Film-Interview

August Diehl: „Ich habe immer Manschetten“

August Diehl im Spagat: Der Schauspieler gibt sein spätes Theaterdebüt in Berlin. Und muss zugleich für einen Hollywood-Film werben.

August Diehl im Foyer des Berliner Ensembles. Hier hat am 16. Januar „Drei Mal Leben mit ihm Premiere.

August Diehl im Foyer des Berliner Ensembles. Hier hat am 16. Januar „Drei Mal Leben mit ihm Premiere.

Foto: David Heerde

Berlin. Ein Bild mit Seltenheitswert: August Diehl posiert im Foyer der Berliner Ensemble für den Fotografen. Der Schauspieler ist zwar gebürtiger Berliner, hat aber seit seinem Abschluss an der Ernst Busch Schauspielschule in der Stadt nie regulär Theater gespielt. Wer ihn auf der Bühne erleben wollte, musste dafür ins Wiener Burgtheater. Das wird nun anders: Am 16. Januar hat „Drei Mal Leben“ mit ihm am Schiffbauerdamm Premiere. Eigentlich nehmen ihn die Proben stark in Anspruch. Daneben muss der 44-Jährige aber auch noch seinen Film „Ein verborgenes Leben“ promoten, den er mit Hollywoods kultisch verehrtem Regisseur Terrence Malick gedreht hat.

Berliner Morgenpost: Man mag es kaum glauben. Ist „Drei Mal Leben“ wirklich das erste Stück, dass Sie seit Ihrer Schauspielausbildung in Berlin spielen?

August Diehl: Ja, tatsächlich. Es gab Gastspiele mit Produktionen aus Hamburg und Wien. Aber es ist das erste Mal, seit ich Theater mache, dass ich hier in Berlin probe und spielen werde.

Warum hat sich das nie ergeben? Hat keiner gefragt, oder fanden Sie die Trennung zwischen Beruf und Privatleben auch ganz gut?

Ich gebe zu: Es gibt momentan nichts Schöneres, als in Berlin zu proben. Auch wegen meiner Kinder: Ich bringe sie morgens zur Schule, radle zum Theater und hole sie danach wieder ab. Ich habe aber nie darüber nachgedacht, wo ich lieber hätte spielen wollen. Das Burgtheater ist das größte Geschenk, das es gibt. Aber viel wichtiger als der Ort, wo man spielt, sind die Leute, mit denen man arbeitet. Ich hatte das große Glück, von Anfang an meiner Theaterlaufbahn mit unglaublichen Koryphäen zu arbeiten, von denen ich wahnsinnig gelernt habe: Zadek, Grüber, Bondy, die ja leider alle nicht mehr da sind. Ich hatte auch viel mit älteren Schauspielern zu tun: Ignatz Kirchner, Gert Voss, Urs Hefti. die auch alle nicht mehr sind. Irgendwie scheint es da logisch, dass ich nicht mehr in Wien bin, außerdem redet Martin Kušej...

… der neue Intendant der Burg...

…. nicht mit mir, obwohl ich eine lange Geschichte hatte an der Burg. Es gibt derzeit keine einzige Anfrage, ich bin wohl auch nicht der Einzige.

Ist „Drei Mal Leben“ jetzt eine einmalige Produktion, oder könnten Sie künftig öfter auf Berliner Bühnen zu erleben sein?

Ich würde wahnsinnig gern öfter in Berlin spielen. Oliver Reese hat mich hier mit großer Gastfreundschaft aufgenommen. Intendanten, mit denen man gut klar kommt, das hat man ja nicht immer. Und ich liebe Theater. Aber ich glaube, ich brauche in den nächsten zwei Jahren mal eine Pause. Weil das so schwer in Einklang zu bringen ist mit dem Drehen. Mein Leben lang mache ich den Spagat zwischen Theater und Film, den mache ich auch gern weiter. Aber mit „Ein verborgenes Leben“ tut sich gerade noch mal ein ganz neues Kapitel auf. Ich brauche mal eine Art von Entspannung, um mich ganz auf eine Sache zu konzentrieren.

Das Stück hat jetzt nur zwei Wochen vor dem Filmstart am 30. Januar Premiere. Ist das doppelt Stress?

Ich kenn’ das kaum anders. Das war schon so bei meinem allerersten Stück. „Gesäubert“ kam in Hamburg eine Woche vor meinem ersten Film „23“ heraus. Es gibt Zeiten, da habe ich manchmal fast ein halbes Jahr gar nichts zu tun. Und dann ballt sich wieder alles auf einmal. Leider kann man sich das nicht aussuchen.

Filmregisseur Terrence Malick umweht die Aura des Genies. Dabei gilt er als Phantom, der nie in die Öffentlichkeit tritt. Sie haben ihn bei den Dreharbeiten erlebt. Wie ist der Mann ganz real, im Alltag?

Bei allen großen Künstlern gibt es eine Unbedingtheit, dass es schon danach gehen muss, was sie wollen. Aber Terry bringt sein ganzes Team dazu, dass alle den Film machen, nicht nur er allein. Er fragte immer, was man selbst beitragen möchte. Ganz viele Szenen waren nicht intendiert, die entstanden erst beim Dreh, durch uns. Es heißt ja immer, der Fisch stinkt vom Kopf her. Und es ist schon so, wie der Kopf einer Produktion ist, so werden alle. Wenn da ein Guter, Leiser und Bescheidener ist, zieht sich das durch die gesamte Crew. Dann ist da kein Arschloch mehr. Das können nur große Meister. Das ist ein unglaubliches Geschenk, das ich so noch nicht hatte. Danach ist es allerdings schwer, wieder in konventionelle Dreharbeiten zurückzukehren.

