Interview

Herbert Blomstedt: „Alle guten Musiker sind Suchende“

Herbert Blomstedt stand vor 44 Jahren erstmals am Pult der Berliner Philharmoniker. Jetzt dirigiert er Mozart und Bruckner.

Dirigent Herbert Blomstedt in der Berliner Philharmonie.

Dirigent Herbert Blomstedt in der Berliner Philharmonie.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Der schwedische Dirigent Herbert Blomstedt leitet die drei Konzerte der Berliner Philharmoniker von Donnerstag bis Sonnabend. Mozarts Klavierkonzert KV 482 mit Solist Leif Ove Andsnes und Bruckners Vierte, die „Romantische“, stehen auf dem Programm. Bemerkenswerterweise kommen wir im Gespräch gar nicht dazu, über einzelne Werke oder Interpretationen zu reden. Wer mit dem Altmeister spricht, kommt immer wieder auf existenzielle Dinge des Künstlerlebens zurück. Die Anmerkung, dass er mit 92 Jahren der Dienstälteste unter den aktiven großen Dirigenten sei, wischt er allerdings lächelnd beiseite.

Ein Blick ins Archiv zeigt, dass Sie jetzt Ihr 50. Konzert bei den Berliner Philharmonikern seit 1976 dirigieren werden.

Herbert Blomstedt: 1976? Ich glaube, da haben wir etwas Skandinavisches gespielt. Ich müsste nachschauen. Besser habe ich die Ablehnung in Erinnerung, die dem Konzert vorausging. Ich war zehn Jahre vorher eingeladen worden, aber die Generalprobe fiel auf einen Sonnabend. Ich antwortete, am Sabbat könnte ich nicht proben. Intendant Wolfgang Stresemann schrieb mir einen netten, aber klaren Brief zurück. Wenn ich glaube, die Philharmoniker könnten ihre Zeit nach meinen Wünschen arrangieren, haben wir leider nicht viel gemeinsam. Danach gab es eine lange Pause.

In den USA sind Sie 1927 als Sohn einer Konzertpianistin und eines Pastors der Siebenten-Tags-Adventisten geboren worden. Sie haben zeitlebens den Sabbat eingehalten. Hat das Ihrer Laufbahn geschadet oder vielleicht sogar geholfen?

Wenn ich zurückschaue, dann hat es mir geholfen, weil es mich zurückgehalten hat, nicht an jedem Tag zu arbeiten. Ich bin ein Studiomat, der immer das Gefühl hat, noch mehr lernen zu müssen. Aber ich hatte zu Beginn ein schweres Erlebnis mit Igor Markevitch in Salzburg. Ich war Student in seiner Klasse, und er hatte mir angeboten, im Abschlusskonzert Bachs 5. Brandenburgisches Konzert zu dirigieren. Aber die Generalprobe war am Sabbat. Über meine Absage war mein Mentor sehr erbost. Er meinte, ich könnte das doch mit meinen Priester regeln und mal eine Ausnahme machen. Er dachte offenbar, man kann den Glauben wie ein Kleid ab- und anlegen. Aber er hat mit dem Orchester gesprochen, und das hat tatsächlich die Probe auf den Sonntag verlegt. Als er mir die Verschiebung mitteilte, meinte er, die Musiker seien bessere Christen als ich. Weil sie helfen wollen, während ich nur stur bin. Das hat mir sehr weh getan. Aber 30 Jahre später hatte er es sich anders überlegt. Er sagte zu mir: Halte fest an deinem Sabbat – er hat dich gerettet. Er meinte, ich hätte mich sonst zu Tode gearbeitet. Er war selbst am Ende.

Im Beethoven-Jubiläumsjahr wird jetzt auch darüber diskutiert, wie der seinerzeit beginnende bürgerliche Konzertbetrieb den Gottesdienst der Kirchen übernommen hat. Sind Konzerte heutzutage so etwas wie Andachten?

