Theater

Oliver Mommsen: „Ich habe keine Angst vorm Scheitern“

Der Berliner Schauspieler über künstliche Intelligenz, unsere Abhängigkeit von moderner Technik – und die Freiheit nach dem „Tatort“-Aus

Für ihn ist kein Theaterabend wie der andere: Oliver Mommsen im Foyer des Schillertheaters, wo er gerade „Ab jetzt“ von Alan Ayckbourne probt.

Für ihn ist kein Theaterabend wie der andere: Oliver Mommsen im Foyer des Schillertheaters, wo er gerade „Ab jetzt“ von Alan Ayckbourne probt.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Die Stimme klingt ein wenig kratzig. Oliver Mommsen steckt gerade mitten in Probearbeiten. Im Schiller Theater, dem derzeitigen Domizil der Komödie am Kurfürstendamm, hat am 26. Januar „Ab jetzt“ Premiere. Alan Ayckbourns Komödie spielt in ferner Zukunft und handelt von einem verkrachten Komponisten, der sich einen Hausroboter-Babysitter anschafft, um das Sorgerecht für seine Tochter zu erstreiten. Für Mommsen ein Heimspiel, war er hier doch schon in Stücken wie „Eine Sommernacht“, „Lieber schön“ oder „Die Tanzstunde“ zu sehen. Für letzteres hat der ...-Jährige 2019 den Publikumspreis Goldener Spatz erhalten. Sein Ausscheiden als „Tatort“-Kommissar bereut er dagegen nicht. Wir haben ihn nach der Probe im Foyer des Hauses gesprochen.

Berliner Morgenpost: Herr Mommsen, Sie klingen angeschlagen. Ist die Probenarbeit zu zermürbend?

Oliver Mommsen: Heute waren wir, was die Konzentration angeht, nur noch Brokkoli. Einfach matsche.

Als Martin Woelffer bei Jahres-Pressekonferenz „Ab jetzt“ angekündigt hat, sagte er selbst, welcher Druck da auf ihm laste. Weil er bei der deutschen Uraufführung 1989 der Regieassistent von Peter Zadek war?

Ich hatte Angst, dass das für Martin eine heikle Angelegenheit sein könnte. Sozusagen Zadek gegen Woelffer als „Hirnfick“. Auch Martin hatte wohl Muffensausen. Aber wir alle waren in den ersten Probetagen unheimlich erleichtert, weil wir einen ganz anderen Weg gehen. Anders geht es auch gar nicht. Sonst fängst du nur an, zu kopieren. Und wenn da Idole wie Susanne Lothar oder Otto Sander gespielt haben, denkt man sowieso, an die kommt man nie heran. Wir knüpfen aber insofern auch daran an, als wir Aufnahmen von der alten Inszenierung wiederaufnehmen. Auf diese Weise kann man sich auf alte Bekannte freuen.

Alle reden heute von Künstlicher Intelligenz, von „KI“. Ayckbourn hat das schon 1985 als Thema entdeckt. Ist „Ab jetzt“ das Stück zur Stunde?

Ayckbourn erzählte damals von mobilen Telefonen, Lokalisationsgeräten, automatischen Alarmanlagen. Das war wie Orwells „1984“. Wenn man das jetzt spielt, hat das einen doppelten Reiz. Zum einen zu sehen, wie sich 1985 einer das Jahr 2040 vorgestellt hat. Und zum anderen, wie viel davon jetzt schon Realität und Alltag für uns ist. Schauen wir uns doch um: Alle kleben an ihren Handys und Displays oder sprechen mit Siri. Zwei Drittel unserer Zeit verbringen wir mit künstlichen Intelligenzen. Wir sind bald ein aufgerechneter Algorithmus. Früher haben wir noch gegen Volkszählung demonstriert, heute geben wir unsere Daten preis. Wir sind alle längst gläsern.

Gibt es eine Grenze, die Sie nicht überschreiten würden? Oder würden Sie sich, wenn es sie schon gäbe, einen Haushaltsroboter anschaffen, der all die lästigen Alltagsverrichtungen übernehmen würde?

Ich bin erst mal allen technischen Neuerungen gegenüber aufgeschlossen. Und teste das neugierig aus. Klar, manches macht mir auch Angst. Neulich erzählte meine Tochter was von Coworking-Spaces. Am nächsten Tag bekam sie ein Angebot im Internet. Wer hört da mit? Wir haben vor sechs Jahren mal einen wirklich schlechten „Tatort“ über „KI“ gemacht. Da hätte man ein Riesenbudget oder eine Hammeridee gebraucht. Wir hatten nix davon. Aber wir hatten am Set virtuelle Brillen. Und einen Kollegen haben wir da verloren, weil der zu lang im virtuellen Raum war. Den musste man erst wieder zurückholen. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ich glaube, ich würde auch Haushaltsroboter ausprobieren. Die müssten dann allerdings auch Steuern zahlen.

