Interview

Daniel Barenboim: „Beethoven war eine starke Persönlichkeit“

Voller Bewunderung für Beethovens inneres Ohr: Daniel Barenboim hat sich ein Leben lang mit dem Wiener Klassiker beschäftigt.

"Beethovens Musik ist ein Kosmos", sagt Daniel Barenboim

"Beethovens Musik ist ein Kosmos", sagt Daniel Barenboim

Foto: Michael Kappeler/dpa

Berlin. Beethoven gehört zu seinem Musikerleben. Der in Buenos Aires geborene Daniel Barenboim hatte bereits als pianistisches Wunderkind die Klavierwerke des Wiener Klassikers rauf und runter gespielt, später hat er als Dirigent das sinfonische Werk und mehrfach auch Beethovens einzige Oper „Fidelio“ geleitet. Im beginnenden Jubiläumsjahr, in dem Ludwig van Beethovens 250. Geburtstag gefeiert wird, ist der 77-jährige Starkünstler wieder in Sachen Beethoven unterwegs. Bei den Berliner Philharmonikern spielt er das dritte Klavierkonzert vom 9. bis 11 Januar unter Leitung von Kirill Petrenko. Bei den Festtagen seiner Staatsoper im April wird Barenboim alle neun Sinfonien dirigieren.

Herr Barenboim, Beethoven ist weltweit zum Synonym für Klassik geworden. Warum nicht Mozart, Haydn oder auch Schubert und Brahms?

Daniel Barenboim Mozart oder Schubert konnten es nicht sein, weil sie im 19. Jahrhundert überhaupt nicht populär waren. Mozart wurde lange Zeit nur als Rokokokavalier betrachtet. Aber Beethoven hat etwas sehr Tiefes und Großes. Das hat Generation für Generation angesprochen. Ich mag den Begriff Interpretationsgeschichte nicht, weil große Komponisten keinen Dolmetscher brauchen. Die Vereinten Nationen brauchen Dolmetscher, weil in verschiedensten Sprache gesprochen wird. Musik ist eine universelle Sprache, die weder den Deutschen, Russen oder Italienern gehört.

Aber es gibt doch Traditionslinien in der Gestaltung?

Beethoven war eine starke Persönlichkeit, was die Leute so unterschiedlich inspiriert hat. Ich nenne einmal vier große Dirigenten aus der Vergangenheit. Furtwängler, Toscanini, Bruno Walter und Klemperer haben vier unterschiedliche Beethoven-Einspielungen hinterlassen. Als ich „Fidelio“ Anfang der 80er-Jahre erstmals konzertant in Paris dirigierte, hatte ich kurz zuvor Aufnahmen mit dem Berliner Sänger Dietrich Fischer-Dieskau gemacht. Wir sprachen viel über Beethoven und „Fidelio“. Er sagte den wunderbaren Satz: Du musst dich entscheiden, ob du die Musik hart und diszipliniert wie Toscanini oder wie Furtwängler humanistisch haben willst. Ein bisschen von dem und von dem mischen, das geht nicht.

Zum Abschluss des Beethoven-Jubiläums werden Sie am 17. Dezember 2020 die neunte Sinfonie mit Ihrem West-Eastern Divan Orchestra aufführen. Was sagen Ihre jungen Musiker aus Israel und arabischen Ländern zur Ode an die Freude, die ja seit 1972 offizielle Hymne der Europäischen Union ist?

