: Ólafsson ist keineswegs nur ein Pianist zum Zurücklehnen und Wohlfühlen. Gern schlüpft er auch mal in die Rolle des Vollblut-Exzentrikers. Aber bei Debussy und Rameau tut er es noch sehr sporadisch. Und das ist schade. Denn einerseits liegt gerade darin eine von Ólafssons Stärken. Und zum anderen fehlen beim Debussy-Rameau-Doppel dadurch auf Dauer die Kontraste und Überraschungen. So anregend es zunächst auch ist, Raritäten wie Debussys „Prélude“ aus der Kantate „La Damoiselle élue“ kennenzulernen oder auch Rameaus „Les Heures et les Arts“ aus der Oper „Les Boréades“ – irgendwann beginnt man als Hörer dann doch, die Gedanken schweifen zu lassen. Zumal bei Ólafsson alle Debussy-Rameau-Stücke quasi ineinander übergehen, ohne Pause und ohne Applaus. Wie ein unendlich ausgebreitetes Klangband.

Es ist eine Einladung, die Augen zu schließen und über Ólafssons bisherige Karriere nachzusinnen. Eine Karriere, die erst vor wenigen Jahren Fahrt aufgenommen hat – nicht zuletzt wegen seines faszinierend-fantasiereichen Bach-Spiels. In dieser Saison ist Ólafsson sogar „Artist in Residence“ des Konzerthauses und dadurch so präsent wie zurzeit kein anderer Pianist in der Hauptstadt.

Doch von Routine keine Spur, auch nicht bei diesem Solo-Abend: Beschwingt wirkt Ólafsson, erfüllt von kindlicher Freude, vor großem Publikum zu spielen. Und vermutlich ist es auch diese kindliche Freude, die ihn so viel jünger erscheinen lässt als Mitte Dreißig. Sympathisch auch, dass Ólafsson nach der Pause in Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ durchaus Nerven zeigt. Er präsentiert sich hier nicht als Super-Virtuose, der über eine unfehlbare Technik und unbegrenzte fortissimo-Reserven verfügt. Sondern als findiger Musiker, der seine Kräfte beim „Großen Tor zu Kiew“ und der „Hütte der Baba Yaga“ klug einsetzt, um die Spannung zu halten. Der den „Ochsenkarren“ zuvor auf genialisch-verschrobene Weise rumpeln lässt – und im Eifer des Gefechts so manche Pedalflut entfesselt.