Konzert im Kesselhaus

Hans-Eckardt Wenzel: Im Streifenhemd gegen die Verblödung

Mit herrlich belegter Kneipenstimme singt der Liedermacher im Kesselhaus gegen Konsumwahn und Irrsinn an - und das ohne jeden Kitsch.

Hans-Eckardt Wenzel bei einem Konzert im Kesselhaus in Berlin.

Hans-Eckardt Wenzel bei einem Konzert im Kesselhaus in Berlin.

Foto: picture alliance

Berlin. Einen „Geburtstag“ feiern Hans-Eckardt Wenzel und seine Band am Donnerstagabend im randvollen Kesselhaus der Kulturbrauerei. Auf die Welt gekommen ist das neue Live-Album „Lebensreise“, das x-te in der an Cd-, DVD- und Buchveröffentlichungen reichen Künstlerkarriere von Wenzel. Die Party dazu startet ungemein pünktlich. So pünktlich, dass sich die letzten Gäste gar nicht rechtzeitig durch den von Wenzel unumwunden als „Konsumterror“ gebrandmarkten Weihnachtsmarkt vor den Clubtüren haben kämpfen können.

Aber auch Zuspätkommer wurden während der zwei Sets eines langen Konzertabend noch glücklich. Nicht trotz, sondern wegen ernster Themen. Nicht trotz, sondern wegen all der Zweifel und Traurigkeit, die Wenzel über seinen Zuhörern ausschüttet. Genau das ist die bittersüße Erfüllung eines solchen Abends, Wenzel sagt es selbst zum Schluss: Es ist schön, damit nicht so allein zu sein.

„Wir sind von Dummheit und Hässlichkeit umgeben“

Bei kaum jemandem ist der Begriff Liedermacher so treffend wie bei Wenzel. Hunderte Stücke hat er komponiert oder auch adaptiert. Wer sie zu Hause nachspielen will, kann am Merchandise-Stand sogar ein Songbook erstehen. Wenzel besingt das Leben und die Liebe, und auch wenn das wie eine Plattitüde klingt, kommt er stilsicher ganz ohne solche aus.

Wenzels Markenzeichen sind eine herrlich belegte Kneipenstimme und momentan das gestreifte Sweatshirt. Er kann sich auf eine exzellente Band verlassen, zwei Mann an Bass und Gitarren sowie je einer an Schlagzeug und Trompete. Er selbst wechselt zwischen Gitarre, Keyboard und Akkordeon.

Im Gegenteil. Mit Stücken wie „Überall die gleiche Scheiße“ über die kommerzielle Gleichschaltung unserer Welt oder dem „Lied vom Nicht-Beigeben“ singt Wenzel unermüdlich gegen Verblödung und Verflachung an, auch wenn er bei dieser Unternehmung nicht unbedingt Erfolg erwartet. Er habe sich einmal genauer über den Charakter des Fortschritts Gedanken gemacht, erzählt er, und festgestellt, dass wir was Blödheit und hässliche Dinge angeht, tatsächlich ziemlich weit vorangekommen sind.

Ältere Titel sind auf bedrückende Weise aktuell

Wie Recht er hat. Wenzels völlig kitschfreie Menschlichkeit macht sein Werk ungemein politisch, ohne auf plakative Slogans angewiesen zu sein. „Wir müssen das Widersteh’n lernen“, sagt er, bei Lichte betrachtet eine ungeheure, ungeheuer wichtige Forderung. Wir seien von so viel Dummheit und Hässlichkeit umgeben, dass man schon sehr auf der Hut sein müsse, nichts von all dem Hässlichen und Groben anzunehmen. Sanft zu bleiben, angesichts der „Fratzen“, deren Existenz eines seiner Lieder bedauert.

In einer „Zeit der Irren und Idioten“, so der Titel des schon zwei Jahrzehnte alten und immer aktueller werdenden Titels vor der Zugabe, ist das alles andere als leicht.