Staatsoper

Battle der Ballerinen

Mit „Ekman | Eyal“ zeigt das Staatsballett zwei Uraufführungen an der Staatsoper.

Foto mit Ungeheuer: "LIB" by Alexander Ekman, Photo: Jubal Battisti Foto der Gruppenreihe: "STRONG" by Sharon Eyal.

Foto mit Ungeheuer: "LIB" by Alexander Ekman, Photo: Jubal Battisti Foto der Gruppenreihe: "STRONG" by Sharon Eyal.

Foto: Jubal Battisti

Heiterkeit hier, Düsternis dort: Unterschiedlicher könnten die Atmosphären der beiden am Sonntag an der Staatsoper gezeigten Uraufführungen des Staatsballetts kaum sein. In „LIB“ lädt Alexander Ekman vier Primaballerinen zum Abschütteln antrainierter Klassik-Konventionen. Aus biestiger Konkurrenz wird beschwingte Kooperation. Sharon Eyal hingegen entwirft in „STRONG“ die Albtraum-Version eines Kollektivs, das eher an die kybernetischen Borg aus „Star Trek“ erinnert denn an einen organisch aufeinander abgestimmten Verbund atmender Wesen – wie ihn etwa Emanuel Gat zu schaffen vermag, ein ebenfalls israelischer Choreograf, dessen „Sunny“ ursprünglich Teil des Abends hatte sein sollen, aber an die Volksbühne verlagert ist.

Gegensätzliche Stimmungen also beim Doppelabend „Ekman | Eyal“, mit dem das von den Tanzkritikerinnen und -kritikern der Fachzeitschrift „tanz“ zur Kompanie der Spielzeit 2018/19 gewählte Staatsballett endlich wieder das Wagnis zweier Auftragsarbeiten eingeht. Ob es dramaturgisch stimmiger gewesen wäre, das Publikum mit Ekmans „LIB“ zu entlassen? Vielleicht hätten es dann einige nicht über die Pause geschafft. „LIB“ zelebriert die Nahbarkeit der Staatsballett-Stars, auch wenn diese sich anfänglich gebärden wie Klischee-Diven: Kreuzt Ksenia Ovsyanick Pfade mit Aurora Dickie, schauen die beiden verbissen aneinander vorbei; nur ihre verstohlen ausgestreckte Hand flattert als habe sie sich zur Begrüßung verselbständigt. Elisa Carrillo Cabrera wiederum sticht im Sitzen ihre Spitzenschuhe in die Luft als wolle sie eine Gegnerin aufspießen. Und Polina Semionova wirft ihren Kolleginnen erstaunlich abschätzige Blicke zu, während sie in exaltierter Virtuosität im Grand Plié auf Spitze balanciert und ihre Hände durch die Luft sausen lässt wie Uma Thurman in „Kill Bill“ ihre Klinge. Dazu ertönt „I can get no satisfaction“ der Rolling Stones. (Selbst-)Ironisch kratzt Ekman hier am Lack der Ballett-Welt.

Gestört wird das Battle der Ballerinen durch Johnny McMillan, der auf die Bühne rollt. Grauhaarig umbüschelt und wuschelig wie die Chewbacca-Figur aus „Star Wars“, bricht sein Auftritt mit den klaren Konturen der Klassik – McMillan ist bei Alexander Ekman ein Botschafter des Wandels. Vielleicht erzählt er die Story des neuen Staatsballetts, dem nach der russisch geprägten Ära Malakhov unter der Intendanz des Duos Johannes Öhman und Sasha Waltz eine Fusion von Klassik und Zeitgenossentum gelingen soll? „LIB“ wäre ein starkes Plädoyer pro Hybridisierung. Ein letztes Duell-Duett fechten Polina Semionova und Ksenia Ovsyanick aus, wobei sie zunehmend zugewandte Gesten spielerischen Haarewuschelns und Nasenwurzelkraulens entdecken. „OK“ statt „NO“ liest sich nun die Projektion.

In der nächsten Szene fluten Wellen eines fast hippiesken Befreiungsgefühls die Bühne. Zum Talking Heads-Song „Take Me To The River“ schütteln die fünf Staatsballett-Spitzen alle Steifheit ab. Mit mehr und mehr Haarteilen verhüllen sich die Ballerinen, und die so gar nicht der gängigen Ballett-Bekleidung entsprechenden Kostüme von Charlie Le Mindu umtanzen die zuvor in enge Trikots gewandeten Körper. Verwegen schleift Polina Semionova ihren Spitzenschuh über den Boden, McMillan schlittert nach einem Purzelbaum auf die Bühnenkante zu. In frappierende Gelöstheit versetzt das Haar die Tänzerinnen – als beschwöre Ekman seine magische Kraft. Naiv mag man Ekmans Narrativ von der „liberation“ finden – die Tanzfreude ist ansteckend. Am Schluss sitzt das Quintett zum Anfassen nah an der Rampe und lässt „LIB“ mit glückselig breitem Lachen ausklingen.

Nichts zu lachen gibt’s in „STRONG“, mit dem das Staatsballett vermutlich nicht an den Erfolg von Sharon Eyals „Half Life“ wird anschließen können. Berlin ist seither mit dem Prinzip von Eyals choreographischer Arbeit vertraut: maschinell-repetitive Bewegungen in strenger Formation, zu einem (Techno-)Track von Ori Lichtik. Starr wirken die Linien, Reihen und V-förmigen Keile, in denen Sharon Eyal und ihr Co-Choreograph Gai Behar hier die siebzehn Tänzerinnen und Tänzer anordnen. Im Relevé auf der Stelle marschierend, drücken sie sich mit nach außen gestemmten Ellbogen die Rippenbögen hoch, legen eine Hand wie würgend an den Hals oder reißen die erhobene Faust ruckartig hinab zur Hüfte. Signaturbewegungen der Choreographin, die hier aber keinen Subtext für ihren Stil findet. Oder ist „STRONG“ die Botschaft an einen Staat, in dem Rechtsextreme wieder Angriffe auf Synagogen verüben? Die Dystopie eines drohenden Dunkel-Deutschlands? Das wiederum wäre stimmig.