Friedrich-Luft-Preis

Das sind die besten Inszenierungen des Jahres

Die Jury hat entschieden: Die nominierten Stücke für den Friedrich-Luft-Preis des Jahres 2019 stehen fest.

Herbert Fritsch gelang an der Schaubühne mit Molières Doppelgänger-Komödie „Amphitryon“ ein Riesenspaß.

Herbert Fritsch gelang an der Schaubühne mit Molières Doppelgänger-Komödie „Amphitryon“ ein Riesenspaß.

Foto: Thomas Aurin

Berlin.  Neun Inszenierungen hat die Jury aus dem Theaterjahr 2019 für den Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost nominiert. Die meisten Stücke sind aktuell noch zu sehen. Über den finalen Gewinner des Theaterpreises wird die Jury Ende Februar entscheiden. Hier sind die Nominierten im Überblick:

„Der Menschenfeind“ (Regie: Anne Lenk), Deutsches Theater

Wie sie flattern und gurren, all die höfischen Gockel, die die schöne Célimène umschwärmen. Sie ist das Kraftzentrum von Anne Lenks intelligenter und geradliniger Molière-Inszenierung. Nicht der bei Ulrich Matthes eher grüblerisch veranlagte Menschenfeind Alceste, sondern Franziska Machens‘ lässige Salonlöwin Célimène bestimmt hier die Regeln. In einem rundum mit elastischen Seilen bespannten Guckkasten lässt sie die Galane ein- und auslaufen, führt sie am Ring durch die Manege ihrer Eitelkeiten. So klar und gegenwärtig schwingen in dieser schnörkellosen, konzentrierten Inszenierung die gereimten Verse, dass man kaum glauben mag, dass diese Story schon mehr als 350 Jahre alt ist.

Deutsches Theater, Schumannstr. 13a. Nächste Termine: 27.1., 19.2., 21.2.

„Die Anderen“ (Regie: Anne-Cécile Vandalem), Schaubühne

Einen echten Grusel-Thriller sieht man im Theater ja eher selten. Regisseurin Anne-Cécile Vandalem beweist, dass Theater sehr wohl schaurig sein kann sowie gleichzeitig wunderbar grotesk und unterhaltsam. Ihr tragikomisches Schauerstück spielt in einem abgelegenen Dorf, dessen Bewohner ein dunkles Geheimnis teilen. Im hyperrealistischen Bühnensetting, das Vandalem auch für live produzierte Filmsequenzen nutzt, sorgen Dauerregen, ein heruntergekommenes Hotel und allerlei ausgestopftes Getier für eine erdrückende Tristesse. Ein handwerklich und atmosphärisch glänzend inszenierter Theater-Thriller im Kammerspiel-Modus mit einem starken Ensemble, aus dem Jule Böwe als daueralkoholisierte nölige Hotelbetreiberin besonders heraussticht.

Schaubühne am Lehniner Platz, Charlottenburg. Nächste Termine: 24.1. bis 27.1.

„Oder: Du verdienst deinen Krieg (Eight Soldiers Moonsick)“ (Regie: Sasha Marianna Salzmann), Gorki Studio

Acht Frauen proben in einem Militärcamp den Ernstfall, bereiten sich vor auf den Einsatz, den Krieg. Sie reden und sie träumen davon, nachts auf ihren rostigen Bettgestellen mit den dünnen Matratzen. Die israelische Autorin Sivan Ben Yishai verdichtet die Wachträume und Erinnerungen dieser Frauen zu einem vielstimmigen, drängenden Text, auf dessen sprachliche Wucht Regisseurin Sasha Marianna Salzmann uneingeschränkt vertraut. Aus einer losen Verknüpfung von Stimmen, Körpern und Sound entstehen dabei auf der Bühne Assoziationsfelder, die sich im Kopf der Zuschauer zu Schlachtfeldern formen.

Gorki Studio, Hinter dem Gießhaus 2. Nächster Termin: 18.2.

„Ein Bericht für eine Akademie“ (Regie: Oliver Frljić), Maxim Gorki Theater

Jeany ist der Star des Abends. Vielleicht, weil die (echte!) Paviandame so herrlich ungerührt bleibt von all den grotesken Bemühungen der Menschen und nur ist, was sie nun mal ist: ein Affe. Ganz im Gegensatz zu Rotpeter, gespielt von Jonas Dassler. Rotpeter war auch mal ein Affe, hat sich aber durch harte Selbstdressur perfekt in die bürgerliche menschliche Gesellschaft assimiliert. Von dieser Menschwerdung berichtet Franz Kafka in seiner Erzählung „Ein Bericht für eine Akademie“, aus der Regisseur Oliver Frljić zentrale Motive aufgreift. Es geht um Zurichtung, Ausgrenzung und Anpassung und den Preis, der dafür zu zahlen ist. Frljić legt Fährten in die Vergangenheit und die Gegenwart, er inszeniert das Äffische im Menschen als großes Schauspielfest. Nur Jeany knabbert weiter unaufgeregt Bananen, als sie am Schluss im goldenen Käfig sitzt, der die Form des Berliner Reichstages hat.

Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Mitte. Nächste Termine: 24.1. und 28.2.

„Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt“ (Regie: René Pollesch, Fabian Hinrichs), Friedrichstadt-Palast

Was für eine Aufregung, als bekannt wurde, dass Regisseur René Pollesch gemeinsam mit Schauspieler Fabian Hinrichs Berlins großen Amüsiertempel, den Friedrichstadt-Palast, entern würde. Passt das zusammen, der Diskurstheatermacher im auf Perfektion getrimmten Revue-Revier? Ganz hervorragend sogar, weil Pollesch und Hinrichs sich diesen Ort in einer liebevoll ironischen Umarmung aneignen, weil sie seine Möglichkeiten nutzen, ohne ihnen zu verfallen, und weil die verhandelten Themen Einsamkeit, Vereinzelung, Verlorenheit auf dieser weltgrößten Bühne eine besondere Dimension bekommen. Fabian Hinrichs ist in seiner verstolperten schlaksigen Unaufgeregtheit die denkbar beste Besetzung dafür, begleitet wird er von 27 Tanzfachkräften der palasteigenen Compagnie.

Friedrichstadt-Palast, Friedrichstraße 107, Mitte. Nächste Termine: 15.1., 29.1., 2.2.

„Amphitryon“ (Regie: Herbert Fritsch), Schaubühne

Den Göttern steht der Sinn nach Schabernack, und da ist einer wie Herbert Fritsch natürlich sofort dabei: An der Schaubühne inszenierte er Molières Doppelgänger-Komödie „Amphitryon“, in der Götter die Identität von Menschen annehmen, was diese in eine handfeste Identitätskrise stürzt. Bei Fritsch ist die knallbunt und irre unterhaltsam, denn weil eh keiner mehr weiß, wer er ist, schlittern seine virtuosen Sprach- und Körperakrobaten (darunter auch Schaubühnen-Neuzugang Joachim Meyerhoff) in ihren pseudo-barocken Fantasie-Kostümen durch allerlei Genres und Tonlagen, verziehen die Münder, verbiegen die Körper. Und zelebrieren ihre Komik als die perfekte Tarnung für ihre Verwirrung. Ein Riesenspaß.

Schaubühne am Lehniner Platz. Nächste Termine: 7.2., 8.2., 9.2.

„Aurora“ (Regie: Adrian Figueroa), Hebbel am Ufer

Ein Leben im Rausch, was heißt das? Für seine Arbeit „Aurora“ sprach Regisseur Adrian Figueroa mit Drogenkonsumenten und den Menschen um sie herum, mit ihren Angehörigen, mit Therapeuten. Diese Gespräche verdichtete er zu einem 70-minütigen dokumentarisch grundierten Theaterabend. Auf der Bühne dreht sich ein mehrgeschossiges gläsernes Gebäude, aus dem fünfköpfigen Ensemble treten Einzelne hervor, verbinden sich in ihren Fragen, ihren Erfahrungen temporär, vereinzeln wieder. Dazu eine Video- und Musikregie, die Delirium, Traum, Lüge zu einem atmosphärisches Grundrauschen mixt. Adrian Figueroa ist hier ein vielschichtiger Abend über Abhängigkeiten gelungen, der ebenso ernüchternd wie berauschend ist.

Derzeit sind keine weiteren Termine angekündigt.

„Lear“ und „Die Politiker“ (Regie: Sebastian Hartmann), Deutsches Theater

König Lear ist alt, krank, verwirrt. Dem Grafen Gloucester ergeht es nicht besser. Zwei alte Männer werden in Sebastian Hartmanns „Lear“-Inszenierung in zwei Klinikbetten herumgeschoben, vollgequatscht und durchgerüttelt. Vom Shakespearschen Original ist Hartmanns Version weit entfernt, er ist kein linearer Erzähler, sondern entwickelt den Konflikt, der hier vor allem Anklage der jüngeren Generation ist, aus lose miteinander verbundenen Szenensplittern, in denen man sich treiben lassen muss. Das grandios Reizvolle dieses Abends liegt im Kontrast des ersten mäandernden Teils zum furios konzentrierten Schlussmonolog von Cordelia Wege. Fast eine halbe Stunde lang haut sie an der Rampe den irren Text „Die Politiker“ von Wolfram Lotz heraus, rhythmisch, in einem rasenden Tempo und doch jede sprachliche Nuance mitnehmend und beschert uns damit die wahrscheinlich schönsten 30 Theaterminuten des Jahres.

Deutsches Theater, Schumannstraße 13a. Nächster Termin: 22.2.

„Legende“ (Regie: Stefan Pucher), Volksbühne

Ronald M. Schernikaus ausufernder 1000-Seiten-Roman „Legende“ erschien 1999. Ein Buch biblischen Ausmaßes, zweispaltig gedruckt, die Verse sind nummeriert. Götter gibt’s auch, die auf die Erde zurückkehren, genauer auf die Insel West-Berlin, um sie zu bessern. Es ist eine Geschichte auch mit tagespolitischer Brisanz, die Regisseur Stefan Pucher hier auf die Bühne bringt. Er macht einen Roman erlebbar, der lange nicht zu bekommen war. Immer wieder strahlt Schernikaus Sprache, glitzern Fragmente, leuchten als Aphorismen hell auf. Und machen Lust auf diesen Autor, dieses Buch.

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte. Nächste Termine: 12.1., 25.1., 8.2.

Der Friedrich-Luft-Preis

Die Berliner Morgenpost vergibt den Friedrich-Luft-Preis für die beste Regie seit 1992. Er erinnert an den Berliner Feuilletonisten und Theaterkritiker Friedrich Luft (1911–1990). Die Jury besteht aus acht Mitgliedern: Ernst Elitz (Gründungsintendant des Deutschlandradios), Jürgen Flimm (Regisseur und ehemaliger Intendant der Staatsoper), Lucy Fricke (Schriftstellerin), Martina Gedeck und Claudia Wiedemer (Schauspielerinnen), Katrin Pauly (Theaterkritikerin), Morgenpost-Redakteur Stefan Kirschner und Morgenpost-Kulturchef Felix Müller. Die Entscheidung wird Ende Februar bekannt gegeben, die Verleihung findet im Frühjahr statt.