Schaubühne

Erfrischend wenig Ehrfurcht vorm „Kaukasischen Kreidekreis“

Peter Kleinert inszeniert Brecht mit Schauspielstudenten an der Schaubühne. Der Humor sorgt für Lacher, lässt aber Tiefe missen.

Eine Szene aus „Der Kaukasische Kreidekreis“ an der Schaubühne unter der Regie von Peter Kleinert.

Eine Szene aus „Der Kaukasische Kreidekreis“ an der Schaubühne unter der Regie von Peter Kleinert.

Foto: Gianmarco Bresadola

Die Messlatte liegt hoch am Donnerstagabend im Studio der Schaubühne. Schließlich reiht sich die Premiere von „Der kaukasische Kreidekreis“ in eine lange Kette von Aufführungen des Brecht-Dramas ein. Im Rahmen der Inszenierung erfinden Regisseur Peter Kleinert und die Studenten der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch das Rad zwar nicht neu, bringen aber einen angenehmen Mangel an Ehrfurcht mit.

Das Stück und seine beiden Handlungsstränge werden im Studio deutlich gekürzt dargeboten. Dabei geht jedoch wenig Essenzielles verloren. Die Geschichte der Magd Grusche (Lotte Schubert), die das Kind ihrer Herrin durch Kriegsunruhen rettet, kommt ohne große Abstriche aus. Ebenso die Geschehnisse rund um den Dorfschreiber Azdak (Alexander Wertmann), dem Krieg und Revolution auf den Richterstuhl verhelfen.

Beide Protagonisten sind einfühlsame Delinquenten, die das bestehende Recht beugen, um ihrer Empathie und moralgemäß zu handeln. Dabei bringt Wertmann das Verschlagene des Richters Azdak glaubwürdig rüber, während Schubert die Verzweiflung ihrer Figur herausragend verkörpert. Jederzeit kann man ihr Grusches Dilemma aus dem Gesicht lesen. Dabei trägt sie nie zu dick auf. Allein für Lotte Schuberts Darbietung lohnt sich der Besuch der Aufführung.

Zusammengehalten werden die Stränge des Dramas in bester Brecht-Manier durch ein musikalisches Gerüst. Dabei funktioniert die gesamte Stück-Besetzung als Band, deren zahlreiche Einlagen dabei helfen, das Geschehen wenn nötig zu raffen oder zu ordnen. Bis die Handlung in die berüchtigte Kreidekreisszene mündet und der Mutterschaftsstreit um das gerettete Kind mithilfe eines salomonischen Urteils beigelegt wird.

Der grobe Humor führt zu Lachern, lässt Handlung und Tiefe aber verblassen

Vor einem Hintergrund aus weißen Stoffbahnen wird Brechts Parabel mit wenigen, aber effektiven Requisiten (Bühne: Céline Demars) und viel Komik in Szene gesetzt. Der grobe Humor sorgt für zahlreiche Lacher, wird an einigen Stellen jedoch so albern, dass Handlung und Tiefe des Stücks zeitweise verblassen. Auch wenn mit vielen Mitteln des epischen Theaters gespielt wird, fällt die Reflektion des Geschehens auf der Bühne im Angesicht so vieler Kalauer schwer.

Für viel gelungene Komik sorgt allerdings Philine Schmölzer, die unter anderem einen Adjutanten spielt und fast im Minutentakt für Gelächter sorgt. Zwischenzeitliche Irritation rufen hingegen diverse Rap-Einlagen hervor, die mit der Qualität der übrigen Musik nicht mithalten können.

Brechts erhobener Zeigefinger kommt an diesem Abend nicht übermäßig zur Geltung. Die Moral des Stücks wird nur an wenigen Stellen aufdringlich. Dafür wird eine Tonaufnahme des Dramatikers eingebunden, der so posthum während des Stücks seine strengen Regieanweisungen gibt.

Auch wenn die Umsetzung des Dramas teilweise so heiter gerät, dass der parabolische Charakter in den Hintergrund tritt, profitiert die Inszenierung davon, dass die Beteiligten nicht allzu viel Ehrfurcht mitbringen. So bekommt der kanonisierte Text im Studio der Schaubühne etwas Frisches.