Berliner Ensemble

Die Wahrheit, sie ist kalt

„Stunde der Hochstapler“ von Alexander Eisenach feiert Uraufführung im Berliner Ensemble.

Marc Oliver Schulze in „Stunde der Hochstapler – das Krull-Prinzip“ in der kleinen Spielstätte des Berliner Ensembles.

Marc Oliver Schulze in „Stunde der Hochstapler – das Krull-Prinzip“ in der kleinen Spielstätte des Berliner Ensembles.

Foto: Matthias Horn

Berlin. Kleider machen Leute, eine uralte Volksweisheit. Klar, wir wollen was gelten, machen uns also entsprechend zurecht, bauen uns um und auf und stapeln dabei ganz gerne hoch für den Erfolg. Gottfried Keller hat davon erzählt in seiner Novelle von 1874; ziemlich vergessen. Im Gegensatz zum Roman von Thomas Mann „Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“, den der aufstrebende Regisseur und Autor Alexander Eisenach, Jahrgang 1984, zu Saisonbeginn auf der großen Bühne des Berliner Ensembles kabarettistisch verhackstückte.

Sein Krull-Porträt zeigt (es steht noch im Spielplan) einen narzisstischen Selbstdarsteller, der sein Ich zum Label zurichtet, das sich behauptet gegen die gleichfalls vehement bluffende Markt-Konkurrenz. Wahrheit spielt also keine Rolle, sondern allein der Sieg im Ego-Marketing. Doch wann fing das an mit dem Lügen? Alexander Eisenach ging jetzt im BE-Studio, genannt Neues Haus, dieser Frage nach in einer sozusagen Weiterdrehe seiner Krull-Farce nach Thomas Mann, die nunmehr als „Komödie der Menschheit“ weit, womöglich allzu weit ins Philosophisch-Allgemeine greift. Titel: „Stunde der Hochstapler. Das Krull-Prinzip“.

Die Lüge erschafft uns das Selbst, das wir sein möchten

Die Lüge ist für uns so selbstverständlich wie Atmen. Sie erschafft uns das Selbst, das wir sein möchten. Und schützt. Sie ist zwischenmenschliches Schmiermittel. Wir alle lügen also. Sind Hochstapler, was längst weder anrüchig noch subversiv ist, sondern souverän. „,Ich ist ein anderer‘ als eine unserer grundlegendsten Handlungsmaximen, als Anforderungsprofil. Die Selbstentfremdung als Schlüsselqualifikation.“

Klingt plausibel. Womöglich galt das bereits seit Beginn unserer Zivilisation: „Haben wir uns nicht Jahrtausende an der Nase herumgeführt mit den Geschichten über uns selbst als Krone der Schöpfung? Ist dieses Menschheitstheater, dessen letzten Akt wir gerade sehen, nicht mehr als eine kleine, verschmitzte Hochstapelei?“

Eisenachs Denk- und Nachdenkspiel stellt kluge Fragen (die freilich andere auch schon stellten). Und liefert brillante Dialoge zwischen diversen Fantasie-Figuren: Da sind ein Filmregisseur und Filmproduzent, beide in kreativer Krise mit ihren linearen, brav auf Aktion und Reaktion basierenden Erzählgeschichten (warum nicht mal Umsteigen aufs Nicht-Lineare?). Da ist die Seelenklempnerin, die mit High-Tech arbeitet und trotzdem scheitert. Oder die Wissenschaftlerin, die mit künstlicher Intelligenz ein Aussterben der Menschheit zu verhindern trachtet, das bedrohlich nahe rückt durch irrationale Umweltzerstörung. Und da predigt eine Prophetin, die das irdisch-fleischliche Leben aufzuheben gedenkt, indem praktischerweise alles menschliche Bewusstsein in Computer gesteckt wird, dessen Vernunft zur „Materialisierung des göttlichen Prinzips“ führt.

Uff! Ein 70-Seiten-Denk-und Nachdenkspektakel, das hoch komplexe Probleme thematisiert. Es geht kreuz und quer um Sein, Schein, Geist, Materie, um Eigentlichkeit, Uneigentlichkeit und Kunstherstellung, um Zukunftstechnologie, Endlichkeit und Ewigkeit, um der Menschen Lust, Liebe, Traum, um Empathie und Entfremdung, Überleben und Tod, Endlichkeit und Ewigkeit…

Da hat, freilich mit seinen Worten und auf seine Art, der Autor Eisenach die Auswahl einer Bibliothek geplündert. Doch wie soll das gehen im Theater, das kein Proseminar sein will, sondern nach Spiel verlangt?

Es geht; zumindest halbwegs. Und zwar durch die ins Groteske wie Irrwitzige wuchernde Fantasie sowie den blühenden Blödelhumor des Regisseurs Eisenach. Durch ein von Julia Wassner kurios glamourös kostümiertes Ensemble, das wie verrückt um eine drehbare, von Daniel Wollenzin kitschig gebaute Rummelplatz-Schaubude tobt. Cynthia Micas, Wolfgang Michael, Peter Moltzen, Marc Oliver Schulze und Cordelia Wege liefern performative Hochleistungsartistik mit Klamauk und schießen unentwegt bravourös-rhetorische Feuerwerke ins amüsierte Publikum. Zuletzt sogar eine Konfettikanone, bevor sich alle gegenseitig abknallen in einer Parodie auf allgegenwärtigen Thriller-Betrieb. Immerhin: Das von Redundanz nicht freie, futuristisch grummelnde Redestück ist auch ein zünftiges Show-Stück.

Als Rausschmeißer zum Schluss die schlichte Feststellung, dass Wahrheit meist kalt sei. Der Kaiser ist nackt, rief das Kind im Märchen, der Menschheit Wirklichkeit entsprechend. Das Kind sei getötet worden. Wer Leuten ihre Blöße offenbart, sollte was zum Anziehen bereit halten. Wir haben verstanden.

Berliner Ensemble, Neues Haus, Mitte, Bertolt-Brecht-Platz 1. Termine: 22., 23., 26. Dezember