Festakt

Ludwig van Beethoven: Die Welt, wie sie hätte sein können

In Ludwig van Beethovens Geburtsstadt Bonn findet der Festakt zum Start des Jubiläumsjahres statt.

Ludwig van Beethoven als Wachsfigur in Madame Tussauds Figurenkabinett in Berlin.

Ludwig van Beethoven als Wachsfigur in Madame Tussauds Figurenkabinett in Berlin.

Foto: picture alliance / CPA Media Co. Ltd

In einer Berliner Opernpremiere saß eine junge, sehbehinderte Besucherin auf dem Nachbarplatz und verfolgte hochkonzentriert die Musik. Es erinnerte mich an André Gides Erzählung „Die Pastoralsymphonie“, in der ein Pastor mit einem blinden Mädchen ein Konzert besucht, in dem Beethovens sechste Symphonie gespielt wird. Ob die Natur wirklich so schön sei wie in Beethovens Szene am Fluss, will das Mädchen anschließend wissen. Der Pastor zögert. „Diese unaussprechlichen Harmonien malen die Welt nicht so aus, wie sie ist, sondern wie sie hätte sein können.“ Beethovens Einmaligkeit steckt zweifellos in seinem künstlerischen Ringen um eine bessere, schönere Welt, in seinem Oeuvre werden auch Utopien oft unter Schmerzen geboren.

Im Bonner Opernhaus findet am Montag der Festakt zur offiziellen BTHVN2020-Eröffnung statt. Im Konzert wird eine Beethoven-Collage von der Leonoren-Ouvertüre Nr. 3 und der Chorfantasie op. 80 umrahmt. In Bonn war Ludwig van Beethoven am 17. Dezember 1770 getauft worden. Üblicherweise wurden damals Kinder am Tag der Geburt oder am Tag danach getauft. Die Eröffnung führt jetzt in ein Jubiläumsjahr voller Konzerte, Projekte und Ausstelllungen hinein. Das Abschlusskonzert wird schließlich Daniel Barenboim am 17. Dezember 2020 dirigieren. Auf dem Programm steht dann Beethovens letzte Sinfonie, die Neunte, gespielt vom West-Eastern-Divan-Orchestra.

Inspirationen auf langen Spaziergängen

Das Jubiläum wird den streitlustigen Visionär, den Humanisten, den ersten autonomen bürgerlichen Künstler oder den Naturliebhaber, der sich auf langen Spaziergängen Inspirationen holte, entdecken und dabei Widersprüche zwischen Mythos und Mensch offenbaren. Beispielsweise war Ludwig van Beethoven nicht der Weltbürger, als den ihn viele in heutigen Zeiten der Globalisierung gerne sehen wollen. Aber Genies mussten nie weltläufig sein, um etwas von Weltgeltung zu erschaffen. Bereits als 22-Jähriger war Beethoven von Bonn nach Wien in sein neues Lebenszentrum, gezogen. 1792 war auch das Jahr, in dem in Paris die Monarchie abgeschafft und die Erste Republik ausgerufen wurde. Der revolutionäre Schlachtruf „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ aus dem Nachbarland sollte Beethoven ein Leben lang prägen. Er war zunächst ein Bewunderer Napoleons.

Beethovens zögerliche Reisetätigkeit als Klaviervirtuose und vor allem Improvisator – eine Tour führte ihn 1796 auch für einige Tage nach Berlin – endete mit der bald schon beginnenden Schwerhörigkeit. Was ihn verstärkt in eine kauzige Einsamkeit als Wiener Komponist trieb. Dennoch steht Beethoven wie kein anderer rund um den Globus als Synonym für die Klassik, ähnlich wie Shake­speare fürs Drama, die Beatles für Pop oder Picasso für moderne Kunst. Alle Komponisten nach ihm mussten sich irgendwie an seinem Werk reiben.

