Gala-Abend in Berlin

Europäischer Filmpreis: Sieg für den Favoriten

„The Favourite“ war der große Gewinner beim Europäischen Filmpreis. Die Deutschen punkteten bei der Serie - und bei der Zeremonie.

Juliette Binoche erhält einen Ehrenpreis für den Europäischen Beitrag zum Weltkino.

Juliette Binoche erhält einen Ehrenpreis für den Europäischen Beitrag zum Weltkino.

Foto: dpa

Ein wenig seltsam ist es ja schon. Eigentlich will das Europäische Kino mit dem Europäischen Filmpreis ja die Vielfalt des Kontinents feiern. Und dann sahnt doch Jahr für Jahr immer ein Film groß ab und lässt die anderen ein wenig wie Verlierer dastehen. Am 7. Dezember, als der Preis (wie in jedem zweiten Jahr) in Berlin (dem Sitz der Europäischen Filmakademie) vergeben wurde, hat die britische Filmkomödie „The Favourite“ über Intrigen und Frauenpower am Hofe von Queen Anne gleich vier Preise gewonnen.

Erst durfte der Grieche Yorgos Lanthimos dafür den Preis als Europäischer Regisseur entgegennehmen – es war die erste Kategorie des Abends –, später wurde Hauptdarstellerin Olivia Colman zur Europäischen Schauspielerin gekürt.

Vier Filme gab es vorab, vier weitere am Abend

Und dann gelang dem Film auch gleich noch das Kunststück, sowohl als Europäische Komödie als auch als Europäischer Film, die Hauptauszeichnung, zu triumphieren. Bereits Mitte November, als Preise in Nebenkategorien vergeben wurden, wurde „The Favourite“ für Kamera, Schnitt, Kostüm- und Maskenbild ausgezeichnet, so dass der Film insgesamt auf acht Preise kommt.

Das ließ den Europäischen Film, auch den Europäischen Filmpreis ein wenig alt aussehen. Denn „The Favourite“ hatte bereits im September 2018 seine Premiere auf dem Filmfestival von Venedig, Olivia Colman hat dafür im Februar einen Oscar gewonnen Und insgesamt konnte er schon über 150 internationale Preise einheimsen.

Viele Nominierte glänzten durch Abwesenheit

Man könnte optimistisch sagen, der Europäische Filmpreis sei die Krönung des Ganzen. Man könnte sich auch freuen, dass in Zeiten des ewigen Brexit-Debakels die Filmakademie just einen britischen Film auszeichnet und die weitere Zusammengehörigkeit betont.

Man kann aber auch schon einen gewissen Überdruss verzeichnen. Zumal ausgerechnet bei diesem Film nur der Produzent in Berlin anwesend war. Olivia Colman schickte immerhin eine Grußbotschaft per Handy-Film. Und das lässt einmal mehr fragen, wie wichtig den europäischen Filmemachern dieser Preis eigentlich ist. Während sie alle bei der Oscar-Verleihung wie selbstverständlich Zeit finden, um über den großen Teich zu fliegen..

Pedro Almodóvar, der eigens nach Berlin gereist war, wirkte dagegen ein wenig zerknirscht. Auch sein Film „Leid & Herrlichkeit“ war vier Mal nominiert, es war sein persönlichster Film. Aber am Ende gab es nur einen Preis für den Hauptdarsteller Antonio Banderas.

Ein sehr starkes Jahr für Europas Kino

Der ebenfalls nicht anwesend war, weil er an diesem Abend Theater spielte. Er ließ sich aber aus dem Theatersaal zuschalten, um Danke zu sagen – 40 Minuten vor seinem Auftritt. Und dankte vor allem Almodóvar, dem er den Preis auch widmete – und der schließlich diesen einen entgegennehmen konnte.

Die Preise, sie gehen aber schon in Ordnung. Schön, dass einmal Filme reüssieren, in denen Männer nur Nebenfiguren sind. Das gilt auch für „Porträt einer jungen Frau in Flammen“, der den Drehbuchpreis bekam.

Erstmals ein Preis für eine Serie

Pech nur für Almodóvar, Pech auch für andere Filme wie Marco Bellochios „Verräter“ oder Roman Polanskis „Intrige“, die ebenfalls vier Mal nominiert waren und gänzlich leer ausgingen – Pech für sie alle, dass es einfach ein sehr starkes Jahr war für den Europäischen Film.

Auch der deutsche Film gehörte deshalb zu den Verlierern. Alexander Scheer war für seine großartige Darstellung als „Gundermann“ nominiert, und Nora Fingscheidts furioses Spielfilmdebüt „Systemsprenger“ war gleich zwei Mal nominiert, auch in der Hauptkategorie. Es blieb aber bei dem Preis für die Musik, der schon im November verliehen wurde.