Und Ihre Familie, würde die mitziehen?

Als wir vor zwei Jahren in der Familie über KI und Roboter sprachen, sagten gerade meine beiden Kinder, Lotte mit 15 und Oskar mit 20: Finger weg! Das kann richtig böse werden. Wir erfinden Maschinen, die uns das Leben einfacher machen. Und die errechnen sich dann irgendwann, dass wir überflüssig sind.

Haben Sie Ian McEwans Roman „Maschinen wie ich“ gelesen?

Bin ich gerade dabei. Ist ja genau das Thema. Ich kenne das aber schon von „Westworld“: Ein Vergnügungspark, wo gelangweilte Bankangestellte Cowboys erschießen dürfen. Und sich an den Robotern vergehen. Das ist ja auch die ethische Frage: wie man mit diesen Wesen umgehen würde. Und was das mit uns macht. Es ist ja jetzt schon so, dass viele Kinder Siri als Freund akzeptieren. Das geht so weit, dass Kinder, die Missbrauch erfahren, sich bei Siri Schutz suchen. Und was das aus uns macht.

Wie wichtig ist es, als Schauspieler soziale Medien zu bedienen. Muss man das heute bedienen, um präsent zu sein?

Wenn du einen Film drehst, kriegst du von der Produktionsfirma oder vom Sender ein Blatt in die Hand: über den Umgang mit sozialen Medien. Und dass die Fans das doch lieben: kleine Schnipsel vom Dreh, Grüße aus der Maske etc. Ich verstehe das. In Zeiten, als ich noch Off-Theater gemacht habe, haben wir auch jeden Strommast bekleistert, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Klappern gehört zum Handwerk. Ich bin auch von der Öffentlichkeit abhängig. Ich folge aber auf Instagram so gut wie keinem Kollegen mehr, weil ich es nicht mehr ertragen konnte, wie wir uns gegenseitig zeigen, wieviel wir arbeiten.

Ketzerische Frage: Wenn man als Schauspieler täglich auf der Bühne das Gleiche spielt, fühlt man sich da manchmal auch als Roboter, als Maschine?

Jede Vorstellung ist anders. Allein wenn ein Kollege an einer Stelle das Timing ändert, entsteht – zack – was anderes. Darin besteht für mich als Schauspieler ein Riesengenuss: in den Verabredungen wieder die Freiheit zu finden. Oder du hast eine Pointe, mit der du an einem Abend für einen Riesenlacher sorgst, und am nächsten lacht darüber kein Mensch. Ich denke dann immer: wann lerne ich endlich meinen Beruf? Aber da gibt es eben nichts zu lernen. Weil es jeden Abend neu ist. Und das ist der eigentliche Spaß des Berufs.

Gibt es womöglich auch diese Momente des schrecklichen Aussetzers, wo man ganz froh wäre, man könnte das wie ein Roboter speichern?

Die gibt es. Aber toi toi toi: Ich habe keine Angst vor öffentlichem Scheitern. Ich habe auf der Bühne schon zu viel verbockt. Aber wenn es dich aus der Kurve wirft, musst du halt improvisieren, und das kann auch sehr amüsant sein.

Gab es eigentlich schon Interviews, die nicht automatisch auf den „Tatort“ zu sprechen kamen?

Eine Frage bringt jeder unter.

Dann komme ich auch mit einer: Haben Sie Entzugserscheinungen oder war das vielleicht sogar ganz gut, nach 18 Jahren Schluss gemacht zu haben?

Es war höchste Zeit. Ich habe in der letzten Zeit so viel und bunt gedreht wie noch nie. Ich habe auch wieder einen Krimi gemacht, aber als Verdächtiger, nicht als Kommissar. Als wir die Szenen im Präsidium gedreht haben, war ich so froh, nicht mehr Bulle zu sein! Ich bin ja als Schauspieler nicht angetreten, um hauptberuflich Kriminalkommissar in Bremen zu werden. Ich kann mir zurzeit nicht mal Krimis angucken. Das langweilt mich. Ich habe erstmal genug ermittelt.

Können Sie eigentlich noch U-Bahn fahren, ohne angequatscht zu werden. Oder sind Sie dafür zu bekannt geworden?

Iwo. Das ging auch zu „Tatort“-Zeiten. Da wurde man montags vielleicht mal auf den Krimi von gestern angesprochen. Auch wenn es gar kein Fall aus Bremen war. Du wirst da mehr als Fachmann wahrgenommen. Aber nun ist Berlin überhaupt sehr entspannt, was das angeht. Und wenn ich mich nicht mehr in der U-Bahn bewegen kann, dann ist was falsch. Es gibt Tage, da habe ich Menschenkater. Aber selbst da läufst du in Seitenstraßen oder lässt einen Blick ins Leere laufen. Manchmal ist es auch ganz schön, wenn Leute dich erkennen.