Hologramme

Weihnachtscircus Roncalli verzichtet auf echte Tiere

Direktor Bernhard Paul geht mit der Zeit und setzt auf Hologramme und plastikfreie Shows.

Unter den Artisten im Tempodrom in der Manege befinden sich auch die drei Kinder von Bernhard Paul. Er selbst führt Regie.

Unter den Artisten im Tempodrom in der Manege befinden sich auch die drei Kinder von Bernhard Paul. Er selbst führt Regie.

Foto: Roncalli

Berlin. Zirkus ist Wandel für Bernhard Paul. Weltweit setzt sein Circus Roncalli als erster auf Tier-Hologramme statt auf echte Tiere. Mittels Laserbeamer werden Tiere scheinbar lebendig. Ein neues Zeitalter für die altehrwürdige Zirkuskunst. Wenngleich Bernhard Paul auch Gepflogenheiten liebt, wie er auf der Pressekonferenz zum nunmehr 16. Roncalli Weihnachtscircus im Tempodrom zugibt: „Es ist wunderbar, wenn man zur Tradition des Berliner Kulturbetriebs gehört.“

Am 19. Dezember ist es wieder so weit. Dann begrüßt der Zirkus die Zuschauer mit einem fröhlichen „Hereinspaziert!“. Weil die Nachfrage so immens ist, gibt es am 26.12. um 11 Uhr eine Zusatzvorstellung. Zu den 29 Shows sowie den drei Silvester- und Neujahrskonzerten mit dem Circus Roncalli und dem Deutschen Symphonie Orchester.

Seit über 40 Jahren steht der Circus Roncalli ganz oben in der Publikumsgunst. Mit meisterhaften Kreationen und einer einzigartigen Ästhetik. Gründer und Direktor Bernhard Paul zog es schon als Kind zum Zirkus. „Ich bin in einem relativ trostlosen Industriestädtchen in Österreich aufgewachsen. Ich war sechs Jahre alt, als ein kleiner Zirkus dort seine Zelte aufschlug. Das war eine bunte Gegenwelt mit Zebras statt Kühen. Ich hatte plötzlich ein Gefühl von Heimat. Vorher dachte ich immer, ich sei falsch abgegeben worden“, erinnert er sich.

Mit André Heller gründete er schließlich 1975 den Circus Roncalli. Heller stieg kurz darauf wieder aus, als es mit der ersten Produktion finanzielle Probleme gab. Der Zirkus sollte gepfändet werden. Doch Bernard Paul hat seine Zirkuswagen bei starkem Schneefall auf der Großbaustelle des Schlachthofes von St. Marx in Österreich versteckt. „Aufgeben ging nicht. Das war und ist mein Ding“, sagt er. Das hieß für ihn, hinfallen, aufrichten, weitermachen. Mit Erfolg.

Heute ist der Circus Roncalli weltberühmt. Allerdings nach wie vor ein hartes Geschäft. Bernhard Paul weiß: „Um sich den Zirkus leisten zu können, muss man nebenher arbeiten.“ So betreibt er seit 1997 Roncalli’s Apollo Varieté in Düsseldorf, veranstaltet seit dem Jahr 2000 den Hamburger Weihnachtsmarkt mit seinem Roncalli-Team. Und seine Artisten bestreiten auf acht Kreuzfahrtschiffen Programme. „Angesichts des Schweröls, mit dem die Schiffe fahren, sind wir da auch missionarisch tätig und weisen auf Alternativen hin“, verrät er ganz umweltbewusst.

Paul geht mit der Zeit und ist überzeugt, ohne Neuerung und Korrekturen überlebt kein Zirkus: „Man braucht den Mut, Dinge einzubauen, die auf den ersten Blick nicht passen.“ Anfang der 80er hätten sich andere Zirkusunternehmen darüber krankgelacht, dass es bei ihm eine Seifenblasen-Nummer gab. Eine Zeit, in der Salto mortale, Tiger und Elefanten für viele Direktoren das Nonplusultra waren. Und siehe da, die Seifenblasen haben sich durchgesetzt.

Seit 2018 wirbt Circus Roncalli offensiv mit dem Slogan „Keine Angst vor wilden Tieren! Wir haben keine!“. Für den Direktor ein logischer Schritt: „Wir hatten seit Jahren nur noch Pferde, dann Ponys. Unsere Pferde wurden immer kleiner, bis sie unsichtbar waren.“ Dass die Tiere durch Hologramme ersetzt wurden, war in 145 Ländern in den Abendnachrichten. In Berlin ist die innovative Technik im nächsten Jahr zu erleben.

Seit drei Jahren ist der Zirkus zudem weitestgehend plastikfrei. Für Bernhard Paul wichtig, angesichts vermüllter Weltmeere: „Das braucht man fast alles nicht.“ Seither gibt es Popcorn in schön gestalteten Papiertüten. „Das sind jetzt Sammlerobjekte. Außerdem schmeckt es besser“, schwärmt der 72-Jährige.

Vor etwa 30 Jahren fragte ihn ein Fachblatt, wie es um den Zirkus nach dem Jahr 2000 stehen würde. Damals prophezeite er, dass es danach keine der großen Zirkusse mehr geben werde. „Ich habe versucht, ehrlich zu sein“, sagt er. Und tatsächlich sind viele der einst populären Namen aus der Öffentlichkeit verschwunden, wie er es vorausgesehen hat. „Ich habe das an drei Fragen festgemacht: Wie innovativ ist ein Zirkus? Erfindet er sich neu? Und wie sieht es mit der Familie aus? Ein Zirkusbetrieb ist in den meisten Fällen ein Familienunternehmen.“ Er selbst zog seinerzeit eigene Schlüsse daraus: „Ich habe mich sofort auf Brautschau begeben und eine Italienerin aus einer Zirkusfamilie geheiratet.“

Das war 1990. Mit seiner Frau, der Artistin Eliana Larible-Paul, hat er drei erwachsene Kinder. Sie gehen langsam in die Geschäftsführung, die Castingabteilung und die Regie. Erst einmal stehen sie aber als Artisten im Tempodrom in der Manege, was Bernhard Paul ungemein freut. Führt er doch selbst Regie beim Weihnachtscircus. Wie gewohnt, erzählt er auch diesmal mit den Akrobaten neue Geschichten. Verzaubert die Zuschauer mit der poetischen Roncalli-Magie. Das Motto des Zirkus lautet bekanntlich: „Staunen, lachen, träumen Sie!“

Tempodrom, Möckernstr. 10, Kreuzberg, Tel. 47 99 74 77, 19.12.-5.1., Premiere 19.12. um 19 Uhr, Infos unter www.roncalli.de