Verfolgung

Deutsche Oper: Erinnerung an jüdische Orchesterkollegen

Weltweite Recherche: Solo-Pauker Benedikt Leithner hat sich mit der Geschichte der Deutschen Oper Berlin in der Nazizeit befasst.

Das Orchester des Charlottenburger Opernhauses im Gründungsjahr 1912. Chefdirigent Ignatz Waghalter und sein Bruder, der Konzertmeister Wladyslaw Waghalter, gehören als jüdische Musiker dazu.

Das Orchester des Charlottenburger Opernhauses im Gründungsjahr 1912. Chefdirigent Ignatz Waghalter und sein Bruder, der Konzertmeister Wladyslaw Waghalter, gehören als jüdische Musiker dazu.

Foto: Deutsche Oper Berlin

Berlin. In Charlottenburg war das Deutsche Opernhaus 1911/12 nach Plänen Heinrich Seelings gebaut worden. Es war der bürgerliche Gegenentwurf zur höfischen Hofoper Unter den Linden. Mit Beethovens „Fidelio“ wurde die Charlottenburger Oper am 7. November 1912 unter Leitung von Ignatz Waghalter eröffnet. Das Orchesterfoto (siehe oben) entstand im Monat zuvor bei einer Probe. Chefdirigent Ignatz Waghalter und sein Bruder, der Konzertmeister Wladyslaw Waghalter, gehörten als jüdische Musiker ganz selbstverständlich dazu. 1933, gut 20 Jahre später, kamen die Nazis an die Macht, und einer ihrer ersten Schritte im Opernhaus war es, die jüdischen Künstler zu vertreiben. Dieser Geschichte ist Solo-Pauker Benedikt Leithner nachgegangen.

Es gibt eine Liste von allen Musikern seit Operngründung

Unter dem Titel „Wider das Vergessen“ veranstaltet die Deutsche Oper am kommen Montag, 13. Januar, in der Tischlerei ein Gedenkkonzert für vier jüdische Orchestermusiker, die damals vertrieben oder ermordet wurden. Im Programm wird an den Geiger und Konzertmeister Wladyslaw Waghalter, den Geiger Max Rosenthal, den Bratscher Werner Lywen und den Cellisten Hans Kraus erinnert. Solo-Pauker Benedikt Leithner, Jahrgang 1977 und seit 2002 zum Opernorchester gehörend, wird in das Konzert einführen.

„Ich war schon immer geschichtlich interessiert“, sagt Benedikt Leithner, der selbst keinen jüdischen Familienhintergrund hat. „Ich habe festgestellt, wie schnell man im Internet Namen von deportierten Musikern finden kann. Es gibt bei uns am Haus eine Liste von allen Orchestermusikern seit Gründung der Oper. Ich habe einfach die Namen verglichen. Mehr als ein Jahr lang habe ich in Archiven recherchiert, um die Wege meiner Kollegen nachzuzeichnen.“

Mit der rassistischen Musikpolitik des Nationalsozialismus hatte sich auch der Hamburger Historiker Hannes Heer vor anderthalb Jahrzehnten in einer Ausstellungsreihe „Verstummte Stimmen“ befasst. Darin ging es vorrangig um Sänger und die braunen Machtstrukturen an Opernhäusern. An der Staatsoper gab es seiner Recherche nach bereits frühzeitig eine kleine SA-Betriebsgruppe, die eine „Judenliste“ erstellt hatte – für die Zeit nach der Machtübernahme.

