Komische Oper

Mehrling und Kosky: „Mein Lampenfieber ist größer“

Katharine Mehrling singt, Barrie Kosky wird sie am Klavier begleiten. Ein Gespräch bei den Proben in der Komischen Oper.

Katharine Mehrling und Barrie Kosky bei einer Probe in der Komischen Oper. Heute ist die Premiere ihres Kurt-Weill-Programms „Lonely House“.

Katharine Mehrling und Barrie Kosky bei einer Probe in der Komischen Oper. Heute ist die Premiere ihres Kurt-Weill-Programms „Lonely House“.

Foto: Reto Klar

Berlin. Es ist bereits spätabends, die Probe gerade vorbei. Zwei der beliebtesten Berliner Künstler machen gemeinsame Sache, am heutigen Sonntag ist die Premiere in der Komischen Oper. Im Programm „Lonely House“ singt Katharine Mehrling Songs und Chansons von Kurt Weill, am Klavier wird sie begleitet von Barrie Kosky. Was Seltenheitswert hat. Der australische Intendant der Komischen Oper ist vor allem als Opernregisseur und Neuentdecker von Operetten und Musicals populär geworden. In ihrem gemeinsamen Liederabend wollen die Schauspielerin und der Opernregisseur Werke des jüdischen Komponisten Kurt Weill vorstellen, die im Exil in Paris und New York entstanden sind.

Kurt Weill war mit der Schauspielerin und Chansonsängerin Lotte Lenya verheiratet. Wollen Sie im Programm jetzt in deren Rollen schlüpfen?

Katharine Mehrling Nein. Es geht um die Lieder. Wir wollen zeigen, was für ein unglaubliches Werk im Exil in Paris und New York entstanden ist. Es ist eine wahre Schatztruhe. Unser Programm hat nichts mit Rollen zu tun, in die wir schlüpfen. Wir gehen in die Geschichten der Lieder hinein.

Barrie Kosky Es ist auch ein Versuch, Kurt Weill von zwei künstlerischen Schraubstöcken zu lösen: Bertolt Brecht und Lotte Lenya. Brecht ist Weills Verbindung mit Berlin, und die beiden hatten sowieso eine problematische Beziehung. Brecht war ein sehr eifersüchtiger Künstler. Mit Lotte Lenya hatte Kurt Weil künstlerisch und privat eine enge Beziehung, aber seine Lieder in Französisch und Englisch hat er nicht für Lotte geschrieben. Sie hat auch nur ein paar davon gesungen, aber in den fünf, sechs großen Broadway-Shows war sie nicht dabei.

Aber Lotte Lenya und Kurt Weill sind doch beide gemeinsam ins Exil gegangen?

Kosky Ihre Beziehung war eng, aber viele von diesen Broadway-Songs waren einfach viel zu schwierig für sie. Sie hatte einen kleinen Stimmumfang. Bei Katharine ist er viel größer, viele Lieder des Programms hätte Lotte Lenya nie singen können. Wir wünschen uns, dass ein deutsches Publikum mitbekommt, dass Weills Pariser und New Yorker Exiljahre künstlerisch großartig waren und seine Karriere nicht mit den Berliner Erfolgen wie der „Dreigroschenoper“ und „Mahagonny“ aufgehört hat. Die im Exil entstandenen Lieder sind musikalisch viel reicher und komplexer als seine Berliner Lieder.

Wenn Sie am Telefon jemandem kurz beschreiben müssten, wer die Person Kurt Weill war?

Mehrling Er war einer der bedeutendsten Komponisten, die Deutschland je hatte, der genialste Grenzgänger zwischen E- und U-Musik. Das Traurige ist, dass man in Deutschland meistens nur die Werke kennt, die gemeinsam mit Brecht entstanden sind. Warum ist das so?

Kosky Das ist deutscher Snobismus.

Mehrling Am Broadway hat er mit den Größten, darunter Ira Gershwin, zusammengearbeitet.

Kosky Es ging ihm im Exil nicht wie Paul Abraham oder Emmerich Kálmán, die nicht wirklich Fuß fassen konnten. Er revolutionierte erfolgreich das Broadway-Musical!

Herr Kosky, was waren in Australien Ihre ersten Berührungen mit Kurt Weill? Vermutlich zuerst mit den Broadway-Erfolgen.

