Deutsches Theater

Die neue Pollesch-Sause ist ein echtes Schauspielerfest

René Pollesch ist mit seinem Stück „Donna“ am Deutschen Theater - und es gerät gewohnt gut, klug, witzig und ironisch.

Im Stück „Donna“ von René Pollesch stehen auf der Bühne (v.li.): Jeremy Mockridge, Judith Hofmann, Milan Peschel, Martin Wuttke und Bernd Moss.

Im Stück „Donna“ von René Pollesch stehen auf der Bühne (v.li.): Jeremy Mockridge, Judith Hofmann, Milan Peschel, Martin Wuttke und Bernd Moss.

Foto: ARNO DECLAIR

Berlin. Treffen sich drei Autos. Wer ist schuld am Unfall? Das Gelbe, das Rote, das Blaue? Plötzlich klappen sich die Pappgefährte auf wie seltsame Mischwesen. Darunter stecken Martin Wuttke, Milan Peschel und Jeremy Mockridge. Sie wirken, als hätten sie sich auf dem Weg zu „Starlight Express“ oder einer Kindergarten-Show eher zufällig ins Deutsche Theater verirrt, diskutieren aber völlig ernsthaft: Ein Unfall sei doch schön, weil für Autos die einzige Form des Kontakts.

Noch schöner Wuttkes Pointe: „Ich bin kein Performer, ich bin ein Transformer!“ Transformer? Das ist die als Kinderspielzeug und im Kino ziemlich erfolgreiche Kreuzung aus Actionheld und Technik, Cyborgs, die sich rasend schnell in Trucks oder Rennwagen verwandeln können. Womit wir schon beim Titel dieser neuen Pollesch-Sause „(Life On Earth Can Be Sweet) Donna“ am Deutschen Theater wären. Denn mit „Donna“ ist die amerikanische Denkerin und Cyborg-Expertin Donna Harraway gemeint. In ihren Büchern zeigt sie, dass der Mensch nicht Zentrum der Welt, sondern sowohl in Bezug auf Technik als auch auf andere Lebewesen Teil eines Netzwerks ist, das er gerade gründlich versaut. Dabei mischt sie Fiktionen mit Fakten und lässt offene Enden, an die sich anknüpfen lässt.

Klingt wie die Stücke von René Pollesch. Auch in „Donna“ gehen die Themen und Formate wild durcheinander. Im Zentrum steht Bertolt Brechts „Straßenszene“, mit der Brecht 1938 das Epische Theater erklärt: Das sei, als wenn ein Passant einem Polizisten einen Unfall schildert. Den Rest muss sich das Publikum vorstellen. Also: mitdenken.

René Pollesch, der ungekrönte Theaterkönig Berlins

Mitdenken muss man auch bei Pollesch. Und mitlachen. Pollesch ist ja gerade so etwas wie der ungekrönte Theaterkönig Berlins. Als Volksbühnen-Chef im Wartestand (2021 geht’s los) wirkt er, als wolle er austesten, was in Berlin so geht. Am Deutschen Theater produziert er jetzt ähnlich in Serie, wie er es früher an Frank Castorfs Volksbühne tat. Die knapp 2000 Plätze im Friedrichstadtpalast füllt er aber ebenso locker mit seinem immer ausverkauften Fabian-Hinrichs-Solo „Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt“. Und weil sich die Berliner Spielzeit insgesamt eher mau dahinschleppt, strahlen seine Abende umso heller. Natürlich ist in „Donna“ im Kern alles wie immer. Was aber auch heißt: so gut, klug, witzig, ironisch, wie man es von Pollesch gewohnt ist.

Das Tolle an Pollesch-Abenden ist ja, das sie auf mehreren Ebenen funktionieren. Man kann sich mit all den Anspielungen auseinandersetzen (das Programmheft zitiert neben Brecht und Haraway u.a. Hans Ulrich Gumbrecht und Woody Allen) oder sich über die insidernden Theaterwitze freuen („An der Volksbühne sehen alle alt aus“). Man kann aber auch einfach den irren Dialogen folgen. Oder die Tragödie hinter jener Szene erspüren, in der Martin Wuttke König Lear spielt – allerdings verborgen vor den Zuschauerblicken, mitten in den verwinkelten Kulissen. Weil sein „Harry“, so will es Polleschs Text, immer dann am Besten spielt, wenn ihm niemand zusieht. Auch ahnt man die Wehmut, die hinter der Aufzählung aller großen Ost-Schauspiel- und Regiestars steckt, die jetzt im Altenheim sitzen.

„Wer hat wen umgefahren? Wer hat wen verlassen?“ Das sind nur vordergründig Fragen des Abends zum lässigen Soundtrack von Bob Dylan und Daniel Johnston, bei denen nie klar ist, ob sie eigentlich die Liebe besingen oder die Pose des Verliebtseins. Dazu kreisen auf der Drehbühne Kulissenfragmente, die Anna Viebrock (selbst eine lebende Legende) so arrangiert hat, dass man vor lauter Rückseiten kaum eine Szenerie erkennt. Nur in einer Perspektive öffnet sich eine Gasse – eine Straßenszene.

Bei Pollesch muss man die Bezüge nicht kennen und verstehen

Das Schöne an Polleschs Abenden ist ja, dass man all diese Bezüge nicht kennen und nicht verstehen muss, um einen Abend im wilden Dreivierteltakt zu erleben. Und ein Schauspielerfest. Von der alten (und wohl auch zukünftigen) Volksbühne hat Pollesch Martin Wuttke und Milan Peschel mitgebracht. Wie Peschel aus jedem Texthänger eine kleine Comedy-Nummer improvisiert, ist ebenso großartig wie seine Zuhörergesten: Gesicht in die Hand stützen, Augen aufreißen, staunen. Wuttke war ja immer schon der Meister des Pollesch’schen Stotterns, also eines Sprechens, als entstünden seine Gedanken gerade erst beim Reden. So werden auch banalere Botschaften dringlich.

Virtuos hasten und stolpern sie in den fluffig-eleganten Kostümen Nina von Mechows durch die Kulissen, die man meist von hinten sieht: Bernd Moss, der begeistert Operettenrollen in Städten aufzählt, die längst nicht mehr zu Deutschland gehören (und damit noch mal eine ganz andere Theatergeschichte andeutet). Judith Hofmann, deren strenge Sprache sich angenehm am Stotterton der anderen reibt. Jeremy Mockridge, der immer etwas Überraschtes hat. Sie alle haben etwas Schlafwandlerisches an sich, etwas Staunendes über die Absurdität der Welt. Oder wie Wuttke es einmal formuliert auf den Einwand, dass Illusion nicht mehr die Grundlage des Theaters ist: „In meinem Leben allerdings schon.“

Deutsches Theater, Mitte, Schumannstraße 13a, Tel. 030 - 284 41-221. Wieder 20., 21. Dezember, 12., 19., 24. Januar