Hat man Schiss, wenn man mit jemandem arbeitet, der kultisch verehrt wird? Oder haben Sie schon mit so vielen Größen gearbeitet, dass Sie da ganz cool bleiben?

Ich habe immer Manschetten! Vor jedem Regisseur. Wenn einer einen großen Namen hat, potenziert sich das, das kann ich nicht leugnen. Bei Tarantino war das auch so. Aber das Irre ist: In dem Moment, wo du die Arbeit angehst, vergisst du das. Das kommt erst danach wieder, dass man sich zwicken muss: Du hast mit Tarantino, mit Malick gedreht? Bei Terry hörte die Arbeit allerdings gar nicht mehr auf. Wir haben den Film im September 2016 gedreht, aber er schneidet ja ewig, da war ein ständiger Austausch. Er wollte auch immer neue Voice-Over-Texte gesprochen haben. Ich habe noch nie so viel in einem Studio gesessen wie für diesen Film.

Der Film, der in Cannes Premiere hatte, handelt von dem Österreicher Franz Jägerstätter, der im Krieg den „Eid auf den Führer“ verweigerte und dafür hingerichtet wurde. Hatten Sie je von dieser realen Geschichte gehört?

Nein, erst durch Terry. In Deutschland war das gar nicht bekannt. Auch in Österreich kaum. Mit Jägerstätter hat man sich lange gar nicht befasst, bevor er sehr spät rehabilitiert und dann sogar selig gesprochen wurde. In den USA ist die Geschichte viel bekannter. Sogar Muhammad Ali hat Jägerstätter zitiert, als er den Kriegsdienst verweigert hat.

Jägerstätter folgte seinem Gewissen. Ist das auch ein Vorbild für die heutige Zeit? Sollten wir alle mehr Haltung zeigen, für unsere Werte einstehen?

Wenn man so einen Film dreht, bewegt man sich in der konkreten Geschichte und denkt darüber nicht nach. Aber wenn ich jetzt den fertigen Film sehe, erscheint mir genau das seine Stärke. Jägerstätter war kein Widerstandskämpfer, kein Scholl, kein Gandhi. Aber er folgte seinem Gewissen und sagte Nein. Und dieses sanfte, klare Nein ist etwas, was die Welt aus den Angeln hebt. Das geht in unserer Gesellschaft ja immer mehr verloren: dass man auch mal eine andere Meinung hat. Und die klar vertritt. Insofern ist der Film schon sehr aktuell.

Haben Sie den Kriegsdienst verweigert?

Interessant, dass Sie fragen. Ja, habe ich. Mit derselben Begründung wie Jägerstätter: dass ich nicht töten werde. Natürlich überlegt man, wenn man so einen Film dreht, immerzu, wie man wohl selber gehandelt hätte. Aber das weiß man immer erst, wenn man selbst in einer solchen Extremsituation ist. Auch das Nein von Jägerstätter wurde vermutlich erst so stark durch die Reaktionen der anderen und den Konflikt, in dem er war. In großen Krisen, das erlebt man ja selbst oft im Leben, wird man wahnsinnig wach.

Deutsche spielen in internationalen Produktionen meist den Nazi. Sie haben das auch wiederholt getan. War das schön, mal das Gegenteil spielen zu dürfen?

Ich weiß, die Außenwirkung ist eine andere, aber die wenigen Nazis, die ich gespielt habe, fallen bei mir gar nicht so ins Gewicht. Ich weiß auch nicht, warum Terry Jägerstätter mit einem Deutschen besetzt hat. Wir haben nie darüber geredet. Aber ein Hollywoodstar hätte das nicht spielen dürfen. Weil die öffentliche Wahrnehmung auf das Thema getrübt worden wäre. Wenn du das mit nicht so bekannten Gesichtern drehst – und machen wir uns nichts vor, in den USA bin ich nicht bekannt –, dann rückt die Geschichte stärker in den Vordergrund.

Am Montag werden die Oscar-Nominierungen bekannt gegeben. Müssen Sie sich dafür rüsten? Können Sie derzeit überhaupt darüber nachdenken?

Na klar, da da ist eine Riesenmaschinerie im Gang, schon seit langem. Für die Produktionsfirma in Los Angeles ist das eine Riesenkatastrophe, dass ich jetzt Theater spiele. Die haben mich völlig entgeistert angeguckt: Machst du Witze? So krass war der Spagat zwischen Film und Bühne noch nie. Ich probe, dann gebe ich Interviews für den Film. Das geht dauernd hin und her. Ich würde gern mal eintauchen in den Probenprozess, das ist aber gerade sehr schwierig.

Könnte dieser Film noch mal, ganz anders als Inglourious Basterds“, Türen öffnen für eine internationale Karriere?

Ruhm und Geld, das sind angenehme Nebeneffekte. Aber wenn es wirklich irgendeinen Vorteil von Erfolg gibt, dann ist es die Möglichkeit, mit Leuten zu arbeiten, mit denen man sonst nie zusammenkommen würde. Das ist der eigentliche Gewinn: der menschliche. Und ja: Darauf habe ich Lust. Das ist ja der Grund, warum man das alles macht. Ich wäre blöd zu sagen, ich bin zufrieden mit dem, was ich mache. Nein, niemals.