Genau deshalb werden wir für die Aufführung einen Jugendchor gründen, dem Sänger aus allen europäischen Ländern angehören sollen. Mit den Musikern des Diwans habe ich mich wenig über Europa unterhalten, aber alle wissen, dass ich ein großer Befürworter des europäischen Gedankens bin. Als Mitterrand und Kohl ihre Europa-Idee entwickelten, war es aber nicht nur ökonomisch, sondern auch kulturell gedacht. Inzwischen geht es nur noch um Geld. Das ist traurig, weil der europäische Kontinent durch die Kultur beschrieben wird. Kein anderer Kontinent hat der Welt so viel Kultur gegeben, gerade auch mit der klassischen Musik. Man darf nicht vergessen, das wichtigste an Kultur ist ja nicht, dass man weiß, dass Goethe ein großer deutscher Dichter oder Dostojewski ein großer Russe war, sondern dass Kultur Neugier aufeinander weckt. Viele junge Leute haben heute weniger Neugier, weil sie glauben, dass man mit einem Fingerdruck im Internet alles erfahren kann. Aber man darf Information nicht mit Bildung verwechseln. Die Beschäftigung mit unbekannten Dingen ist das wichtigste: Neugier ist Kultur.

Beethoven war und ist natürlich nicht bei allen populär, selbst in Ihrer eigenen Familie?

Ja, meine Großmutter.

Warum eigentlich?

Das hatte ich sie immer wieder gefragt. Sie sagte nur, ich solle das lassen. Aber sie war sehr glücklich, wenn ich Mozart spielte.

Der Klaviervirtuose Artur Rubinstein hatte großen Einfluss auf Sie, nicht nur als künstlerischer Mentor, oder weil er Ihnen die erste Zigarre gab…

…und den ersten Wodka. Er kam regelmäßig nach Buenos Aires, weil Europa für Künstler während des Krieges zu war. Er besuchte oft meine Eltern, auch, als meine Mutter mit mir schwanger war. Ich habe ihm als Junge oft vorgespielt. Rubinstein war der erste, der mich als 12-Jährigen zu sich nach Haus zum Mittagessen eingeladen hat ohne meine Eltern. Später war er auch mein erster Solist.

Als Dirigent haben Sie mit ihm Beethovens Klavierkonzerte eingespielt. Hat er irgendwie Ihr Beethoven-Bild beeinflusst?

Rubinstein war keiner, der Musik viel analysiert hat. Er hatte einen scharfen Instinkt für die verschiedenen Stile. Ich habe unsere Aufnahme seit Jahren nicht mehr gehört, aber er hat mich damals zu hundert Prozent überzeugt.

Mit Beethoven muss man ringen, haben Sie einmal gesagt. Was ist die Faszination daran?

Beethovens Musik ist ein Kosmos. Bei Wagner sind vor allem die Opernhandlungen ein Kosmos, aber bei Beethoven funktioniert es ohne Text. Man spürt immer die Kraft, die für die Schöpfung notwendig war. Als aufführender Musiker muss man immer bei 1000 Grad spielen, zugleich haben seine Werke eine klassische Struktur. Es ist immer ein Zusammenspiel von Emotion und Intellekt.

Beethoven wird oft als Titan bezeichnet.

Was nur eine Seite von ihm ist.

Das Jubiläum wird sich in Deutschland auch mit seiner Bonner Kindheit und Jugendzeit beschäftigen, die von einem strengen Vater geprägt war, der mit Gewalt ein Wunderkind am Klavier präsentieren wollte. Wenn Sie alles, was Sie über Beethoven wissen und aus seinen Werken herausgehört haben, zusammenfassen würden: Wie war er für ein Charakter?

Beethovens Musik kann man nicht nach seiner Biografie spielen. Seine zweite Sinfonie ist so voller Heiterkeit, zugleich entstand das „Heiligenstädter Testament“, worin er über Selbstmord nachdachte. Es geht nicht zusammen. Beethoven muss einen unglaublichen Mut gehabt haben. Ein Komponist, der in einem gewissen Alter taub wird und trotzdem weiter komponiert. Er hat nur mit seinem inneren Ohr weiter gelebt. Über diese Themen habe ich auch mit dem Neurowissenschaftler Antonio Damasio diskutiert, demnach ist das Ohr das intelligenteste Organ des Körpers. Erinnern wir uns einmal zurück an die Zeit, als es noch kein Handy gab. Jemand wollte einem eine Telefonnummer geben, aber man hatte nichts zum Aufschreiben. Dann hat der andere seine Nummer mehrfach mündlich genannt, man hat sie drei, viermal wiederholt und war sich sicher, dass man sich an die Nummer erinnern würde. Es ist ein Zeichen von Intelligenz. Inzwischen leben wir in einer visuellen Welt, die vor allem das Auge bedient.

