Holocaust-Gedenken

Wannsee-Konferenz: „Aufklärung ist heute wichtiger denn je“

Am Montag ist der 78. Jahrestag der Wannsee-Konferenz. Am Sonntag eröffnet die Auschwitz-Überlebende Éva Fahidi dort eine Ausstellung.

Direktor Hans-Christian Jasch zeigt einige Exponate der neuen Ausstellung im Haus der Wannsee-Konferenz, die am Montag öffnet.

Direktor Hans-Christian Jasch zeigt einige Exponate der neuen Ausstellung im Haus der Wannsee-Konferenz, die am Montag öffnet.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Berlin. Kommenden Montag ist der 78. Jahrestag der Wannsee-Konferenz. Also jenem „Arbeitsgespräch mit anschließendem Frühstück“, wie es in der Einladung zum 20. Januar 1942 hieß, bei dem die „Endlösung der Judenfrage“ besprochen wurde. Ort des Geschehens war das Haus der Wannsee-Konferenz. Seit 1992 ist es eine Gedenk- und Bildungsstätte. Unter der Leitung des Direktors Hans-Christian Jasch und der stellvertretenden Direktorin Elke Gryglewski wurde hier in den letzten drei Jahren eine neue Dauerausstellung konzipiert: „Die Besprechung am Wannsee und der Mord an den europäischen Jüdinnen und Juden“. Ein Pilotprojekt, denn die barrierefreie Schau wurde gemeinsam mit Menschen mit Handicaps entwickelt.

Eröffnet wird die neue Ausstellung am Sonntag mit der Auschwitz-Überlebenden Éva Fahidi und Außenminister Heiko Maas (SPD). Danach wird es einen jüdisch-christlichen Gedenkgottesdienst in der nahen Andreaskirche geben.

Schon auf den ersten Blick ist alles anders. Wo früher Dokumente die Wände pflasterten, gibt es nun eine übersichtliche Auswahl von Texten und Fotos. „Wir haben das Haus insgesamt sichtbarer gemacht“, sagt Jasch. Statt nur die Wände zu bespielen, gibt es jetzt 30 Medienstationen und verschiedenfarbige Module. Die grünen erzählen die Geschichte des Hauses. Während die alte Schau den Holocaust in seiner Gänze aufgefächert hat, fokussiert sich die neue auf die Besprechung selbst. „In Berlin gibt es mittlerweile noch andere Orte des Holocaust-Gedenkens. Das war 1992 nicht so. Aber natürlich kann man die Besprechung nicht ohne Kontext erzählen“, erklärt Jasch.

Pro Jahr hat das Haus etwa 120.000 Besucher

Pro Jahr hat das Haus etwa 120.000 Besucher. Eigentlich sollte das taktile Bodenleitsystem für blinde Menschen bis zum Eingangstor an der Straße gehen. „Der Gartendenkmalschutz war dagegen“, sagt Hans-Christian Jasch. Auch die Türbreite ist nach wie vor nicht für elektrische Rollstühle geeignet. Lediglich für eine Tür gab es die Erlaubnis vom Denkmalschutz. Dafür haben die neuen Medienstationen Halter für Gehstöcke. Nicht nur Menschen mit Beeinträchtigung wird der Besuch erleichtert, sondern allen Besuchern. Vor allem inhaltlich.

„Die neue Ausstellung richtet sich nicht nur an ein deutsches und internationales Publikum, sondern auch an die Migrationgesellschaft. In Berlin gibt es viele Klassen mit diversen Schülern“, erklärt Jasch. Dem 47-Jährigen, der das Haus der Wannsee-Konferenz seit 2014 leitet, war es daher wichtig, erkennbar zu machen, dass Juden seinerzeit überall lebten. Auch in Bagdad, wie eine Animation zeigt. Für einen ersten Überblick sind jedem Raum Informationen in einfacher Sprache vorangestellt. Schließlich will man Berliner Schulklassen zurückgewinnen, denen die alte Ausstellung zu textlastig war. Allen anderen Besuchern ermöglicht man so einen nachhaltigen Eindruck in rund 30 bis 40 Minuten Verweildauer, wie sie etwa Busgruppen haben. Zur Vertiefung bieten viele Module Text- und Bildtafeln an, die man herausnehmen kann. Wer noch mehr wissen möchte, für den gibt es Hörstationen mit Tondokumenten, die von Iris Berben, Hanns Zischler und Boris Aljinovic eingesprochen wurden.

Die Schau beginnt niederschwellig mit einer Animation. Die zeigt, wie auf einer Schreibmaschine die Einladung zur Wannsee-Konferenz geschrieben wird. Fünfzehn hochrangige Vertreter von NSDAP, Besatzungsverwaltungen, Ministerien, SS und Polizei nahmen unter der Leitung von Reinhard Heydrich daran teil. Er war seit 1941 mit dem Mord an den Juden Europas beauftragt. Bei der Sitzung ging es um die Organisation und Umsetzung der Deportation, die Zusammenarbeit der Behörden. Denn es waren Schreibtischtäter, die den Genozid bis ins Kleinste planten. Über sechs Millionen Juden fielen dem systematischen Massenmord zum Opfer. Geplant waren sogar elf Millionen.

Endete die Schau früher im Jahr 1945, schlägt sie nun einen Bogen bis zur Gegenwart. Und anders als in der alten Ausstellung werden nunmehr statt Reproduktionen Faksimile genutzt. Sie wirken authentischer. Meist sind es Dokumente der Verfolger und Täter. An den roten Medienstationen erfährt man aber auch etwas über die Geschehnisse aus der Perspektive der Betroffenen und Opfer.

Im Holocaust-Raum offenbart sich ein Dilemma des Hauses. Er ist mit Folien abgedunkelt. Denn die strahlende Aussicht auf den Wannsee passt nicht zum düsteren, ernsten Thema. Die Villa erfreut sich bekanntlich einer idyllischen Lage. „Aber es ist ein Ort der Täter, die es sich hier gut gehen lassen und laut gefeiert haben. Das macht das Spannungsverhältnis des Hauses aus“, sagt Hans-Christian Jasch. Er glaubt, dass er in einer KZ-Gedenkstätte nicht arbeiten könnte. Es belastet, sich jeden Tag mit dem Holocaust auseinanderzusetzen. „Mich persönlich richtet es immer auf, dass man mit Bildungsarbeit etwas ausrichten kann“, gesteht Jasch. Aufklärung ist heute wichtiger denn je. Mit Blick auf die Deportationen, weiß er: „Das war nur möglich, weil viele Einzelne mitgemacht und sich wenige widersetzt haben.“

Gegen das Vergessen arbeiten er und das Haus weltweit

Gegen das Vergessen, gegen Antisemitismus und Rassismus arbeiten er und das Haus der Wannsee-Konferenz deutschland- und weltweit. So wird die Ausstellung „Verfolgen und Aufklären“ diesen Monat bei der Unesco in Paris, im Leipziger Rathaus und im UN-Gebäude in New York gezeigt.

Haus der Wannsee-Konferenz, Am Großen Wannsee 56-58, Heckeshorn, Tel. 805 00 10, Mo.- Fr. 10-18 Uhr, Sbd. So. 10-16 Uhr, www.ghwk.de