Gespräch

Beethoven im eigenen Wohnzimmer

Andreas Kern hat 810 Hauskonzerte in ganz Deutschland organisiert. Am Wochenende beginnt das Klassiker-Jubiläum.

Pianist Andreas Kern hat die Beethoven-Hauskonzerte organisiert.

Pianist Andreas Kern hat die Beethoven-Hauskonzerte organisiert.

Foto: Maurizio Gambarini

Manche Jubilare machen es der Nachwelt schwerer. Von Ludwig van Beethoven wissen wir, dass er am 17. Dezember 1770 in Bonn getauft wurde. Sein Geburtsdatum ist unbekannt. Wie also will man seinen 250. Geburtstag feiern? Die Musikwelt hat entschieden, bereits ein Jahr vorher mit den Feierlichkeiten zu beginnen. Mit einem Festakt im Bonner Opernhaus wird am 16. Dezember das große Jubiläum eingeleitet, am Wochenende davor finden deutschlandweit 810 Hauskonzerte unter dem Motto „Beethoven bei uns“ statt.

Andreas Kern heißt der Kurator der „Hauskonzerte“-Aktion, der Berliner Pianist sitzt in einem Büro unweit vom Potsdamer Platz. „Als Künstler hat mich immer interessiert, eine Bewegung zu schaffen. Diesmal ist es die Geschichte, dass Leute – die eigentlich nichts mit Beethoven zu tun haben – ihre Wohnzimmer freiräumen und mitmachen wollen“, sagt der Organisator. „Manche haben sich überlegt, ja was könnte ich denn mit Beethoven zu tun haben?“ Im Berliner Programm, in dem 149 Veranstaltungen gelistet sind, finden sich neben Musikern auch ein Zwei-Sterne-Koch, Literaten oder Schauspieler wieder.

In Seoul will ein Streichtrio ein Hauskonzert beisteuern

Die deutschlandweite Aktion brauchte Monate der Vorbereitung. Kern konnte dafür auf 15 Regionalmanager zurückgreifen. Insgesamt sind rund 25 Leute an der Organisation beteiligt. „Die Aktivität lag fast immer auf unserer Seite“, sagt Kern: „Man muss sich das so vorstellen: Man fragt denjenigen, ob er Beethovens Musik mag. Wenn die Antwort positiv ist, kann man gleich nachfragen, ob das nicht mal etwas wäre für ein Hauskonzert. Vielleicht nur für Freunde oder auch teilweise öffentlich. Dann kommt man ins Gespräch.“

Tatsache ist, die Leute lassen nicht mal schnell ihnen unbekannte Musikinteressierte ins eigene Wohnzimmer. Ein bisschen Zureden ist erforderlich. „Beethoven ist nicht zu uns gekommen, wir mussten Beethoven in die Wohnzimmer bringen“, sagt Kern. Aber das stimmt nicht ganz. Irgendwann kam eine E-Mail aus Seoul mit der Frage, ob sie mitmachen dürfen. „Wir haben geantwortet, es sei schwer auf unserer Landkarte abzubilden, aber wir dokumentieren ihr koreanisches Hauskonzert auf jeden Fall bei uns auf Facebook. In Seoul spielt am Sonntag ein Streichtrio in einem Café. Wir hoffen, neben Fotos auch einen kleinen Livestream zu bekommen.“

In Südafrika ist Andreas Kern geboren worden, aber in Deutschland aufgewachsen. Klavier hat er in Köln und an der Berliner Universität der Künste studiert. Trotzdem war Beethoven auch für ihn in der Vorbereitungszeit eine Entdeckung. „Ich wusste vorher nicht, dass er auch für Mandoline geschrieben hat. Als Pianist hatte ich mich damit auch nie beschäftigt. Und immer wieder geht eine Faszination von seiner Taubheit aus. Die meisten, mit denen man darüber spricht, sind fasziniert davon, wie Beethoven trotzdem solche Meisterwerke komponieren konnte.“ Sein eigenes Repertoire an Beethoven bezeichnet der Pianist als bescheiden. „Ich habe sieben oder acht der 32 Sonaten gespielt und ein bisschen Kammermusik.“

Einen Namen hat Kern sich auch als Vermittler von klassischer Musik gemacht, er hat das Konzertformat „Piano Battle“ eingeführt. Für Arte kreierte er die für den Grimme Preis nominierte Fernsehsendung „arte lounge“. Und ein Festival für Hauskonzerte, das international kopiert wird, hat er bereits ins Leben gerufen. Es lag nahe, dass die Beethoven Jubiläums GmbH auf ihn zukam.

Aber wie muss man sich ein Beethoven-Hauskonzert vorstellen? Kern meint, sein eigenes sei typisch. „Wir haben eine 130-Quadratmeter-Wohnung in Mitte, es kommt ein Streichtrio, das sind Studenten von der Universität der Künste“, sagt der Gastgeber. „Wir räumen unser Wohnzimmer vorher leer, damit sich 20 Leute zusammensetzen können. Es gibt Plätzchen, Tee, Kaffee und Rotwein.“ Der Kurator betont, dass die Hauskonzerte kein kommerzielles Projekt sind. „Die Musiker spielen für den Hut. Es gibt keine Ausnahmen. Es geht darum, gemeinsam in dieses Jubiläum reinzufeiern.“ Trotzdem sind rund die Hälfte der spielenden Musiker Profis. In Berlin kommen viele aus Orchestern wie etwa dem Filmorchester Babelsberg.

Das Wiesenprojekt, an dem 60 Pianisten teilnehmen, will Kern besonders hervorheben. Es findet in einem Studio in Schöneberg statt, es ist zugleich die Werkstatt von Thomas Hübsch, dem Klavierstimmer der Philharmonie. Das Projekt greift zurück auf Thomas Manns „Doktor Faustus“, worin die letzte Sonate von Beethoven behandelt wird. „Die Idee von Thomas Hübsch war, viele Freunde und Bekannte zusammenzutrommeln, die diese gar nicht so einfache Sonate spielen können. Der Marathon geht von Freitag bis Montag. Es spielen ein Jazzpianist, ein Klavierduo, das sich die linke und rechte Hand aufteilt, Klavierstars wie Igor Levit oder Lars Vogt.“ Aber auch Schauspielerin Martina Gedeck wird etwas lesen.

Ein eigenes Beethoven-Menü mit Fisch und Roten Beeten

Zwei-Sterne-Koch Marco Müller kennt der Kurator schon etwas länger. Er war offen für Beethoven, sagt Kern. Entstanden ist ein Beethoven-Menü. Kern hatte dafür mit dem Beethoven-Haus in Bonn gesprochen, wo es tatsächlich Aufzeichnungen über Beethovens Wünsche an seine Köchin gibt. „Beethoven mochte Fisch und bestimmte Kräuter. Marco hatte noch recherchiert, dass Beethoven gern Rote Bete gegessen hat.“ Also gibt es jetzt am Wochenende im Edelrestaurant Rutz ein Beethoven-Menü mit Fisch und Roten Beten. Das Menü wird als neunter Gang geführt – in Anspielung an neun Sinfonien. So viel Symbolik muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.