Dafür konnte Deutschland in einer Kategorie triumphieren, die überhaupt zum ersten Mal verlieren wurde. Als Europäische Serie wurde „Babylon Berlin“ von Tom Tykwer, Achim von Borries und Henk Handloegten ausgezeichnet. Und weil die drei Regisseure mit großem Stab angekommen waren und alle auf die Bühne baten, stand gefühlt ein Viertel des Saals auf der Bühne.

Die Deutschen können auch Kurzweil

Und die Deutschen konnten noch anders punkten: Während die Zeremonie sich sonst gern überlang hinzieht, gelang es dem Berliner Regisseur Dietrich Brüggemann, mit seiner Schwester Anna Brüggemann und der Schauspielerin Aista Dirziute als Moderatorinnen eine kurzweilige und vor Ideen nur so sprühende Verleihung zu inszenieren. Zu deren Hauptattraktion etwa gehörte, dass auf Werner Herzog, dem der Ehrenpreis verliehen wurde, nicht nur Wim Wenders eine Hommage hielt, sondern obendrein von einer Sopranistin eine lange, ironische Arie auf ihn geschmettert wurde. So was, glaubte man bislang immer, können die Deutschen nicht. Brüggemann bewies das Gegenteil.

Ein flammender Appell: „Wir müssen uns ändern“

Was den Europäischen Filmpreis von anderen unterscheidet, ist, dass hier nicht Produzenten und Kollegen gedankt wird, sondern immer auch die Europäische Idee gefeiert wird. Schon Frankreichs Star Juliette Binoche, die für den Europäischen Beitrag zum Weltkino ausgezeichnet wurde, nutzte ihre Dankesrede für eine überraschende Frage: die nämlich, wie man noch Filme machen könne, wenn doch überall die Welt vor die Hunde gehe. Sie verband das mit einem flammenden Appell an alle Filmemacher, sich sorgfältig zu überlgen, welche Themen sie auswählen. Denn, so Binoche: „Wir müssen uns bewegen – und uns ändern.“

Und auch Werner Herzog beließ es nicht bei der üblichen Dankesrede. Der deutsche Filmemacher mit Wohnsitz in Los Angeles sendete auch eine kritische Adresse an Europa, das er mit dem Blick von außen vielleicht etwas anders wahrnehme, wie er meinte. Allerorten werde derzeit die Europäische Union in die Krise, vielleicht sogar an ihr Ende geredet. Herzog forderte auf, das selbstbewusst anders zu sehen.

Nur die Franzosen sind entschuldigt

Europa habe einen speziellen Wert. Die Europäische Union sei ein großartiges und funktionierendes Friedensprojekt. Das längste, dass es je in der Welt gegeben habe. „Wir sollten stolz darauf sein.“ In solchen Momenten scheint das Europäische Kino ganz bei sich und wirklich geeint zu sein. Nur schade, dass dennoch einmal mehr so viele Nominierte durch Abwesenheit glänzten. Lediglich die Franzosen waren entschuldigt. Die kamen wegen des Generalstreiks einfach nicht nach Berlin.

Die Preise im Überblick:

Europäischer Spielfilm: „The Favourite“ (Großbritannien/Irland) von Yorgos Lanthimos

Europäische Komödie: „The Favourite“ (Großbritannien/Irland) von Yorgos Lanthimos

Europäische Schauspielerin: Olivia Colman in „The Favourite“

Europäischer Schauspieler: Antonio Banderas in „Leid und Herrlichkeit“

Europäische Regie: Yorgos Lanthimos für „The Favourite“

Europäisches Drehbuch: Céline Sciamma für „Porträt einer jungen Frau in Flammen“

Europäischer Dokumentarfilm: „For Sama“ von Waad al-Kateab und Edward Watts

Kamera: Robbie Ryan für „The Favourite“

Filmmusik: John Gürtler für „Systemsprenger“

Sounddesign: Eduardo Esquide, Nacho Royo-Villanova Laurent Chassaigne für „A Twelve-Year Night“

Schnitt: Yorgos Mavropsaridis für „The Favourite“

Szenenbild: Antxon Gómez für „Leid und Herrlichkeit“

Kostümbild: Sandy Powell für „The Favourite“

Maskenbild: Nadia Stacey für „The Favourite“

Visuelle Effekte: Martin Ziebell u.a. für „About Endlessness“

Europäischer Beitrag zum Weltkino: Juliette Binoche

Ehrenpreis für das Lebenswerk: Werner Herzog

Serie: Achim von Borries, Henk Handloegten und Tom Tykwer für „Babylon Berlin“