Neujahrskonzert

Andrej Hermlin swingt mit seinen Kindern

Bei dem Konzert in der Philharmonie stehlen Rachel und David Hermlin ihrem Vater die Schau.

Andrej Hermlin mit seinen Kindern David und Tochter Rachel.

Andrej Hermlin mit seinen Kindern David und Tochter Rachel.

Foto: Sergej Glanze

Das Swing Dance Orchestra des Berliner Jazzmusikers Andrej Hermlin gibt es schon lange – nicht so lange jedoch den nennenswerten Zuwachs, welcher der Band nun bei seinem Neujahrskonzert in der Philharmonie einheizt: Bereits im vergangenen Jahr, damals im Konzerthaus, trat Hermlins Tochter Rachel mit einem eigenen Lied vor das Mikrofon – in diesem Jahr stiehlt die mittlerweile 16-Jährige gemeinsam mit ihrem kaum älteren Bruder David dem stolzen Vater die Schau.

Zwei Jugendliche, die in dieser unerhörten Freiheit singen, musizieren und tanzen, können kaum auf diesen Swing-Stil von klein auf „abgerichtet“ worden sein – und doch fügen sich die Auftritte der beiden optisch dermaßen in das gut austarierte musikalische 30er-Jahre-Ambiente der Big Band ein, dass sie mehr denn je zu sich selbst und ihrem selbstgewählten Stil findet.

Kinder von Andrej Hermlin überblenden fast die unglaublich guten Jazzmusiker

Weil die Stepp- und Musiknummern der beiden Hermlin-Kinder in ihrem künstlerischen Reichtum und ihrer Eleganz fast das Orchester überblenden, sei zuerst gesagt: Hier spielen unglaublich gute Jazzmusiker. Jeder Trompeter, jeder Saxophonist kommt in seinem jeweiligen, an verschiedenen Stellen ertönenden Solo mit eigenen musikalischen Vorstellungen von Stil, Klang und Form des Swing und der entsprechenden Ära. Sie alle, auch die Posaunen und Saxophone, Schlagzeuger und schließlich Andrej Hermlin am Klavier selbst, eint das Gefühl für das Swingen, wie es nur aus einer Steifheit der Konvention einer historischen Gesellschaft herauswachsen und zu einem – in unserer ach so lockeren heutigen Zeit – bemerkenswerten Ereignis werden kann.

Deshalb ist die historische Konzertgarderobe so wichtig, die weiten Tuchhosen für die Herren der 1930er- und 1940er-Jahre etwa. Rachel Hermlin ihrerseits ist in der Lieblingsmusik ihres Vaters, des Bandleaders, mittlerweile schon so zu Hause, dass sie den Abend gleich mal angeschrägt und doch völlig stilsicher mit einem verswingten schottischen Volkslied zu eröffnen in der Lage ist. Bewundernswert ist ihre abgehangene und entspannte voluminöse Gesangsstimme, mindestens ebenso wie die bereits bekannten, doch im Timing perfektionierten Steppeinlagen ihres Bruders David, die folgen.

Als stilechte Vocalgroup der 1930er-Jahre sorgen die Skylarks für die leise, elegante Note in diesem Konzert. Fast noch mehr Eindruck macht David Hermlin bei einem mit dem gewissen Kick und doch einfühlsamer Musikalität gespielten Schlagzeug-Solo in kleiner Besetzung – es ist eine ganz junge Generation von hochprofessionellen Unterhaltungsmusikern, die historische Stile aufzusaugen und gleichermaßen ohne Abstriche der eigenen Persönlichkeit anzuverwandeln in der Lage sind.