Geburtstag

Sir Simon Rattle: Geburtstagsständchen in der Barbican Hall

Mit Humor und Brillanz leitete Sir Simon Rattle die Berliner Philharmoniker und nun das London Symphony Orchestra. Nun wird er 65.

Sir Simon Rattle, ehemaliger Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, bei einem Konzert seines London Symphony Orchestra im Tate Modern Museum.

Sir Simon Rattle, ehemaliger Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, bei einem Konzert seines London Symphony Orchestra im Tate Modern Museum.

Foto: Doug Peters / dpa

Berlin/London.  Der britische Dirigent Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker galten als „Dream Team“ trotz der manchmal turbulenten Zusammenarbeit. Als Rattle 2018 – nach 16 Jahren – in seine Heimat zurückkehrte, um das London Symphony Orchestra zu übernehmen, versprachen sich die Briten davon frische Interpretationen, mutige Ideen und natürlich klingelnde Kassen. Am Sonntag feiert Simon Rattle seinen 65. Geburtstag mit dem Taktstock in der Hand: Das London Symphony Orchestra spielt Ludwig van Beethovens „Christus am Ölberge“ und Alban Bergs Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels“ in der Barbican Hall.

In Berlin galt Sir Simon – im Vergleich zu seinen unzugänglicheren Vorgängern Herbert von Karajan und Claudio Abbado – als der Dirigent zum Anfassen. Seine Offenheit wird jetzt auch in London als typisch Rattle wahrgenommen: Interessierte Besucher können dem Maestro schon bei der Probe am Vormittag über die Schulter schauen. Seit seinem ersten Posten als Dirigent setzt Rattle sich für Musikerziehung ein. Das Leben eines Orchesters im 21. Jahrhundert drehe sich nicht nur darum, „großartige Konzerte zu geben“, sagte er im „Guardian“-Webchat, sondern auch darum, „als Evangelisten für die Sache zu wirken“.

Sir Simon Rattle: In Birmingham verlieh er dem Orchester einen neuen Glanz

Der Liverpooler galt als Wunderkind am Dirigentenpult: Partituren las er in öffentlichen Bibliotheken, spielte Schlaginstrumente im National Youth Orchestra und gründete mit 14 Jahren seine eigene Band. Zwei Jahre später studierte er an der renommierten Royal Academy of Music und gewann mit 19 den Posten des Assistenzdirigenten bei einem internationalen Wettbewerb in Bournemouth.

1980 übernahm der 25-Jährige die Leitung des damals dahinsiechenden City of Birmingham Symphony Orchestra. Eine außergewöhnliche Ausgangssituation: „Wir konnten experimentieren und zusammen wachsen“, beschrieb Rattle dem „Telegraph“. „Wie die Übernahme eines wunderbaren Hauses, das nicht gepflegt wurde und viel Pflege und sozusagen Zahnseide brauchte.“ Rattle setzte sich für eine neue Konzerthalle ein, initiierte Musikprojekte für behinderte Kinder und junge Komponisten. Nach 18 Jahren hatte er dem ehemals provinziellen Orchester einen Platz auf der internationalen Bühne erkämpft.

Im Jahr 1994 war Rattle von Elizabeth II. in den Adelsstand als Knight Bachelor erhoben worden, seither führt er das Sir im Namen.

2002 beerbte Sir Simon Claudio Abbado bei den Berliner Philharmonikern. Eine Herausforderung, selbst für den Überflieger: Das Orchester gilt als eines der besten der Welt, und die Klassikliebhaber schauen auf jeden künstlerischen Schritt, den ein Chefdirigent macht. Berlin begrüßte Rattle mit der gleichen Komponisten-Kombination, mit der er sich von Birmingham verabschiedet hatte: seinem Favoriten Gustav Mahler und dem Briten Thomas Adès.

Das Publikum gewann er mit innovativen Programmen für sich, mit dem Orchester wagte er einen frischen Blick auf das Repertoire – freilich konnte er nicht alle überzeugen. Seine Interpretation vor allem der großen Werke des 19. Jahrhunderts passte einigen nicht, sie vernachlässige den einzigartigen Klang des Orchesters.

Doch sein Enthusiasmus sowie seine Fähigkeit, die musikalische Energie der Musiker zu fokussieren, überzeugte viele Zweifler. Der preisgekrönte Film „Rhythm Is It“ dokumentierte sein Bestreben, sozial benachteiligte Berliner Kinder und Jugendliche aus 25 Nationen mit klassischer Musik in einem Tanzprojekt vertraut zu machen. Sein Education-Programm „Zukunft@Bphil“ bei den Berliner Philharmonikern setzte Maßstäbe und wurde zum Vorbild vieler folgender Orchesterprojekte.

Sir Simon Rattle arbeitet in London und lebt weiterhin in Berlin

Während der Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele 2012 in London dirigierte Rattle das London Symphony Orchestra. Bereits 2013 gab Simon Rattle bekannt, dass er 2018, mit knapp 64 Jahren, die Berliner Philharmoniker verlassen werde. „Als Junge aus Liverpool ist es unmöglich, nicht an die Frage der Beatles zu denken: ‚Will you still need me … when I’m 64?’“, zitierte er den Beatles-Song „When I’m Sixty Four“. Er verabschiedete sich mit einer emotionalen Aufführung von Gustav Mahlers schicksalhafter Sechster Sinfonie und erhielt Ovationen. Seitdem leitet er die Londoner Symphoniker.

Das Gefühl, nach Großbritannien heimzukommen, sei natürlich wichtig, sagte er dem „Guardian“. Doch vor allem die Neugier und der Enthusiasmus des Orchesters hatten es ihm angetan, „ihre rhythmische Präzision und Flexibilität und Energie sind unglaublich.“ Der Wahl-Berliner verbringt mehrere Monate im Jahr in London – seine Familie lebt weiterhin in Berlin. In dritter Ehe hatte Rattle 2008 die tschechische Mezzosopranistin Magdalena Kožená geheiratet, sie haben zwei Söhne und eine Tochter.

Auch in London setzt er sich dafür ein, dem Symphonieorchester eine eigene Konzerthalle zu verschaffen. Seit den 80er-Jahren ist es im brutalistischen Barbican-Kulturzentrum zu Hause. Doch wie immer gehen Rattles Pläne weit über eine neue Halle hinaus: Er wolle „einen Ort schaffen, der ein Magnet für Menschen aller Altersgruppen ist, um über Musik zu lernen und von diesem hoffentlich unheilbaren Virus infiziert zu werden.“

Simon Rattle wird die Berliner Philharmoniker wieder im März dirigieren. Im ersten Programm ab 5. März wird Beethovens Oratorium „Christus am Ölberge“ erklingen, kombiniert mit Strauss’ Oboenkonzert D-Dur. Die Einstudierung des Rundfunkchors übernimmt sein alter Künstlerfreund Simon Halsey. Ab dem 12. März stehen dann Werke von Berio und Bartók auf Rattles Philharmoniker-Programm.