Kosky Nein. Als ich 14 Jahre alt war, habe ich in der Schule bei „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ mitgespielt. Damit war mein Interesse an Brecht geweckt. Meine Großmutter hat mir dann eine Aufnahme von der „Dreigroschenoper“ gegeben, so habe ich Weill entdeckt.

Mehrling Wenn in Deutschland das Thema auf Brecht und Weill kommt, wird Brecht immer zuerst genannt. In New York ist das eher umgekehrt, da ist Weill der Star.

Kosky „Lady in the dark“ war 1941 ein radikaler Bruch bei den Broadway-Musicals. Weill hat viele Stücke geschrieben, die voller Juwelen sind. Es klingt eben nicht nach Gershwin, Cole Porter oder all den anderen wunderbaren Komponisten seiner Zeit in New York. Kurt Weill verband deutsche Musik mit dem typischen Berlin-Jazz und mit dem amerikanischen Jazz und der Populärmusik.

Mehrling Und dem französischen Chanson.

Kosky Kurt Weill hat einen neuen, einzigartigen Klang kreiert – eine herausragende künstlerische Leistung.

Sie machen jetzt nur zwei Aufführungen. Es klingt nach großem Aufwand, ein solches Programm zu entwickeln und zu proben?

Kosky Wir präsentieren das Programm im kommenden Jahr auch beim Kurt-Weill-Festival in Dessau. Und wir haben bereits weitere Anfragen.

Mehrling Aber selbst, wenn es dabei bliebe, ist es für mich eine Offenbarung, dieses im Exil entstandene Material gemeinsam mit Barrie erforscht zu haben. Bis jetzt habe ich mich an Kurt Weill nicht rangetraut, Barrie hat mir die Tür geöffnet.

Kosky Ja, ich wollte Katharine aus ihrer Komfortzone herauslocken. Wir wissen, sie ist sensationell begabt als Schauspielerin, Sängerin, Komödiantin. Sie kann alles, das ernste Fach wie das Musical. Sie singt ihre Shows in der Bar jeder Vernunft oder gerade eben in New York. Ich sagte ihr, dass ich mit ihr etwas ganz anderes machen möchte. Etwas, bei dem ich fühle, dass es mir wichtig ist und zur Komischen Oper gehört. Wir sprachen über Cole Porter und Gershwin und kamen schnell auf Kurt Weill.

Mehrling Dir war klar, dass es die Lieder aus dem Exil sein müssen. Weills Berliner Jahre kennt man schon durch viele große Künstler.

Kosky Es sind nicht nur Lotte Lenya und Hildegard Knef. Wir reden von Gisela May und Ute Lemper.

Hat denn der Pianist Barrie Kosky jetzt Lampenfieber?

Kosky Mein Lampenfieber ist jedenfalls größer, als wenn ich als Regisseur auf der Bühne stehe. Und selbst, wenn ich bei einer Probe da oben bin, ist mir das Arbeitslicht lieber als das Spotlight. Ich mache das Projekt jetzt aus zwei Gründen: Ich liebe Katherines Stimme und die Lieder von Kurt Weill. Es ist nicht der Anfang einer neuen Karriere als Pianist.

Mehrling Aber Du hast doch schon oft gespielt.

Kosky Ja, früher in Australien und Wien. Aber ich bekomme gerade viele Angebote, Klavier zu spielen. Nicht nur in diesem Haus. Sogar unser Generalmusikdirektor Ainārs Rubiķis hat mich gefragt, ob ich nicht eine Nummer im Neujahrskonzert spielen könnte. Ich habe dankend abgelehnt.

Mehrling Mir ist sehr wohl bewusst, dass ich den luxuriösesten Pianisten der Welt habe. Und dass ich den nicht immer bekommen kann. Deshalb werde ich die beiden Konzerte genießen.

Frau Mehrling, nach der zweiten Vorstellung am 19. Januar bekommen Sie von der Berliner Theatergemeinde den „Goldenen Vorhang“ als beliebteste Schauspielerin verliehen. Wieso gerade in diesem Rahmen?

Mehrling Für mich ist es ein besonderer Abend. Zusätzlich noch diesen Preis zu erhalten, ist natürlich wunderbar. Das Sahnehäubchen.

Kosky Du hast den Preis doch auch schon für „My Fair Lady“ und für „Ball im Savoy“ bekommen? Dann gehört das doch quasi zum Haus.