Festival

„Ultraschall Berlin“: Zwischen Avantgarde und Beliebigkeit

Mit Orchesterwerken von Sarah Nemtsov und Jörg Widmann startete das Neue-Musik-Festival „Ultraschall Berlin“ im Haus des Rundfunks.

Radikale Musik: Komponistin Sarah Nemtsov  mit Johannes Kalitzke und dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin.

Radikale Musik: Komponistin Sarah Nemtsov mit Johannes Kalitzke und dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin.

Foto: Deutschlandfunk / Simon Detel

Berlin.  „Ertrunken fallen gelassen“ ist die wörtliche Übersetzung von „dropped.drowned“, dem Orchesterstück der Berliner Komponistin Sarah Nemtsov (*1980), mit dem das Ultraschall-Festival dieses Jahr eröffnete. Den Titel entnahm sie einem Text der neuseeländischen Schriftstellerin Janet Frame, der sich mit dem Phänomen der Stille auseinandersetzt: „Die Menschen fürchten die Stille, weil sie transparent ist; wie klares Wasser, das jedes Hindernis offenbart – das Benutzte, die Toten, die Ertrunkenen, die Stille offenbart die abgeworfenen Worte und Gedanken, die hereingekommen sind, um ihren klaren Strom zu verdecken.“

Auch in Sarah Nemtsovs Stück gibt es keinen Platz für Stille, im Programmhefttext zu „dropped.drowned“ schreibt sie, dass sie selbst vielleicht die Stille fürchtet und bekennt, dass sie „oft mehr an dichten Texturen, polyphonen Strukturen interessiert“ sei. Die finden sich zuhauf in ihrem komplexen Orchesterwerk, das das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin in irisierender Farbigkeit unter dem präzisen Dirigat von Johannes Kalitzke zum Klingen bringt. Klanglich im Zentrum stehen ein präparierter Flügel und die Harfe, von diesen beiden Instrumenten ausgehend entwickeln sich Texturen im Orchester. Oft sind es geräuschhafte Klänge, bisweilen auch sehr zarte Glissandi oder einzelne Töne, die durch die Orchesterinstrumente wandern. Es ist eine radikale Musik, ohne Zugeständnisse an traditionelle Hörgewohnheiten, die gerade dadurch sehr erfrischend und befreiend wirkt.

Die Schwester geigte auf sehr hohem Niveau

Dies lässt sich über Jörg Widmanns zweites Violinkonzert allerdings nicht sagen. Zweifellos geigte die Schwester des Komponisten Carolin Widmann, der das Werk gewidmet ist, auf sehr hohem Niveau, und zu Beginn klingt das Stück auch recht vielversprechend. Widmann lässt hier die Töne des Soloinstruments allmählich aus einer Sphäre des Geräuschhaften heraus entstehen und verwendet dabei ungewöhnliche perkussive Spieltechniken.

Nach und nach fällt das Konzert jedoch immer mehr in eine traditionelle Klanglichkeit zurück, die nicht wirklich gebrochen oder in neue Zusammenhänge gestellt wird. In weiten Teilen besteht es aus einer Aneinanderreihung von virtuosen Klischees, die jeder Klassikliebhaber aus den Violinkonzerten der Spätromantik und der klassischen Moderne kennt. Die kompositorische Stringenz, die den Anfang des Werkes charakterisierte, weicht einer postmodernen Beliebigkeit: mal ein paar Takte à la Sibelius, dann ein paar Oktaven oder wie wäre es mit einigen Pizzicati? Solch ein Stück kommt bei einem konservativen Publikum gut an, hört es doch viele vertraute Klänge, hat jedoch mit origineller Musik wenig zu tun und passt nicht zu einem Festival, das sich zum Ziel gesetzt hat, neue Musik zu präsentieren.

Das Programm des Festivals mitsamt Aufführungsorten und -uhrzeiten findet sich unter ultraschallberlin.de.