Beethovens „Fidelio“ wird gern in der Nachfolge der französischen Revolutionsopern gesehen, der Komponist war zeitweilig ein Fan von Napoleon, bis der die Macht an sich riss. Wie französisch ist Beethovens Musik?

Das ist nur ein Aspekt. Als Beethoven geboren wurde, war Deutsch seine Muttersprache. Mit dem Klang ist er aufgewachsen, und der hat unbewusst seine Musik beeinflusst. Wir vergessen gern, dass Komponisten mal Kinder waren, eine Mutter hatten, die mit ihnen sprach und Lieder vorsang. Andererseits erinnere ich mich an ein Gastspiel der Kinshasa Symphony in Berlin vor einigen Jahren. Ich habe zufällig ein Interview mit einem Orchestermusiker gehört, worin er gefragt wurde, ob es nicht seltsam wäre, wenn er unseren Beethoven spiele? Der junge Musiker aus dem Kongo wies das zurück, weil es doch nur ein biografischer Unfall gewesen sei, dass Beethoven in Deutschland geboren wurde. Beethoven ist universell. Ich fand die Antwort toll.

Als Beethovens schwierigstes Werk wird immer die Hammerklaviersonate genannt.

Und die Missa solemnis.

Beethoven konnte seine 29. Klaviersonate op. 106 selber gar nicht spielen, weil die von ihm vorgeschriebenen Metronomzahlen ein superschnelles Tempo fordern.

Keiner sollte Sklave einer Metronomzahl sein. Sie ist nur eine Idee, und die meisten Angaben sind zu schnell. Man vergisst, dass die Komponisten die Metronomzahlen aufschreiben, ohne den Klang zu hören und ohne sein Gewicht zu spüren. Ich hatte die Notations von Pierre Boulez uraufgeführt, die ersten vier in Paris und die Nummer 7 in Chicago. Der Komponist war dabei. Ich habe ihn vor der ersten Probe gefragt, ob die Metronomzahl stimme? Er sagte, dass wisse er nicht, ich solle es probieren. Am Ende dirigierte ich halb so schnell. Ich fragte nach, wie er, der Komponist und Dirigent zugleich ist, auf seine Zahl kam? Boulez antwortete lächelnd: Wenn ich komponiere, koche ich mit Wasser, wenn ich dirigiere, koche ich mit Feuer.

Sie haben zeitlebens sehr viel Beethoven gespielt und dirigiert. Ist er Ihr Lieblingskomponist?

Auf diese Frage sage ich immer, dass ich es mir nicht erlauben kann, einen Lieblingskomponisten zu wählen. Wenn ich abends Brahms oder Bartok aufführe, können die Leute ja nur denken, das klingt jetzt nicht so leidenschaftlich wie sein Beethoven. Eigentlich bin ich sehr glücklich darüber, dass ich Fähigkeit besitze, ein Stück, das ich gerade spiele, als mein Lieblingsstück zu empfinden. Wenn ich das Gefühl nicht bekomme, spiele ich das Stück danach auch nicht wieder.

Ihr Sohn Michael Barenboim ist Geiger. Haben Sie unterschiedliche Sichtweisen auf Beethoven?

In Details vielleicht. Er hat im Sommer beim Divan Orchester das Violinkonzert gespielt. Aber wir spielen nicht sehr oft gemeinsam, weil ich möchte, dass er seinen eigenen Weg geht und nicht engagiert wird, weil er mein Sohn ist. Ich habe ihm immer gesagt, er solle seine Karriere mit seinem Vornamen machen. Über Beethoven haben wir uns nie gestritten.