In der historischen Rückschau ist da etwas dran, aber das klassische Konzert hat es nicht bewusst darauf angelegt. In der Praxis hat die Religion westlicher Prägung viel an Kraft verloren, aber der Bedarf des normalen Menschen nach geistiger Beschäftigung ist nicht verschwunden. Wir suchen alle etwas Festes, etwas Größeres in unserem Leben. Wir wissen vielleicht nicht, was das genau ist, einige nennen es Gott, andere Schicksal oder Humanismus. Wenn die Kirche nicht mehr so attraktiv ist, dann bekommen andere geistige Beschäftigungen wie die mit den Künsten oder mit der Natur den Vorrang. Für die Musik ist das gut, weil es eine geistige Beschäftigung ist. Alle guten Musiker, die ich kenne, sind Suchende, auch wenn sie im strengen Sinne nicht religiös sind, nicht in die Kirche oder Synagoge gehen. Aber sie suchen etwas Außermenschliches, und das ist etwas Religiöses.

An welche Künstler denken Sie zuerst?

Sogar Dmitri Schostakowitsch war ein sehr geistiger Mensch, auch wenn er fast pathologisch nervös war und ich den Sarkasmus in seinen Kompositionen nie verstanden habe. Aber auch er glaubte, dass es etwas Höheres als den Menschen gibt. Das würde ein Marxist nicht sagen, weil für ihn der Mensch das Größte ist. Es ist zutiefst menschlich zu hoffen, dass nach Kriegen, Naturkatastrophen oder allem Leid in Diktaturen etwas Gerechteres folgen muss. Das ist der Glaube an etwas Größeres.

Vier Chefdirigenten haben Sie seit 1976 bei den Berliner Philharmonikern erlebt. Wie war ihr Verhältnis zueinander?

Herbert von Karajan habe ich oft in Salzburg und auf Reisen gehört, aber kein Wort mit ihm gewechselt. Mit Claudio Abbado saß ich in Luzern einmal am selben Tisch, aber ich hatte keine persönliche Bindung zu ihm. Kirill Petrenko habe ich noch nicht getroffen, aber Simon Rattle bin ich vor langem schon begegnet. Ich kam als Gastdirigent nach Los Angeles, wo er noch ein junges Talent war. Aber er war damals schon typisch Simon Rattle. Eigentlich hat man sehr wenig Kontakt mit Kollegen, weil alle mit sich selbst beschäftigt sind.

Sie sind auch permanent in der Welt unterwegs?

Im Sommer habe ich versucht, mir ein paar Wochen Zeit zu nehmen. Ich habe aber mal gezählt, wie oft ich in Luzern zuhause bin. Es sind acht Wochen im Jahr. Meine Frau ist bereits vor 17 Jahren gestorben. Jetzt komme ich wegen der Bücher, Noten und Rechnungen nach Hause. Es ist eigentlich nur noch, um private Dinge zu erledigen. Ich bin überall zuhause und fühle mich sehr wohl dabei.

Die Philharmoniker kennen Sie seit 44 Jahren. Hat sich am Orchester irgendetwas verändert?

Die Philharmoniker sind immer die Philharmoniker gewesen. Sie sind sehr selbstbewusst und sehr kooperativ, wenn man mit ihnen auf demselben Niveau verkehrt. Wenn man ein junger Dirigent ist, können sie wahrscheinlich sehr reserviert sein, weil sie sich schnell langweilen, wenn sie nicht gefordert werden. So ist es eben, wenn man regelmäßig die besten Dirigenten am Pult zu stehen hat.

Dirigent zu sein ist gut, um alt zu werden, haben Sie einmal gesagt, weil man ständig neue Herausforderungen hat. Sie sind Vegetarier, trinken keinen Alkohol, halten den Sabbat ein.

Ja ja, über das Alter und neue Musik lässt es sich immer gut unterhalten. Aber ich habe kein Rezept. Ich denke oft an meinen drei Jahre älteren Bruder, der ein Vorbild für mich war. Er war ein sozialer Mensch, völlig uneitel und ging wunderbar mit seiner Familie um. Ich dagegen war eingekerkert in meine Welt voller Noten, und das normale Menschsein fiel mir schwerer. Er war Arzt und hatte alle Krankheiten der Welt. Obwohl wir dieselben Gene haben. Einmal im Jahr hat er eine Generaluntersuchung bei mir gemacht. Einmal sagte er zu mir: Du bist unverschämt gesund. Das Alter verstehe ich als ein Geschenk.