Gespräch

Pläne für ein jüdisches Theaterschiff

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Volker Blech
Komponist Max Doehlemann und Kulturmanager Peter Sauerbaum (r.) auf der Weidendammer Brücke mit Blick auf das Berliner Ensemble.

Komponist Max Doehlemann und Kulturmanager Peter Sauerbaum (r.) auf der Weidendammer Brücke mit Blick auf das Berliner Ensemble.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Kulturmanager Peter Sauerbaum und Komponist Max Doehlemann lassen das Lastschiff Goldberg in einen Ort der Begegnungen umbauen

Wer an der Spree steht und vorbeifahrende Schiffe beobachtet, sollte vielleicht mal darauf achten, ob er das Motorschiff Goldberg entdeckt. Noch transportiert es Güter durchs Land, aber ab Frühjahr 2021 sollen es Theater- und Konzertbesucher sein. Bereits im Mai kommt das Lastschiff in eine Werft, erhält Bühnenaufbauten, einen Zuschauerraum für 190 Leute, ein kleines Restaurant nebst Garderobe und verwandelt sich in das Jüdische Theaterschiff „Die Bühne“. Das Ganze ist ein Projekt des Berliner Vereins „Discover Jewish Europe e.V.“, der sich für Aufklärung und gegen Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit engagiert.

„Mit dem Theaterschiff wollen wir einen Ort schaffen, an dem sich Menschen in einer angenehmen und fröhlichen Atmosphäre begegnen können“, sagt Vereinsvorsitzender Peter Sauerbaum. „Dort sollen Gespräche und Diskurse rund um die jüdische Kultur entstehen. Wir werden uns auch sehr stark mit Educationprojekten beschäftigen.“ Der Name des Kulturmanagers Peter Sauerbaum steht dafür, dass das Projekt seriös und kein Geisterschiff ist. Als Geschäftsführer oder Intendant hat Sauerbaum die größten Berliner Kulturinstitutionen geleitet, darunter die Staatsoper, die Deutsche Oper, das Deutsche Theater und das Jüdische Museum. Er hatte das Berliner Ensemble in die privatrechtliche GmbH überführt.

In Städten anlegen, wo es früher jüdische Gemeinden gab

Beiläufig wird Sauerbaum im Gespräch sagen, dass er das Theaterschiff gerne an der Weidendammer Brücke anlegen lassen würde. Das ist in Blickweite des Berliner Ensembles. Eine frühere Produktion des Theaters, Lessings „Die Juden“ von George Tabori, wollen die neuen Schiffsbetreiber wiederbeleben. Die Schauspieler von damals sind mit dabei, die Regie rekonstruiert Hermann Beil. Ansonsten soll sich das Theaterschiff in der Anfangszeit „vornehmlich auf der Havel, der Spree, der Dahme und auf der Oder tummeln. Dann soll die Elbe folgen“. Sauerbaum leitet seit 2018 den Choriner Musiksommer, auch das nahe gelegene Eberswalde hat er als Anlegeort im Blick. „Wir wollen künftig auch dort anlegen, wo es früher in den Städten und Dörfern jüdische Gemeinden gab.“ Dort gibt es ein großes Interesse an jüdischen Themen und der eigenen Vergangenheit.

Aber noch hat sich das Kulturprojekt mit Problemen rund ums Schiff und dem geltenden Schifffahrtsrecht auseinander zu setzen. Die MS Goldberg, Baujahr 1964, ist 67 Meter lang und 8,20 Meter breit. „Wir haben die Möglichkeit, in den Frachtraum einen Theatersaal mit Höhe von vier Metern einzubauen“, sagt Sauerbaum. „Wir haben gelernt, dass in Brandenburg die Durchfahrtshöhe für Brücken nicht mehr als 4,20 Meter betragen darf.“ Der Berliner Komponist und Pianist Max Doehlemann, der mit Klassik, Jazz und jüdischer Musik erfolgreich unterwegs ist, verweist auf einen anderen Kompromiss. „Entweder ist das Theaterschiff ein Fahrgastschiff, was aber immense Kosten beim Umbau wegen der Sicherheitsauflagen verursacht hätte, oder es ist eine schwimmende Anlage. In dem Fall darf man aber während der Fahrt nicht spielen. Wir machen diese Konzession und werden nur an den Stellplätzen spielen.“

Theaterbühne, Biergarten und ein Club für junge Leute

Der Heimathafen soll in Berlin sein, im Moment sind die Reinbeckhallen, das Kunst- und Kulturzentrum in Oberschöneweide, im Gespräch. Das Schiff wird gemeinsam mit einer Berliner Fahrgastreederei betrieben, eine Frage der Professionalität. Auf dem Stahldeck ist für die Sommermonate ein Biergarten vorgesehen. Überhaupt wolle man Publikumswünsche erfüllen, betont Doehlemann. Er hat auch die Leute zwischen 20 und 30 Jahren im Blick. „Die Clubs in Berlin haben ja zunehmend Schwierigkeiten mit Räumlichkeiten“, sagt er und verweist darauf, dass viele DJs aus Tel Aviv in Berlin anzutreffen sind. Daraus lässt sich etwas machen.

Das Theaterschiff wird von Kooperationen leben. Von der Kammeroper Schloss Rheinsberg soll beispielsweise die Produktion „Brundibar und Coco Schumann“, die dort am 1. August im Schlosstheater uraufgeführt wird, übernommen werden. Weitere Kooperationspartner sind das Louis Lewandowski Chorfestival, das Jüdische Theater Warschau oder das Jiddische Theater in Bukarest. Pläne gibt es bereits reichlich. Auch Vermietungen sind vorgesehen, ob für Betriebsausflüge, jüdische Hochzeiten oder Bar-Mitzwa-Feiern.

Denn zuletzt muss sich das Projekt auch rechnen. Das Schiff kostet 200.000 Euro, die Umbauten noch einmal 900.000 Euro. „Ich laufe mit einem Hut quer durch die Republik“, sagt Sauerbaum. Er wirkt zuversichtlich, einige Großspenden aus der Industrie für das Kulturprojekt mit dem aufklärerischen Anspruch sind beachtlich.