An der Deutschen Oper nähert sich Benedikt Leithner dem Thema jetzt sehr empathisch aus Kollegensicht an. Er hat immer auch künstlerische Zusammenhänge im Blick und ist ein typischer Rechercheur des Internetzeitalters. „1933 gab es insgesamt acht jüdische Orchestermusiker“, sagt der Solo-Pauker. „Vier von ihnen ist das Konzert am Montag gewidmet, im nächsten Jahr folgt ein weiteres. Darüber hinaus bin ich bei meinen Recherchen bislang auf zehn weitere jüdische Künstler – Dirigenten, Sänger und drei Tänzerinnen – gestoßen.“

Was auffällt: Alle acht Orchestermusiker waren Streicher: vier Geiger, zwei Bratscher und zwei Cellisten. Es erinnert daran, wie aus den Schtetl-Fiedlern ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die größten Geigenvirtuosen und Starcellisten der Klassikwelt hervorgingen. „Wladyslaw Waghalter muss ein toller Geiger gewesen sein, bereits 1905 hatte er den Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Preis gewonnen“, erzählt Leithner. „Der Konzertmeister war auch als Solist sehr aktiv. Er war schon 1912 bei der Eröffnungsvorstellung des Deutschen Opernhauses dabei, hatte ein Streichquartett gegründet, das ,Waghalter-Quartett’, in dem Hans Kraus als Cellist mitwirkte.“

Die aus Warschau stammenden Waghalters waren seinerzeit eine Musikerdynastie. Vom entlassenen Konzertmeister weiß Leithner aus einem Briefwechsel noch, dass er große Sorgen hatte, seine Familie zu versorgen. Mit der neuen Intendanz der Deutschen Oper und Goebbels Propagandaministerium musste er über die Höhe seiner Ruhegeldbezüge streiten. Anfangs wurde ihm noch erlaubt, an besonderen Abenden nach seiner Entlassung für jüdisches Publikum zu spielen.

Drei der acht Orchestermusiker haben nicht überlebt, weiß Leithner. „Zwei wurden deportiert. Wladyslaw Waghalter soll 1940 in Berlin einen Herzinfarkt erlitten haben, als er seine Vorladung erhielt. So wird es in der Familie erzählt. Seine Frau und eine Tochter sind später deportiert und in Auschwitz ermordet worden. Vier weitere Musiker sind emigriert, bei einem bin ich noch auf der Spurensuche.“

Die tragischste Geschichte sei die von Max Rosenthal, der mit seiner Frau und seiner zehnjährigen Tochter nach Minsk deportiert wurde, sagt Leithner. „Alle drei wurden in Minsk umgebracht. Für diese Geschichte war das Tagebuch eines Mitdeportierten sehr wichtig, der über seine Begegnung mit Max Rosenthal geschrieben hat.“

Es sei überraschend, wie viele Dokumente zu finden sind, meint Leithner. „Relativ spät bin ich auf die Internetseite wernerlywen.com gestoßen, wo die Tochter sein Leben dargestellt hat. Ich war auch überrascht, dass es noch Personalakten gibt. Darüber hinaus finden sich Zeitungsartikel über die damaligen Konzerte. Man muss wissen, wo man sucht.“ Im Konzert wird Schauspielerin Margarita Broich Originaltexte lesen, darunter sind etwa eine Zeitungskritik über ein Konzert oder ein Brief, in dem Werner Lywen den Intendanten um Versetzung von der Bratschengruppe zu den 1. Violinen bittet.

Fürs Gedenkkonzert hat Benedikt Leithner versucht, Werke zu finden, die irgendeine Verbindung zu seinen früheren Kollegen haben. Für Wladyslaw Waghalter wird eine Sonate gespielt, die sein Bruder Ignatz für ihn komponiert hatte. Für Max Rosenthal steht ein Sextett von Erwin Schulhoff im Programm, ein jüdischer Komponist, der ebenfalls in einem KZ umgebracht wurde. Für Hans Kraus erklingt ein Haydn-Quartett, das Kraus damals mit dem „Waghalter-Quartett“ aufgeführt hatte. Für Werner Lywen, der nach seiner Emigration in die USA im Umfeld von Leonard Bernstein oder Igor Strawinsky auftaucht, stehen drei Tänze aus Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“ auf dem Programm. Familienmitglieder von Waghalter und Lywen werden beim Konzert dabei sein.

Deutsche Oper (Tischlerei), Richard-Wagner-Str./Ecke Zillestr. Am 13.1., 20 Uhr. Tel. 34384343.