Beethoven ist zweifellos Teil der Weltkultur, und das digitale Zeitalter wird uns seine Bedeutung jetzt noch schneller, umfassender und bunter vor Augen führen. Beethoven hat einen herausgehobenen Platz in den internationalen Konzertplänen. Sein Werk, ob Oper, Sinfonien, Klaviersonaten oder Kammermusik, wird regelmäßig in Neuaufnahmen von großen Künstlern beleuchtet und gedeutet. Dazu kommen Jingles, Handytöne sowie Filme und Werbespots, die seine Musik verwenden. Mit Beethovens „Für Elise“ kündigen sich die gelben Müllwagen in Taipeh an, damit es ja keiner der Bewohner vergisst. Solcherart Kuriositäten werden verstärkt im Jubiläumsjahr bekannt werden.

Das Ta-ta-ta-taaa vom Beginn der 5. Sinfonie ist wohl eines der weltweit populärsten Motive, das jeder kennt, singen oder sogar weitersingen kann. Beethovens Musik hat auch eine humanistische Dimension. Seine „Ode an die Freude“ ist 1972 vom Europarat zur Europahymne erklärt worden. Als Instrumentalfassung wurde sie damit zu einem offiziellen Symbol der EU.

In Deutschland liegt das beginnende Jubiläum erst einmal in Bonner Händen. Hier hat alles begonnen. Dabei hatte Beethoven keine leichte Kindheit und Jugend. Das zerrüttete familiäre Umfeld ist vom Drill durch den alkoholsüchtigen Vater geprägt, der aus ihm ein pianistisches Wunderkind à la Mozart machen möchte. Nach heutigen Maßstäben würde man von einem häuslichen Gewaltopfer sprechen.

Von Christian Gottlob Neefe erhielt er ersten Kompositionsunterricht. Mit elf Jahren muss er die Schule verlassen, weil er das Haushaltsgeld der Familie aufbessern soll. Aber seine Lernbegierde wird er später umso mehr ausleben. Er wird als Hoforganist an der Bonner Hofkapelle angestellt und spielt nach der Eröffnung der Bonner Hofoper 1789 die Bratsche im Opernorchester. Eine erste Reise nach Wien, um möglichst bei Wolfgang Amadeus Mozart zu studieren, muss er abbrechen, weil die Mutter im Sterben liegt. Seine Leben nimmt eine Wende, als Joseph Haydn in Bonn Station macht und Beethoven als Schüler annimmt.

Haydn, Mozart und Beethoven sind die drei Komponisten, die die Wiener Klassik prägten. Es ist eine einzigartige kulturelle Erfolgsgeschichte – aber Beethoven verzweifelt an der zunehmenden Schwerhörigkeit.

Als Komponist wird Beethoven 1803 am Theater an der Wien angestellt. Er beginnt mit der Arbeit an seiner Oper „Leonore“, die er später zum „Fidelio“ umarbeitet. Er komponiert wichtige Werke wie die „Kreutzer-Sonate“, die dritte Sinfonie „Eroica“, die Schauspielmusik zu Goethes „Egmont“ oder das Violinkonzert D-Dur. Beethovens Einstellung zu Napoleon, dem er die „Eroica“ gewidmet hat, wandelt sich jäh, als der sich zum Kaiser ausrufen lässt. Der Komponist zieht die Widmung empört zurück.

Im Jubiläumsjahr wird sicherlich vieles über seine Krankheiten, seine Psyche, seine Unberechenbarkeit, aber auch seinen Humor und seine vielen Umzüge in Wien zu erfahren sein. Dazu kommt seine Bindungsunfähigkeit, eine Reihe von Frauen werden von den Biografen bis in einzelne Werke hinein diskutiert, aber keine wollte ihn im realen Leben haben. 1815 tritt Beethoven zum letzten Mal öffentlich als Pianist auf, drei Jahre später macht die inzwischen völlige Taubheit die Konversationshefte notwendig. Die Nachwelt empfindet es als Wunder, dass Beethoven trotzdem weiterhin komponieren konnte. Als er 1827 in Wien verstirbt, sollen 20.000 Leute an seinem Trauerzug teilgenommen haben. Die Welt wusste schon immer, was sie an Beethoven hat.